Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-09-17 · 16 (17.9.1897) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
16 (17.9.1897)
Article
Der ehemalige Judenknabe Mortara [Nachricht]
Date
1897-09-17
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315726--01605-3380823
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16. Seite 7. ernannt worden. Er hat auch bereits mehrmals in Deutschland in katholischen Vereinen Vorträge gehalten, bezeichnet sich selbst als Kind der Vorsehung und ist begeistert für Papst Pius IX. Böhmische Blättcrstimmeli. Die „Politik" schreibt: „Was speciell den Antisemitismus betrifft, so sind von demselben die Deutschen so durchsetzt, daß Nicht-Antisemiten und „deutschfreundliche Israeliten" synonyme Begriffe geworden sind. Die deutschen Jirden mögen sich heute noch so sehr dagegen sträuben, es ist doch unleugbare Thatsache, daß sie der völligen politischen Isolirnng entgegengehen, und daß sie nur noch eine Weile und mit Widerstreben als Franctireurs im Kampfe gegen uns Slaven geduldet werden. Sobald auch dieser Grund entfällt, ist die radicalste „reinliche Scheidung" unausweichlich, darüber besteht heute kein Zweifel mehr." Ein deutschnationales Organ in Saaz meldet: „Die nationale Scheidung macht nun auch mit Bezug auf die Czechen die erfreulichsten Fortschritte in unserer Stadt. Der Ausscheidung der Juden ans der Gesellschaft der Deutschen folgt nun auch die der Czechen rc." Das abgcwicscne Gnadengesuch. Aus Berlin wird berichtet: Der frühere antisemitische Abgeordnete Leus;, welcher in der Strafanstalt Celle die über ihn wegen Meineides verhängte Zuchthausstrafe verbüßt, hatte ein Gnadengesuch an den Kaiser gerichtet. lieber seine Aufführung hatte sich die zuständige Behörde lobend ausgesprochen. Das Gesuch ist abschlägig beschieden worden. Die Christlich-Socialen ans dem internationalen Arbeiter. schntz-Congrcß in Zürich. Die warmen Sympathien, die das christlich-social-antiseniitische Programm bei den breiten Massen des Volkes findet, sind ein kräftiger Ansporn für neue und immer neue volksthümliche Actionen der Wiener Hausherrenpartei. Die Lorbeeren des 9. März haben aus der christlich-socialen Partei eine Arbeiterpartei gemacht, und da ist es ganz selbstverständlich, daß Wiener Antisemiten nach Zürich zum Arbeiterschutz-Congresse fahren und dort ihre humane Weltanschauung vor den staunenden Augen der Welt zur Geltung bringen: Ei» Wiener antisemitisches Organ schreibt: „Mit Stolz kann die antisemitische Partei Oesterreichs auf ihre Vertreter beim Züricher Congresse blicken. Schon am ersten Tage griffen die Abgeordneten Axmann und Bielohlawek erfolgreich in die Debatte ein und die Wahrheit ihrer Grundsätze, sowie die wirkungsvolle Form ihres Vortrages brachte ihnen reiche Beifallslorbeeren." Die Inden unter de» Czechen. In Sienowitz bei Pilsen wurden in den jüdischen Häusern und in der Gendarmeriekaserne die Fenster eingeschlagen. Die Stätte der Gräber Davids und der jüdischen Könige. Herr Clermont-Ganneau verlas in der Sitzung der Aeadeinie des inscriptions et helles lettres vom 13. August eine Studie über die wahrscheinliche Stätte der Gräber Davids und der jüdischen Könige. Bekanntlich hat dieses interessanteste Problem der jüdischen Geschichte und der hebräischen Archäologie noch immer nicht die sehnlichst erwartete Lösung gefunden. Die ehemals von Herrrn de Saucly gepredigte Lösung, derzufolge die königliche Nekropole in der Kohur-el-Moluh im Norden von Jerusalem zu erblicken ist, kann nicht mehr aufrechterhalten werden, führte der Vortragende zuerst aus. Dieses seltsame Grabmal, das im römisch-griechischen Style erbaut ist, ist wahrscheinlich das der Königin Helene von Abadiene und hat nichts mit dem der jüdischen Könige zu schaffen. Herr Clermont- Ganneau sprach dabei sein Bedauern darüber ist, daß die französische Regierung durch die Annahme der Schenkung dieses Grabmales durch einen reichen Privatmann eine Doctrin weihe, die eine wahre historische Ketzerei bilde; die Akademie müsse daher, aus ihre Autorität in diese» Fragen sich stützend, einschreiten, um eine Aenderung der Inschrift dieses Momentes, das man die „Gräber der jüdischen Könige benannt habe, herbeizuführen. Der Vorsitzende brachte darauf eine Menge historischer Beweise und vorzüglich genaue Studien eines unterirdischen Aquäducts von 500 Metern Länge, der, wie eine hebräische Inschrift in phönizischen Charakteren am Ausgange desselben beweist, in den Felsen unter den, Hügel Ophel zur Zeit des Königs Zachias gegraben wurde, für die These zur Geltung, daß die Grabmäler der jüdischen Könige in oder an diesem Aqäduct zu suchen seien. Diese Wasserleitung nämlich, die einen wahren Tunnel bildet, beschreibt in ihrem südlichen Theile einen ungeheuren, rechtwinkeligen Umweg, für den sich bisher keine Erklärung hat finden lassen; Herr Clermont-Ganneau sucht zu beweisen, daß dieser Umweg nothwendig war, um nicht auf die jüdischen Königsgräber zu stoßen, die sich in der Tiefe des Hügels befanden. Dieser Jnductionsbeweis gestattet, genau das Terrain zu bestimmen, das man in Angriff nehmen müßte, un, den geheimnisvollen Eingang zu der Nekrologe freizulegen, in der die Körper Davids, Salomons und ihrer Nachfolger beigesetzt sind. Dieser Eingang, der bisher allen Nachforschungen sich entzogen hat, müßte, den französischen Gelehrten zufolge, nicht, wie man bisher angenomnien, in einer monumentalen Pforte, sondern in einer einfachen Brunnenöffnung bestehen, durch die man nach dem Vorbilde alter phönizischer und ägyptischer Grabniäler in die Nekropole Hinabstieg. Das beweise klar eine Stelle des Flavins Josephus, deren Sinn man bisher nicht verstanden habe. Auf diese schon vor längerer Zeit von Herrn Clerniont-Ganneau entwickelten Ideen hin hat bereits ein englischer Archäologie, Dr. Büß, natürlich ohne den Namen des französischen Gelehrten nur zu erwähnen, Nachgrabungen in diesem Sinne angestellt, ohne indessen irgend ein Ergebniß zu erzielen. Herr Clermont-Ganneau meint, daß das ganz erklärlich sei, weil Bliß trotz seiner — Clermont's — genauen Angabe» die Nachgrabungen von außerhalb des Winkels angestellt, während man im Gegentheil innerhalb desselben hätte nachgraben müssen. Man müsse deshalb die Operation in dieser Richtung wieder anfnehmen. Das Studium der in dieser Hinsicht von den Gelehrten der Akademie unterbreiteten Vorschläge wurde einer aus den Herren Maspero, Prager, Oppert, Dieulafoy, Marquis de Voguö und dem Antragsteller zusammengesetzten Commission überwiesen. Der jüdische Religionsunterricht in Berlin. Auf Veranlassung des ftp. Provinzia l schul rollegiums l)at das Polizeipräsidium in Lachen des indischen Religionsunterrichtes stalistischc Erhebungen in sämmtlichen Schnlanstalten Berlins ausgenommen. Die Feststellung ergab, da st ungefähr 1500 Schulkinder mosaischer Eonfesflon keinerlei :)fc pgivnsnnlerricht geniesten. Bon der Polizeibehörde wurde dem Vorstand der Berliner jüdischen Wemrinbc eine Ramcnsliste dieser Kinder mildem Ersuchen zugesandt, dafür Sorge zu tragen, dast sich nicht eine so groste Anzahl jüdischer Schüler und Schülerinnen dem Religionsunterricht entziehe. Der Vorstand hat daraufhin an die Eltern der in Frage kommenden Schulkinder ein Rundschreiben gerichtet, in welchem er sich Bescheid dar. über erbittet, aus welchen Gründen die Betheiligung der .stinder am Religionsunterrichte bisher unterblieben ist. Zum Schlüsse wird ans die bestehenden 4 Religivusichnlen der jüdischen Gemeinde Berlin hingetvicsen, in denen .stinder uubemitteltcr Elter» unentgeltlich Unterricht erhalten. Die Bäcker fast aller Städte Frankreichs haben den Preis de» Brotes erhöht und geben als Grund eine Zunahme des Getreide Preises an, die sie verhindere, das Gebäck zum früheren Satz abzugeben. Frankreich Hai in diesem Jahre eine nicht völlig befriedigende Ernte. Ta neues Getreide auf die Märkte tioch nicht gebracht iverden konnte, und das Land auf den bald aufgezehrten Bestand von 1896 augeivicseu ist, fv sind die Getreidepreise selbstverständlich gestiegen. Bon den Anti feinsten werden natürlich die Fnden für Alles Veranttvvrtlich gemacht. Drnmont flucht in der „Libre Parole" den Juden und Fudenfreunden und rnfl dem Volke zu: „Wenn die Antisemiten am Ruder stünden, so wäre die strise rasch übertvunden. Eines schonen Morgens würden die.störnerspernlanten ans ihren Palästen in die Zellen von Mazas vcrtheilt iverden, wo sie in aller,Mnste über den Artikel 419 des Stmfgesestbuches Nachdenken könnten, der „jedes Einvernehntc» und jedes Manöver zu dem Zwecke, ein Fallen oder Steigen der Lebensmittelpreise herbei zu führen, verbietet."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.