Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 16 (17.9.1897)
- Article
- Eindrücke vom Baseler Zionistencongreß
- Date
- 1897-09-17
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6. Nr, 16. praecox“. Das glaubt ihm jeder aufs Wort, der nur seine Rede gehört hat. Nordau ist durchaus nicht das, was man einen faseinirenden Redner nennt: es fehlt ihm dazn das Pathos, der große Stil, er spricht vielmehr im leichten Tone eines Causeurs, nnd nur an besonders ergreifenden Stellen hört man ein leises Zittern und Beben in seiner Stimme, wie von einem unterirdisch rauschenden Strome. Aber seine Sätze treffen wie die Hanlmerschläge, nnd seine Pointen schwirren wie Pfeile, von denen keiner fehlgeht. Man sah bei seinen Worten Graubärte abwechselnd weinen und jauchzen, und man kann sich denken, wie die jungen Leute sich geberdeten. Heine erzählt irgendwo von der Begeisterung, die die Siege des amerikanischen Generals Jackson in der ganzen Union erweckt hätten. Ein Matrose, der auf andere Weise seinem Enthusiasmus nicht Luft zu machen, wußte, stürzte sich vom hohen Mast ins Meer hinab mit dem Ruf: „Ich sterbe für den General Jackson!" Betrachtete man nach der Nordauschen Rede die Gesichter der Anwesenden, dann bemerkte man wohl manchen, der in diesem Augenblick gern „für den General Jackson gestorben" wäre. Wie tief übrigens Nordau von der zionistischen Idee ergriffen ist, das sah man am Abend des zweiten Congreßtages, der die Theilnehmer zu einem fröhlichen Festmahl vereinte. Nordau sprach, anknüpfend an eine talmudische Legende — was dieser Mensch nicht alles kennt —- von der möglichen Rückkehr der Juden nach Palästina, nnd als er an den Schluß seines Toastes kam, da stiegen ihm die Thränen ins Auge und seine Stimme brach! Einer der anwesenden russischen Herren lteß darauf den Mann hochleben, der so geistvoll über die Degeneration geschrieben, und der nun mit solchem Feuereifer für die Regeneration eintrete. Man könnte ein ganzes Buch schreiben, wollte inan all die interessanten Typen schildern, die einem da begegneten, denn der Congreß war nach dieser Richtung hin unendlich reich. Ich will mich daher mit der Skizzirung einiger besonders ausfälliger Charakterköpfe begnügen. Da ist denn in erster Linie Mr. Israel Zangwilt zu nennen, der bekannte englische Romanschreiber, der durch seine ausgezeichneten GhettoMovellen einen Weltruf mit einem Schlage erlangt hat. Wenn mau eine Häßlichkeitsconcurrenz veranstaltete, Mr. Z a n g w i l l würde entschieden einen Preis bekommen — möge er mir diese Bemerkung verzeihen, wenn er sie etwa lesen sollte! Aber es ist eine interessante Häßlichkeit: die auffallende Aehnlichkeit seiner Physiognomie mit der Lord Beaconsfields wurde allgemein bemerkt. Ein glattrasirtes, scharf markirtes Gesicht von echt semitischem Typus, mit gewaltiger Hakennase und vorragender Unterlippe, das pechschwarze, dicke Lockenhaar st In Beaconsfield gescheitelt. Das Deutschsprechen fällt ihm recht schwer: er unterhielt sich von Zeit zu Zeit mit seinen englischen Landsleuten, meistens aber saß er schweigend da und sammelte wohl in aller Stille „documents humains". Vielleicht, daß in einer seiner nächsten Novellen der Congreß eine Rolle spielen wird. Hat er doch schon in einigen seiner Erzählungen die palästinensischen Colonisationsgesellschasten und das Herzliche Project erwähnt. Ein einziger erschien in der alten Judentracht: in langem bis an die Füße reichenden: Rock nnd stets bedeckten Hauptes wandelt er einher. Aber Respect vor dem Mann! Er ist bewafsnet mit der ganzen Bildung des Jahrhunderts ::nd ich rathe keinen:, sich mit ihm in philosophische Debatten einzulassen, denn er kennt alle Systeme, von Plato bis Herbert Spencer. „Den zionistischen Tolstoi", so nennen ihn seine Leute. Wie Tolstoi war auch er einst ein fröhliches Wettkind, aber dann kan: auch für ihn der Tag, da sein ganzer Gedankenkreis zerrissen war. Wie Tolstoi zum Leben und zur Tracht des slawischen Bauers, sv kehrte er zum Leben und zur Tracht des Ghettojuden zurück, nnd wie Tolstoi zur christlichen, so wandte er sich zur jüdischen Mystik. Meine helle Freude hatte ich an einigen alten, allerdings noch recht jungen, Herren und Aktiven der vornehmsten zionistischen Studentenverbindung Wiens, der „Kadimah" (Ostwärts!), die, wenn ich nicht irre, jetzt etwa 150 Mitglieder zählt. Auf den: heißen Boden Wiens sind diese Akademiker genöthigt, ihr Judenthum nicht nur mit Worten, sondern auch mit der Klinge zu vertheidigen, und sie thun das mit allem Nachdruck. Die „Kadimah" hat in ihren Reihen nicht nur vortreffliche Redner und Debatters, sondern auch gefürchtete Schläger Einige dieser alten „Kadihmaner", „Jünglinge wie die Cedern", um gut biblisch zu reden, Aerztc ihres Zeichens, haben den letzten Feldzug in: Orient als freiwillige Hilfsärzte mitgeumcht, natürlich ans türkischer Seite. Sie wußten viel zu erzählen von dem Biwakiren bei Larissa, von der wunderbaren Ueberfahrt von Bolo nach Konstantinopel („Alle Leiden waren in diesen herrlichen Nächten auf den: Mitteln:eer vergessen" meinte der eine), und von dem Treiben in der türkischen Hauptstadt, wo sie die weiße Binde n:it dem rothen Halbmond am Arm wie Triumphatoren durch die Straßen einherschritten. Als Curiosum n:ag erwähnt werden, daß sogar einige Zionisten christlicher Confessio:: sich eingefunden hatten! Das heißt also ''Nichtjuden, die sich für die zionistische Idee interessiren. Drei dieser christlichen Zionisten waren Engländer, ein Colonel und zwei Reverends. Der eine Reverend — ich glaube, er ist englischer Gesandtschaftsprediger in Wien — zeigte in zwanglosen abendlichen Unterhaltungen an ellenlangen historischen Tabellen, daß in der jüdischen Geschichte eine bestimmte Gesetzmäßigkeit obwalte, und er denwnstrirte an diesen Tafeln auf's klarste, daß nach eben diese:: Gesetzen die Rückkehr ins gelobte Land nun nahe bevorstehe. Wie das judenfreundlichste, so hatte auch das judeufeindlichste Land einen christlichen Zionisten gestellt: einen russischen Baron M., der mit den: Zionismus sympathisirt und eine so genaue Kenntnis; jüdischer Verhältnisse besitzt, wie sie manchen: westeuropäischen Juden zu wünschen wäre. Von der Stadt Basel betau: man nicht viel zu sehen. Nach des TageS Last nnd Mühe begab man sich am liebsten auf die prachtvolle Rheinbrücke. Es war gar köstlich, da auf den bequemen Steinbänken zu sitzen und sich von der frischen Kühle des mit jugendlichem Ungestüu: dahinrauschenden smaragdgrünen Stromes anhcmchen zu lassen. Und ein Baseler, der in der Geschichte seiner Vaterstadt bewandert ist, machte mich daraus aufmerksam, daß die Stelle, auf der wir saßen, auch historisch merkwürdig ist. In: Jahre 1048 nämlich haben die Baseler mitten im Strome eine Tribüne errichtet, aus der sie eine ganze Anzahl Juden feierlichst verbrannten. Warum die wackeren Baseler für ihr Autodafe einen so absonderlichen Platz gewählt haben, ist unerfindlich, aber die Thatsache bleibt bestehen. Und nun, nach fast 550 Jahren, tagt in derselben Stadt ein jüdischer Congreß. Wie wird es nach abermals 550 Jahren den Juden ergehen? Ich will mich an den englischen Reverend wenden! In die Rede des Dr. Bodenbe in: er (Nr. 15) haben sich einige Druckfehler eingeschlichen, die nur in nachstehender Weise eorrigiren: Seite 6, Zeile'? von unten soll es statt Ereignisse heißen Existenz. „ 7, „ 36 „ oben „ „ „ Fähigkeit „ Thätigkeit. 9, „ 24 „ „ „ „ „ Vollchristen ,, Hellenisten. * * * Auch soll es bei der Aufzahlung der Mitglieder der Programm- Commission lAr. 14, Seite 2, Zeile'7 von unten) statt Rosenberg heißen B r o m b e r g. * * * Wir werden ersucht, folgenden Jrrthun: in der Präsenzliste des Conqresses richtigzustellen. Es soll dort statt Herr Balenstein heißen: P a l e u's i n a u s S1U v n t p elli e r. TV eltd^o niE Die Reise des deutschen Kaisers nach Jerusalem, Ostern 1898, steht fest. Das Commando der „Hohen-Zollern" nmrde von der Absicht des deutschen Kaisers unterrichtet. Der Kreuzer „Gefion" wird die Kaiseryacht begleiten. Die Reise wird zwei Monate dauern. Der ehemalige Judenknabe Mortara, welcher im Jahre 18'i8 viel von sich reden machte, — die christliche Magd einer jüdischen Familie in Bologna hatte ein Kind derselben heimlich getauft und die päpstliche Regierung hatte dann den Knaben nach Rom geschleppt — ist, nachdem er nunmehr herangewachsen und Priester geworden ist, vom Papste zum Superior des bekannten Hospiz auf dem St. Bernhard