Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 15 (10.9.1897)
- Article
- Rede des Dr. Schnirer (Wien)
- Date
- 1897-09-10
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10. Nr. 15. Eine zweite vom Referenten besprochene Sracje betrifft die Selbstständigkeit der palästinensischen Colonisten. Es ist eine bekannte Thatsache, das; in einigen durch private Wohlthütigkeit gegründeten Colvnien der gute Wille des edlen, von den besten Intentionen beseelten WohlthäterS nicht genügt hat, die Colonisten zu zufriedenen, freien Menschen zu machen, daß vielmehr durch ein unseliges Unterstützungssystem und durch die nicht immer selbstlose Wirthschaft der Administratoren ewig zinspflichtige Sclaven herangezüchtet werden, die sich ihrer unwürdigen, abhängigen Lage wohl bewußt sind und viel darunter leiden. Dieser Fehler muß in den etwa neu zu gründenden Colonien vermieden werden, die Colonisten sollen nicht Chalukajuden zweiter Auflage, sondern freie Bauern, selbstständige Männer werden. (Beifall). Redner stellt am Schlüße seines Referates folgende zwei Thesen auf: 1. Bon einer weiteren Einwanderung von Juden in Palästina ist so lange abzusehen, als die „öffentlich-rechtliche Sicherheit" für die dortigen Ansiedlungen nicht gegeben ist. 2. Die ans dein in Palästina gegenwärtig vorhandenen Menschenmateriate zu gründenden Colonien sollen nur auf Grundlage freier genossenschaftlicher Organisation errichtet werden. Ich bin mir dessen wohl bewußt — schließt Dr. Schnirer — daß wir heute noch nicht im Stande sind, diesen unseren Anschauungen allgemeine Geltung zu verschaffen. Was aber der Congrcß scholl heute thun kann und rnuß, das ist, seinen Einfluß dahin geltend machen, daß bei allen zionistischen Unternehlnungen der Grundsatz festgehalten werde, das der Zionismus nicht allein eine sociale und wirthschaftliche, sondern in erster Reihe eine nationale und ethische Bewegung ist. (Beifall). Rede des Dr. Kaminka (Prag): Die Coionisalion Palästinas. Die Flamme der Sehnsucht nach einer Wiederherstellung Zions ist im Herzen des jüdischen Volkes seit dem Untergang des Staates nie erloschen. Der politische Zionismus, der sich nicht offen hervorwagen konnte, flüchtete sich unter den Schutzder Religion und der Wohlthütigkeit. Unzählig sind die Aussprüche in Talmud und Midrasch, sowie in der späteren nachexilischeu Literatur, welche die Colonisation Palästinas durch Juden als religiöses Gebot, als heilige Pflicht hinstellen. Am bezeichnendsten ist der Satz im Talmud: „Wer außerhalb Palästina s wohnt, dient gleichsam fremden Göttern, verleugnet seine Religion", sowie das Wort des Midrasch: Wenn Israel von „Ruhe" spricht, muß es an Jerusalem denken, denn nur von diesern kann es sagen, „es ist meine dauernde Ruhestätte" (Psalm 135). Während des ganzen Mittelalters war die Rückkehr nach dem heiligen Lande nicht nur der Gegenstand inbrünstiger Gebete, sondern auch das Schlußwort einer jeden Belehrung und öffentlichen Rede, das „Oeterum censeo" Israels. Kein Prediger, kein Rabbi schloß eine Ansprache an das Volk, ohne die Worte hinzuzufügen: „Und für Zion wird ein Erlöser kommen". Wie dachte man sich die Erlösung? Zumeist freilich auf wunderbare Weise, durch ein übernatürliches Eingreifen Gottes, entsprechend den allgemein herrschenden mystischen Vorstellungen. Es fehlte jedoch auch in: Mittelalter nicht an Männern, welche sich nicht scheuten, hervorzuheben, daß die Erlösung Israels auf natürlichem Wege stattfinden würde. Rabbi David K i m ch i nimmt bei der Erklärung eines Psalmverses Veranlassung zu bemerken: „Die Hilfe kommt zwar jedesmal von Gott, sie geschieht aber durch Menschenhand. So wurde die Rückkehr der Juden aus Babylon durch Vermittlung des Königs Cyrus bewirkt, und so wird die zukünftige endgiltige Erlösung ebenfalls auf natürliche Weise sich entwickeln". Ebenso spricht M a i m o n i d e s häufig ganz deutlich von der messianischen Zeit, indem er dieselbe als die Zeit der Wiederherstellung des jüdischen Staates und der aus natürliche Weise sich gestaltenden Erlösung Israels erklärt. War es im Mittelalter vorzugsweise die Religion, welche die Blicke der Juden nach Palästina lenkte, so hat in neuerer Zeit die jüdische Wohlthütigkeit sich instinctiv nach dem heiligen Lande gewendet. Zahlreiche humanitäre Institute wurden dort von europäischen Juden, von Vereinen und Privaten gegründet. Moses Montefiore ist mehrmals selbst hingereist und hat die Lebensverhültnisse der armseligen jüdischen Bevölkerung von Jerusalem — die zum großen Theil auf wohlthätige Spenden (Chaluka) angewiesen war — zu verbessern gesucht. Als die Alliance Israelite Universelle gegründet wurde, erwirkte Charles Netter die Gründung einer Ackerbau schule bei Jaffa (1869) unter dem Namen „Mikweh Israel" (Hoffnung Israels) — er that damit unbewußt den ersten Schritt im Sinne des modernen zionistischen Programms. Aber schon einige Jahre vorher, 1861, hatte ein angesehener Rabbiner, Zewi Hirsch Kali sch er in Thorn, eine bemerkenswerthe Schrift „Derischath Zion" veröffentlicht, in welcher er im Namen der Religion an die Zeitgenossen appellirte, Vereine für Colonisation Palästina's durch Juden zu begründen, und darauf hinwies, daß die Ehre der Judenheit es erfordere, nach Analogie der Italiener, Ungarn, Polen und anderer Völker, die mit Gut und Blut für ihr Vaterland eintraten, ebenso alles daran zu setzen, um die alte palästinensische Heimat wieder zu erlangen. David Gordon, einer der Begründer der neueren jüdischen Publicistik, trat seinerseits warm für diesen Gedanken ein, dessen Bedeutung durch die Leiden der Juden in Rumänien und bald darauf durch die Verfolgungen in Rußland zu einer actu ellen geworden. Die Jahre des Schreckens 1681 und 1882 gaben dcr Colonisation Palästinas einen besonderen Impuls. Ein Strom von Auswanderern, geplünderter und wirthschaftlich ruinirter Familien, ergoß sich nach der westlichen russischen Grenze, und die Frage entstand: Wohin mit diesen Unglücklichen? Die Hilfscomitos waren sofort mit dem Rath bei der Hand: nach Amerika! Und Millionen wurden für den Transport zahlreicher Familien verwendet, welche zum Theil, da sie auf dem neuen Continente sich keine Existenz begründen konnten, einige Jahre später mit Hilfe neuer Spenden über den Ocean zurück befördert werden mußten. Aber aus der Mitte des Volkes selbst, aus dem Herzen derer, die in jenen schauervollen Jahren nicht nur das vorübergehende gewaltige Leid, sondern den tausendjährigen historischen Jammer des jüdischen Volkes empfanden, drang mit elementarer Macht der laute Ruf: Nach Palästina nach dem eigenen Lande, wo das durch so viele Jahrhunderte überall gehetzte Israel endlich Ruhe und ein menschenwürdiges Dasein finden würde. In hebräischen und in russischen Zeitschriften wurde dieser Gedanke mit flammenden Worten verkündet. Die prophetischen Verheißungen, die jedem Israeliten geläufig waren, erhielten plötzlich actuelle Bedeutung und wurden mit Begeisterung als Lichtstrahlen einer neuen Zeit aufgefangen. Dr. L. Pins k e r, ein geachteter Arzt in Odessa, macht durch eine Broschüre „Autoemancipation", die berechtigtes Aufsehen erregte, auch die gebildeten jüdischen Kreise mit dem Gedanken vertraut, daß Israel sich auf sein nationales Leben besinnen und nach einer eigenen Heimat streben müsse. Die ersten, die infolge des neu belebten Dranges 1882 nach Palästina auswanderten, waren theils Familien, die einige Mittel besaßen und geglaubt hatten, sich selbstständig dort ansiedeln zu können: theils junge Männer, die von nationaler Begeisterung erfaßt, ohne praktische Ziele nach dem heiligen Lande reisten. Es waren darunter auch Studenten, die unter dem Namen „Bi In" (Anfangsbuchstaben von Beth Jacob lechü yeneicha" — Haus Jacob's, laßt uns gehen!) sich romantisch zusammen thaten, um als Colonisten nach dem Lande der Ahnen zu wandern. Bald geriethen jedoch die ersten Immigranten in materielle Noth und es mußten ihnen von Zionsfreunden aus Rußland Geldmittel geschickt werden. Es bildeten sich in verschiedenen Städten Gruppen und Vereine, um die Colonisten zu unterstützen. 11m ein gemeinsames Vorgehen zu ermöglichen, wurde eine Delegirten-Conferenz im Herbst 1884 in Kattowitz veranstaltet und anläßlich des 1885 gefeierten 100jährigen Montefiore-Jubilüums ein allgemeiner Verband der Chowawe Zion in Rußland als Montefiore-Stiftung, unter dem Namen „Maskereth Mosche" begründet. Zum Präsidenten wurde Dr. Pinsker gewählt, mit dem 16 angesehene