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Die Welt · 1897-09-17 · 16 (17.9.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
16 (17.9.1897)
Article
Der Papst und der Zionismus
Date
1897-09-17
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. j*#wde Nr. 16. Schismas ihm weniger Sorge zu bereiten geeignet wäre, als eine friedliche jüdische Staatsbildung in Palästina? Es wäre einigermaßen despectirlich, dem staatsmünnischen Genie des großen Papstes eine solche diplomatische Conception gegen die kleinen Juden zuzutrauen, die kein Verlangen nach weltlicher Macht, sondern nur das, ungehindert Mensch, Jude, Bürger sein zu dürfen, antreibt, dort, von wo sie kamen, sich ein eigenes Haus wieder aufzurichten. Was bedeutet denn bei einem Volke das "Nationalgefühl anders als dieses Verlangen nach einem eigenen Hause? Ach ja, es gehört dazu die Bauconcession des Magistrats von Europa, vornächst des Sultans, dem der Grund gehört, dann der großmächtigen Mächte, welche sich entschließen müssen, den Judenstaat zu approbiren. Und es ist gar nicht zu leugnen, daß diese Concession durch einen Einspruch des Papstes bei dem Sultan erschwert iverden kann. Nur versteht man cs nicht, welche Wirkung der Einspruch im Mldiz-Kiosk hervorbringen soll, wenn er keine andere Begründung hat, als die des Schutzes der Heiligen Stätten? Dem islamitischen Chalifen sind diese nicht anders als den Inden ehrwürdige historische Religuien und das Lämpchen, mit welchem der Grieche sie hütete, kann ohne Schaden für den Islam auch dem Juden anvertraut werden. Zumal, wenn man recht überlegt, weder irgend ein kirchliches noch irgend ein türkisches Interesse bei der Verwirklichung des zionistischen Zieles den geringsten Schaden erleiden würde. Leo XIII. ist kein Caraffa und seiner hochgespannten Denkweise widerstrebt es sicher, daß am Ende des XIX. Jahrhunderts mit heuchlerischer Brutalität nach einem modernen Ersatz für den gelben Fleck gesucht wird. Ihm, sollte man meinen, müsse der Gedanke, einen nationalen, selbstgegründeten, unaggressive» Sammelpunkt für die Juden auf dem Boden, der nie aufgehört hat, ihre ideale Heimat zu sein zu schaffen, schon deshalb gefallen, weil es zugleich ein historischer und ein humaner, ein im besten Sinne weltlicher und ein frommer Gedanke ist. Wie eine überirdische Gestalt, fast entkörpert und großen leuchtenden Auges, wandelt dieser Greis unter den Menschen; ihm stände es wahrlich schön an, auch die Fessel traditioneller curialistischer Judenpolitik von sich abzustreifen und in dem Zionismus die befreiende Idee zu erkennen. "Nicht Jerusalem gegen Rom, nicht den Tempel gegen die Moschee aufzurichten, ist die Triebfeder des Zionismus; für das Menschenthum im Juden ringt er nach Bürgschaft. Den Erfolg dieses Ringens zu verkümmern, nur damit die Juden zerstreut bleiben, wäre wahrhaftig ein zu kleines Bemühen für das menschliche Größenmaß Leos XIII. Die Winzigen mögen bestürzt sein über den imposanten Eindruck, welchen von der Stätte eines einst erfolglosen Concils der erfolgreiche Congreß der Zionisten hervorgebracht hat; der Weise von St. Peter sollte zu groß sein, um darüber zu erschrecken. Papa supia grammaticam. Dio TVoche. Wien, 16. September 1897. Die antizionistische Bewegung unter den Inden in Ungarn hat nichts Erschreckendes an sich. Die jüngste Vergangenheit Ungarns und seine Gegenwart lassen solche Dinge begreiflich erscheine». Aber es ist auch in Ungarn dafür gesorgt, daß die Cedern nicht in den Himmel wachsen, und so können wir unsere Zeit ruhig abwarten. Die ungarischen Juden zeichnen sich durch besondere Tapferkeit und Energie aus, und ihr Temperament gestaltete die Gegensätze dort ein bischen schwächer. Weniger geduldig als Andere, würden sie deshalb auch eine rassenseindliche Strömung nicht so ohneweiters über sich ergehen lassen. Vorläufig ist diese Oppositioli nur ansteckend für die Zionisten in Ungarn, und später dürften die antizionistischen Vereinigungen von den Autochthonen besorgt werden — aber nicht in Ungarn allein. Mr. Zadoc 5k a h n, der ehrwürdige Großrabbiner von Paris, hat sich über den Zionismus interviewen lassen. Ein Interview ist immer eine heikle Sache. Man wird da in der Regel um Dinge befragt, über welche man nicht gerne oder nicht leicht sprechen mag. Auch Mr. Zadoc K a h n scheint sich in einer ähnlichen Lage befunden zu haben. Daß er vor Allein sich gegen die nationale Seite der Bewegung richtet, ist natürlich. Die osficielle Loyalität, deren man sich bei solchen Anlässen bedient, wird hier immer „Vaterland", „Heimat" und „Nationalität" verwechseln. Auch ist der Zionismus eine Sache des Muthes, und dieser Muth wird sich schon einstellen, wenn keine Ursache zu opportunistischen Gefühlsäußerungen mehr vorhanden sein wird. Mr. Zadoc Kahn spricht der Bewegung deshalb nationale Beweggründe ab, weil sie sich mit — Argentinien begnügen will, wenn das gelobte Land nicht erreichbar sein sollte. Das ist ein kleiner logischer Fehler. Denn der Ausgang eines Werkes, der ja von allen möglichen äußeren Umständen abhängt, kann doch nicht als charakterisirend für die inneren treibenden Ursachen angesehen iverden. Eines gesteht Mr. Zadoc K a h n wie alle Uebrigen zu: es ist gut, daß man die armen jüdischen Brüder irgend wohin schafft und ihnen Ackerboden erwirbt, damit sie, ohne Fußtritte fürchten zu müssen, leben können. Aber an der Möglichkeit einer Staatengründung zweifelt er, denn es sei schwierig und mit allen erdenklichen Verwirrungen verbunden, ein Reich zu errichten. Das ist denn auch nicht so unrichtig. Man muß Eisenbahnen bauen, eine Post organisiren, für Schulen, Aemter, Polizei und für öffentliche Beleuchtung sorgen, Gesetze vorschreiben, Richter bestellen, kurz, man hat alle Hände voll zu thui/ und wie leicht kann da etwas Wichtiges vergesse» werden' * * "Nach dem Ringtheaterbrande wurde in Wien die Erste freiwillige Rettungs-Gesellschaft gegründet, mit der Ausgabe bei allen im Gebiete der Großstadt sich ergebenden Unglücksfällen erste Hilfe zu leisten. Juden und Christen betheiligten sich seither gemeinschaftlich an diesem wohlthätigen Unternehmen, aber eine solche Mischung paßte dem antisemitischen Gemeinderathe nicht, weshalb er die Subventionirung der Rettungs-Gesellschaft verweigerte, "Nun hat sich in Wien eine arische Rettungs-Gesellschaft gebildet, und der Gemeinderath ist endlich in der Lage, ein nützliches Institut unterstützen zu könne», welches den Herren wahrscheinlich noch nützlicher erscheint, da den Juden die Bet Heiligung an den barmherzigen Werken des neuen Vereines statutenmäßig verwehrt ist. Die während des verflossenen Subventionsstreites so oft erfundenen, parodirenden Fälle, in denen ein zwar verunglückter, aber gesinnungstüchtiger Arier es verschmäht, seine blutenden Wunden von jüdischen Aerzten verbinden zu lassen; die Frage, ob die neuen arische» Retter einem Juden ihre Hilfeleistung verweigern werden, oder die Constatirung der befriedigenden Thatsache, daß Einer, der jetzt in Wie» das Bein oder den HalS bricht, sich nunmehr den Luxus gestatten kann seine Helfer je nach seinen religiösen, politischen oder nationalen Steigungen zu wählen, sind am Ende nur Zeitungsscherze. Aber wie gewöhnlich, treffen sie das Richtige und Wichtige an der Sache nicht. Den Jude» gereicht es durchaus nicht zur Schande, wenn 'man Maßregeln ergreifen muß, um ihn zu verhindern, wohlthätig, aufopfernd und hilfreich zu sein. Das ist übrigens so ernst gar nicht gemeint. Man wird ihre Spenden und Almosen in Zukunft ebenso annehmen wie bisher. Die Juden dürfen außer Sorge darüber sein. Man wird sich höchstens abgewöhnen, ihnen „danke" zu sagen; sicher aber wird man es immer energischer ablehnen, mit ihnen zu verkehren. In diesem statutenmäßig festgesetzten Arierthum liegt nichts anderes, als das Priucip, sich überall und auf allen Gebieten von der geselligen Gemeinschaft mit den Juden zurückzuziehen. Und das wird nicht ohne Wirkung bleiben. Je mehr Vereinigungen von programmatischer Rasseneinheit entstehen, je

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