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Die Welt · 1897-09-17 · 16 (17.9.1897) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
16 (17.9.1897)
Article
Lemberg [Nachricht]
Date
1897-09-17
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16. MOE Seite 9. auf dem Congreß den Zionismus, bittet um Aufnahme der Juden in die polnische Organisation und erklärt, daß die jüdischen Socialisten die Assimilation wollen. Ihm secvndirt Genosse Lieb er mann und decretirt: die jüdische Nation existire nicht. Die Thesen finden jedoch keinen Anklang. Die Genossen aus Stanislau beantragen die Wahl einer Commission zur Regelung der nationalen Fragen; alle Juden mit Daszynski stimmen dagegen. Dafür stimmen die Christen mit Kozakiewicz an der Spitze. Abgeordneter Kozakiewicz beantragt die Ausscheidung der Juden aus den bestehenden Organisationen und Schaffung einer besonderen für die Juden. Der Antrag wird genügend unterstützt und motivirt. Er wird jedoch abgelehnt. Ursachen wären iin Parteisond, Mandatssucht re. zu suchen. Gegen die jüdische Socialisterei wird in christlichen Arbeiterkreisen gearbeitet. Die Zeit ist nahe, ivo auch hier den Juden der Stuhl vor die Thüre gestellt wird. Di-. M. Budapest (Orig. Corr.) Die kurze, rein sachliche und wie wir uns weiter unten überzeugen werden von Wohlwollen für die Ungarn beseelte Congreßrede des Advoeaten Dr. Ränai aus Balazsfalvan wurde trotzdem von einigen ungarischen und einem rumänischen Blatte zum Gegenstände feindseliger Kritik gemacht. Dr. Ränai gibt daraus im „Budapester Hirlap" eine außerordentlich interessante Antwort, die sich alle Bewunderer Ungarns recht deutlich merken mögen. Nachdem er seine Rede wörtlich reprodncirt hat, setzt Dr. Ränai fort: „Das habe ich am Congreß gesagt. Aber ich gestehe, daß, ivenn ich zu Hause im vertraulichen Kreise sprechen würde, so wäre mein Urtheil über die Lage ein viel härteres. Ich würde erzählen, das; die Gesellschaft in Ungarn den Juden gegenüber zumeist Engherzigkeit und Hochinuth bekundet; ich würde erzählen, daß n an bei den Gerichten die Juden bei jeder Gelegenheit schmäht, daß mancher Richter im Verhandlungssaal sich erkühnt zu sagen: „Nur derjenige magyarisirt seinen Namen, der Ursache hat, seine Vergangenheit zu verdecken". Ich würde erzähle», daß ein Bezirksrichter dcnr Gesetze zu Trotz die Anordnung trifft, daß die Executioncu „ohne Rücksicht ans den Sabnlh" selbst mit Brachialgewalt durchzuführen sind. Ich würde daraus hiirweisen, wozu die ungarische Verwaltung zur Zeit der Tisza-Eszlar Affaire fähig war. Wenn »ran die ungarischen Inden braucht, dann soll man sie nicht erniedrigen zu einer Volksschichte zweiter oder dritter Classe, an welcher Jedermann seine kothigen Stiefel abwischen kann. Wenn übrigens die Existenz des englischen, französischen und deutschen Staates es nicht verhindern, daß der in unser Vaterland einwandernde Engländer, Franzose oder Deutsche ein guter Patriot werden könne, warum soll der Bestand eines palästinensischen Staates ein Dorn im Auge der ungarischen Juden sein?" Und der Mann, der dies schreibt, ist kein junger Heißsporn, sondern alt und erfahren. Nun kommen auch andere zum Zionismus, wenn auch nicht auf demselben Wege. Die Angst vor der großen Einwanderung galizischer und russischer Juden erweckt in ihnen jedenfalls aus egoistischen Gründen ein Interesse für den Zionismus. Das war auch;u erkennen aus dem Interview eines Berichterstatters des „Pesti Naplo" mit dem hießigen Oberrabbiner Dr. Kohn. Derselbe erklärte den politischen Zionismus für gefährlich. Aber er erfand einen neuen Begriff des „socialen Zionismus" und diesen acceptire er. Rur der sociale Zionismus hat eine Berechtigung, iveil er den heimatlosen Juden, z. B. den aus Rußland vertriebenen, kein Reich sondern ein menschenwürdiges Heim schaffen soll. Die Versuche des Baron Hirsch waren unter recht ungünstigen Umständen vor sich gegangen. Die Wiederholung der Ansiedelungsversuche in Palästina könnte nicht schaden, würden eventuell größeren Erfolg answeisen. Rur müßten die Colonisten nicht als Landgründer, sondern als friedliche Unterthanen des Sultans austreten. Zu diesem Zwecke würden auch die von Nordau so sehr geschmähten reichen Juden Gaben spenden. Vom Nachlaß des Baron Hirsch werde auch für die palästinensische Colonisation ein Theil entsallen." Nun hat selbst der Herr Oberrabbiner Kohn nichts gegen den Zionismus. Müssen ihnr nicht auch alle Juden Ungarns folgen? Agram. (Orig.-Corr.) Croatien ist ein eigenartiges Land. Es besitzt eine eigene Verfassung, an der alle Magrzarisirungsversuche mißlangen. Als slavisches Land im Reiche der Stefanskrone hat es seine Selbständigkeit bewahrt, ja im Gegentheil eine gegen Ungarn gerichtete kräftige Agitation betrieben. Bischof Stroßmayr, der Apostel des Panslavismus, reiste nach Rußland und mußte dafür auch nach Rom pilgern. Diese bereits chauvinistisch gewordenen Nationalitätsbestrebungen der Croate» fanden anfangs, so unglaublich es auch klinge» rnag, die Unterstützung eines Theiles der croatifchen Juden. Das „großcroatische Reich" mit seinen Aspirationen und seiner großartigen, dalmatinischen und krainischen Perspective war bald an die Stelle der magyarischen Träume gerückt. Allein dieses Ideal der Juden war rasch in Scherben geschlagen und der Rummel bald zu Ende. Die croatifchen Politiker mußten ruhig in ihren Grenzen bleiben und das nationale Programm bot wenig Bethätigung. Da kam der von Oesterreich importirte Antisemitismus gerade recht. Nicht als ob man in Croatien den Judenhaß nicht gekannt hätte! Er mar aber dort gesellschaftlicher Natur und das genügte den braven Croaten. Nun kam aber der politische Antisemitismus hinzu, und die Einführung der obligatorischen Civilehe und die Reception der Juden waren der äußerliche Anlaß dazu. Das ossicielle Organ der Nationalpartei, der „Obzor" wetteiferte bald mit den Wiener antisemitischen Blättern um die Palme des Siegers. Von der Presse bis in's praktische Lebe» ist beim heißblütige» Croaten kein weiter Weg. Und zu dem ursprünglich gesellschaftlichen Antisemitismus kam der politische und wirthschastliche i« seinen derbsten Formen, und die Juden können sich heute mit der Slrahlenkrone des nationalen Martyriums schmücken. Die Wahlverificationsdebatte der vergangenen Wochcn im croatischen Landtage bot ein äußerst interessantes und belehrendes Bild. Es handelte sich ui» die Nationalpnrtei und die coalirte Opposition, d. h. es handelte sich um ihre Mandate. Und da konnte» die croatischen Juden hören, wie der Name „Jud" allein schon genügte, um die Bolksmaffen auszuregen, wie die oppositionellen Pfarrer von der Kanzel predigten, man wolle die Bauern zu Juden machen, und wie jüdische Wähler behandelt wurden. Wer vertrat aber diese Anklage? Die Regierungspartei, die keineswegs verdächtigt werden darf, phitosemitisch zu sein. Und die croatischen Juden wissen es. Schon hört man den Ruf: „Was sollen mir Juden denn thun? Halten wir es mit den Ungarn, werden wir von Ungarn verdächtigt und den Croaten insultirt, gehen wir mtt den Croaten, so haben wir Croaten und Ungarn gegen uns." Dieser Nothschrei ist bezeichnend. Der Zionismus dürste bald siegreichen Einzug in Croatien halten. Holland. Amsterdam. (Orig. Corr.» Der im „Handelsblad" erschienene anonyme Angriff gegen den Zionismus, wurde in einem von demselben Blatt lvvm 12. r.) veröffentlichten Briese I. de Haas aus London, gehörig abgefertigt. Die Sache erregte viel Aufsehen. Das Blatt sah sich veranlaßt, das „Haupt" der hiesigen Gemeinde zu interviewen. In Abwesenheit des Obcr- Rab'biners unterzog sich sein Stellvertreter Rabbiner A. S. Onderwißer dieser Procednr. Dieser „Geistliche" unterzog die Frage — exempla tralmnt— einer religiösen Betrachtung und erklärte den Zionismus als Utopie. England. London. (Orig.-Corr.) Es ist unmöglich, den großen Einfluß, den der Congreß auf die Juden in England ausübte, zu beschreiben. Die englische Tagespresse widmete diesem Gegenstände sehr viel Raum in Form von Berichten

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