Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 15 (10.9.1897)
- Article
- Englische Blätter [Kommentar]
- Date
- 1897-09-10
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15. Leite 15. in den „Times" Nom Chef-Rabbi Dr. Ga st er eine treffende Antwort. Dieser trat als entschiedener Zionist und orthodoxer Rabbi auf, um als einzig kompetente Persönlichkeit den Engländern zu sagen, wie es denn um das Verhältnis zwischen Orthodoxie und Zionismus stehe. Er schloß mit den Worten: „Eines ist sicher: die ganze orthodoxe und gläubige Judenschaft, die die Worte der Propheten nicht vergewaltigt, und die göttlichen Verheißungen nicht blos als Symbole betrachtet, die Jedermann nach Willkür deuten kann, ist jetzt im Geiste am Congreß versammelt und verfolgt seine Berathungen voll Sympathie und Hoffnungen." Sowohl die „Times", als auch die anderen Tagesblätter („Daily News", „Pall Mall Gazette", ,^Daily Chronicl e" re.) haben in mehr oder weniger ausführlichen Telegrammen über den Verlauf der Congreßverhandlungen berichtet. Sie gaben ihren Berichten die schöne und passende Aufschrift „Palestine for Jews" (Palästina für die Juden.) Den gesammten Verlauf des Congresses in größerem Umfange haben die englisch-jüdischen Blätter („I e w i s h W o r ld", „I e w i s h Chronicle" und „Jewish Expreß") geschildert. Alle drei waren durch Special-Correspondenten vertreten; der „Jewish Chronicle" schickte sogar zwei. In den Redactions-Artikeln finden wir noch außerdem Betrachtungen über den Congreß. Der „Jewish World" ist mit den Resultaten des Congresses sehr zufrieden. „Wie immer die praktischen Resultate des Congresses ausgefallen sind, er bleibt doch eine epochale That in der jüdischen Geschichte . . . Daß dieser Congreß ohne die Unterstützung der anerkannten jüdischen Organisationen und ohne Hilfe der geringen aber mächtigen jüdischen Plutokratie zu Stande kam: daß dieser Congreß physische und geistige Arbeiter, Orthodoxe und Zweifler zusammenbrachte, die trotzdem mit einer wunderbaren Einmüthigkeit vorgingen, das muß für jeden Unparteiischen ein Gegenstand höchster Aufmerksamkeit sein." Der „Jewish Chronicle", der neben der „Welt" von allen Blättern den ausführlichsten Bericht brachte, verhält sich in seinen Betrachtungen etwas reservirter. Es ist ja schwer, etwas heute weiß zu finden, was man noch gestern als schwarz verschrie. Aber er macht Concessionen. „Wir haben bereits gesagt, daß der Baseler Congreß nicht unfruchtbar war. Der Geist, der .Herzl's Rede beseelte, sein Appell an die Juden tonnte und mußte tief wirken. Aber das angenommene Programm weicht vonl Judenstaate ab. Wenn der Zionismus für das jüdische Volk eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina haben will, dann sind alle Juden mit den Zionisten einig. Die jüdischen Cvlonieen in Palästina müssen unangefochten bleiben. Auch sind wir auf Seiten Dr. Herzl's, wenn er die Zionsfrage öffentlich behandeln will." Der „Jewish Expreß" bringt als leacksr einen Artikel über Dr. Herzl. _ Französische Kliitler. Von Basel zurückgekehrt, war ich sogleich bemüht, die be-, deuteudsten französischen Zeitungen zu sammeln und zu classiereiu welche Artikel oder Entrefilets über den Zionisten-Congreß ver öffentlicht haben. Ich übergebe Ihnen die Resultate meiner kleinen Arbeit. In erster Linie muß man die Meinung der ernsten Organe der französischen öffentlichen Meinung signalisieren. Das „Journal deo Debats" hat sich mit dem Congreß am eingehendsten beschäftigt, während der „Temps" sich den Anschein gibt, nicht besonders aufmerksam hinzuhorchen. Wohl hat der „Temps" die Telegramme ausgenommen, welche über die Arbeiten des Congresses berichteten, aber wir finden bisher keine Beurtheilung des begonnenen Werkes. Müssen wir uns darüber wundern? Keineswegs. Das Schweigen ist die Weisheit der Könige und jeder weiß, daß der „Temps" sich als den König der gemäßigter! Presse in Frankreich ansieht. Weniger behutsam sind die „Debats". Außer den täglichen Telegrammen enthalten sie einen eigenen Artikel über die zionistische Idee und eine Correspoudcnz aus der Schweiz über den Congreß. Der Artikel stammt aus der Feder des Mr. Maurice S pronck, eines der Hauptmitarbeiter des aeademischcn Blattes. Mr. Spronck, der ein pariserischer Geist ist, beginnt natürlich in einem ironischen Ton, den er übrigens sehr rasch aufgibt, um mit vollem Ernst zu sprechen. Er findet, daß der Versuch der Baseler Kongreßmitglieder in Wahrheit überaus interessant sei. Ob das Unternehmen Erfolg habe oder scheitere, die Thatsache allein, daß es versucht wurde, scheint bereits ein Phänomen, das außerhalb des Herkömmlichen ist. Und es ist wirklich etwas Wunderbares in der Lebenskraft dieses kleinen Volkes, das nach bald 2000-jähriger Zerstreuung, Bedrückung und Noch sich noch nicht zum Sterben entschließen kann und nicht daran verzweifelt, seine verlorene Nationalität wieder zu finden. Aber Mr. Spronck fragt sich, ob das jüdische Volk dahin gelangen werde, seinen Traum zu verwirklichen und er macht einige Einwendungen. Unter diesen befindet sich eines, das nicht haltbar ist. Der Verfasser des Artikels sagt, daß der Boden des gegenwärtigen Palästina nur sehr entfernt an die sagenhafte Fruchtbarkeit des gelobten Landes erinnere. Das ist nicht richtig. Schon haben die Ackerbaucolonien von Judäa und Galiläa diese Behauptung förmlich entkräftet. Mr. Pierre Loti behauptet allerdings in seinem bekannten Buche über Galiläa, daß es ein sterbendes Land sei und man sich beeilen müsse, hinzugehen, wenn man es noch sehen will. Aber ist es nicht sonderbar, daß dieser weltmännische Academiccr Galiläa durchkreuzt hat, ohne auch nur eine unserer Colonien zu sehen, da er nicht eine einzige erwähnt? Dennoch ist es unmöglich, auf welchem Weg man immer das Land durchstreift von Safed b'.s Baums, ohne wenigstens Rosch Pinah zu bemerken, das sich an der Straße selbst befindet und zwar ans einen! ziemlich hohen Punkt des Berghanges von Kanaan. Trotz dieser Einwendungen findet aber Mr. Spronck, daß die Initiative, die Dr. Herzl ergriff, es verdient, die Aufmerksamkeit zu fesseln und Aller Sympaihieu würdig ist. Der Schweizer Correspondent des „Journal des Debats" begnügt sich einfach zu constatiren, daß der Zionisten-Congreß in der Schweiz einen recht großen Eindruck hervorgerufen und sehr lebhafte Sympathien erregt habe. Die ganze Correspondenz ist in sehr wohlwollenden Ausdrücken abgefaßt. Der Verfasser hebt mit Recht hervor, daß die zionistische Idee ihre Parteigängerunter den demokratischen und volksthümlichen Elementen des Judenthums hauptsächlich recrntire. Dem entfesselten Antisemitismus wollen die Zionisten die nationale Wiederherstellung des Judenthums entgegensetzen. Der Baseler Congreß war daher eine wahrhafte Schilderhebung gegen die resignierte oder befriedigte Judenschaft. Die Boulevardblätter haben sich auch mit dem Congreß und der zionistischen Idee beschäftigt und zwar sehr lebhaft. Sie wissen, daß das „Echo de Paris" und „Journal" Speeialbe^ richterstatter an den Congreß entsendet haben. Jur „Echo de Paris" hat der wohlbekannte Chroniquer Henri Fouq u i er der Idee einen Artikel unter dem Titel „Das Königreich Zion" gewidmet. Als Boulevardier behandelt Mr. Fouquier die Frage oberflächlich genug. Er findet z. B., daß der Antisemitismus ein beinahe schon erloschenes Strohfeuer sei. Dessenungeachtet ist der Artikel des Mr. Fouquier recht wohlwollend für den Gedanken. Als ein sceptischer Geist zweifelt er am Gelingen der Idee. Dennoch sagt er, daß er den Traum eines Volkes begreife, das sich wiederfinden, aufraffen, sein nationales Leben und seine Auferstehung haben will. „Hier", schreibt er, „bin ich beinahe Zionist, obwohl von helleno-lateinischer und christlicher Race. Es scheint mir, daß ich, wenn ich Jude wäre, mein Haus nur Jerusalem haben möchte, um au die Mauern Salomonis gehen und weinen zu können ..." Der „Figaro" hingegen hat eine ironische, feindselige Haltung eingenommen. Mr. Emil B e e r, der israelitische Redacteur des „Figaro", hatte den Auftrag, einen Artikel über den Congreß und die zionistische Idee zu schreiben. Ich begreife wohl die Verlegenheit meines ausgezeichneten Glaubensgenossen. Der israelitische Redactenr des „Figaro" stützt sich noch ans die israelitische Presse Frankreichs, die den Baseler Congreß ebenfalls im geringschätzigen, spöttischen Tone behandelt. Diese Herren von der israelitischen Presse sind übrigens recht sehr zu bedauern. Es sind brave Leute, aber was wollen sie? „Man macht die Zeitung nicht danlit, was man liebt,