Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 16 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- 1 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Klügste der Klugen, die seit dritthalb Jahrhunhnndcrten auf Petri Stuhl gesessen, ist Leo XIII. Als das Conclave ihn wählte, glaubte Niemand, daß er die geistliche Autorität des Pastthums zu einer Blüthe bringen würde, die demselben den entgangenen Besitz der weltlichen Macht entbehrlich machen könnte; aber Joachim Pecci, der gelehrte Lateiner, enthüllte sich als Staatsmann ersten Ranges. Im diplomatischen Wettstreit mit Bismarck brachte er durch seinen Erfolg den Einmarsch der Italiener durch die Porta Pia fast in Vergessenheit, die Kluft zwischen der französischen Republik und dein Vatikan verkleinerte er durch die Anerkennung der republikanischen Staatsform, mit dem Angebot des kirchlichen Beistandes zur Bekämpfung des Socialismus erwies er sich als scharfsichtiger Beortheiler der Gegenwart und ihrer Nöthen. Das Papstthum, das seit Benedict XIV. ein Spielball der weltlichen Mächte gewesen, ist seit der Erhebung Leos XIII., des augnstinischthomistischen Asceten von Arpineto, von ihnen umworben schier wie in der Zeit, da der König dem Papste den Steigbügel hielt. Wenn dieser universelle Kopf, dessen Gedanken beit Erdkreis umspannen, sich mit dem Zionismus beschäftigt, so ist es für den Zionismus ein großes Compliment und für die Verächter des Zionismus, die ihn mit einer geringschätzigen Handbewegung glauben abwehren zu können, eine beschämende Lection. Ja wohl, Leo XIII. beschäftigt sich mit dem Zionismus, er erachtet ihn inmitten der universalistischen Interessen der Kirche, welche zu wahren er berufen ist, als Etwas, das an dem unermeßlichen Horizonte der vatikanischen Politik nicht gleichgiltig übersehen werden darf. Durch die Art, wie er sich z!t dem Zionismus stellt, zeigt er freilich dem an die päpstliche Unfehlbarkeit nicht gebundenen Urtheile, daß er die Triebfedern und die Ziele der zionistischen Bewegung verkennt, und wenn er davor zittert, daß die Heiligen Stätten dem Schlitze des angestrebten Judenstaates überlassen werden könnten, ja, wenn er beabsichtigt, durch seinen Nuntius Bonetti den Sultan gegen den Zionismus aufzurufen, so bekundet er eine wunderliche Befangenheit. Warum sollte jüdische Verpflichtung, die Heiligen Stätten zu schützen, nicht mindestens ebenso annehmbar und vertrauenswürdig sein, ivie mohammedanische? Und wenn das Verhältniß der Religionen zu einander in Betracht konunt, ist Saladin dem Christen ein besserer Gewährsmann als Nathan? Steht es deui Papstthum, das einst die Kreuzfahrer gegen die Ungläubigen aufbot, passend zu Gesicht, daß es gegen die Juden an den Türken appellirt? Jedoch die Antwort auf diese Fragen schlägt in das Grenzgebiet zwischen Psychologie und Politik und wir wollen für heute beharrlich auf dem Boden realistischer Betrachtung bleiben. Die Thatsache, daß Leo XIII. dem Zionismus seine Aufmerksamkeit ztuvendet, erscheint uns zunächst wichtiger als Erörterungen über die Gründe, warum er es thut, denn sie sagt jedem Zionisten mit unwiderleglicher Beredtsamkeit, daß die Bewegung, der er sich angeschlossen, nicht blos etwas, sondern etwas ganz Erkleckliches bedeutet unter den Bewegungen der Gegenwart. Sie empfängt, wenn der Ausdruck erlaubt ist, schon an der Wiege etwas Historisches dadurch, daß Rom zu ihr Stellung nimmt. Wenn Rom spricht, so pflegt man aufzuhorchen in der weiten Welt. Das werden die „Protestrabbiner" von sich wohl selbst nicht behaupten. Ei freilich, Leo XIII. bedient sich im Grunde des nämlichen Argumentes wie sie, er will nicht, daß die Juden sich zu einem eigenen nationalen Gemeinwesen zusammenschließen, damit die Weissagung von ihrer Zerstreuung über alle Lande nicht zu schänden werde. So ungefähr sagen's unter fälschlicher Berufung auf die messianische Verheißung die „Protestrabbiner" auch, nur mit ein wenig anderen Worten. Aber abgesehen davon, daß es ein seltsames Schauspiel ist, wenn der Papst und die antizionistischen Rabbiner auf derseben Plattform zu finden sind, liegt doch das Verhalten Leos XIII. dem Verständnisse fast eben so fern, wie dasjenige der jüdischen Päpstlein von Berlin, Breslau und Stettin. Es ist jetzt gerade fünfzig Jahre her, da tauchte die „Question des lieux saints“ mitten unter den europäischeit Verwicklungen auf. Der französische Lazarist Eugene Bors brachte sie auf und Pius IX. ernannte nach 600jähriger Vacanz den oberitalienischen Prälaten Valerga zum Bischof von Jerusalem. Pius hatte dabei die Beseitigung des Schismas im Auge und Leo schwärmt bekanntlich für das nämliche Ziel. Damals widersetzte sich der Patriarch von Konstantinopel, es nützte nichts, daß die Legende aufkam, Mohammed wäre selbst am Grabe Christi gewesen und hätte dort einen Griechen vorgefunden, der es mit einem Lämpchen hütete; das Ende vom Liede war der Krimkrieg. Sollte jetzt nun Leo XIII. die zionistische Bewegung als Mittel benützen wollen, um den Sultan zu schrecken und ihm plausibel zu machen, daß die Beseitigung des