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Die Welt · 1897-09-10 · 15 (10.9.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
15 (10.9.1897)
Article
Rede des Alterspräsidenten Dr. Lippe (Jassy)
Date
1897-09-10
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr 15. „Pie $ Welt.“ Seile 5. Schooße duldet, eine Nation, der selbst alte Mächte der Hölle int Verlaufe von Jahrtausende» ihr nationales Bewußtsein nicht haben rauben können, besitzt noch Lebenskraft genug, ui» ein selbständiges nationales Dasein zu führen und es kann sich selbst nicht aufgeben. Als Nation haben wir unsere thaten- und einflußreiche Geschichte und der erste Freiheitskampf, den die Weltgeschichte aufzuweisen hat, ist der Auszug unserer Väter aus Egypten, mit dem erst die Geschichte der Völker anfüngt. Aber die Geschichte Israels ist die Geschichte des welterobernden Gedankens. Die erste geordnete humane Gesetzgebung ist die jüdische. Unsere uralte klassische Literatur ist unter dem Namen Bibel in alle civilisirten und halbcivilisirten Sprachen übersetzt, sie dient Hunderten, Millionen von Familien als Haus- und Erbanungsbuch. Unserer Gesänge (Psalmen) bedienen sich die Priester aller Confessionen. Der jüdischen Nation fehlt zur Vollständigkeit bloß ihr Vaterland. Darüber wollen wir eben berathen. — UnS ist die Furcht der Assimilanten vor der Besiedelung Palästinas mit Juden nicht einleuchtend. Wieso können diese den unter den Völkern zurückgebliebenen Stammesgenossen schädlich werden? Bis jetzt bestehen bereits 32 Judencolonieen im heiligen Lande und wir fühlen uns durch sie gar nicht beeinträchtigt; eben so wenig hat die Palästina-Ausstellung in Berlin, Köln nnd Breslau irgend welchen Nachtheil verursacht. Eben so wenig schaden uns die sonstigen zahlreichen, jüdischen, thatkräftigen, unternehmungslustigen Einwanderer nach Jerusalem und anderen S.ädten des heiligen Landes. Aber der Congreß, ja der Congreß! Dieser Congreß ist, abgesehen von dem auf demselben zu behandelnden Gegenstände, nichts anderes, als eine öffentliche Volksversammlung, um gegen die ILOOjährige Verfolgung, Bedrückung und Vergewaltigung zu proteftiren, gleich jeder anderen in ihrem Rechte gekränkten und beeinträchtigten Minorität. Während unsere Menschenrechte von allen Seiten geschmälert werden sollen wir uns noch des einzigen, das une übrig bleibt, des Rechtes der Klage, selbst begeben? Wir Juden haben, trotz unsäglichen, nie endenwollenden Unrechtes, das wir zu erleiden haben, an der Menschheit nicht verzweifelt, und in der Hoffnung, daß weder der Antisemitismus, noch die mißverstandene und verkehrt ausgeübte, christliche Liebe das öffentliche Gewissen in Europa ausgelöscht haben, beabsichtigen wir an dieses Gewissen zu appelliren. Wir haben uns zu beschweren gegen Regierungen, Völker und Priesterthum. Eine Zeit lang haben wir in der uns lieb gewonnenen arischen Civilisation unser Heil zu finden geglaubt. Aber sie hat uns verrathen. Schon Jeremias klagt: „Ich rief meine lieben Freunde, und diese haben mich verrathen." Als unsere Vorfahren aus Egypten zogen, schlossen sich ihnen viele Assimilanten an. Aber sie hatten nicht den Muth, gegen ein widriges Schicksal zu kämpfen und riesen bei der ersten Widerwärtigkeit, die sich ihnen darbot: „Setzen wir uns ein Oberhaupt und kehren nach Mizraim zurück." Wir aber rufen: „Setzen wir uns ein Oberhaupt und "ehren wir nach Jerusalem zurück." Wir müssen der bruialen Uebermacht ausweichen und in unsere alte Heimat zurückkehren und wenn unsere Mission unter den Nationen wirklich noch nicht erfüllt wäre, so wollen wir das Versäumte von dort nachholen. „Denn von Zion allein geht die Lehre aus und 'Rottes Wort blos von Jeruscholaim." Rede des Dr. Bodenheimer (Köln): Werthe Congreß-Mitglieder! Der Gedanke, uns, die wir von einer gemeinsamen lleberzeugung beseelt sind, die der eine Wille erfüllt, unserem Volke eine feste Basis zu geben, auf der sich seine Zukunft nufbauen kann, hieher zu berufen, uns zu gemeinschaftlicher Verathung zu versammeln, das war schon der Beginn einer zionistischen Organisation. Die einfache Thalsache des Congresses hat unserer Sache unschätzbare Dienste geleistet und bedeutenden Nutzen gestiftet, selbst wenn unsere Verhandlungen ohne jedes unmittelbare praktische Ergebniß bleiben sollten. Wie eine Idee oft Geist und Körper gewaltig erregt, uns zu thatkräftigem Handeln anspornt, während wir vorher unsere Kräfte in muffiger Lethargie erschlaffen ließen, so hat der Congreßgedanke überall die Judenheit aus tausendjährigem Schlummer aufgerüttelt und zur Erkenntniß ihres Daseins gebracht. Wie der Sturmwind befruchtende Keime über weite Länder ausstreut, so hat dieser Gedanke überall, wo die zionistische Bewegung Eingang gefunden hatte, neues Leben erweckt und unsere Freunde gezwungen, sich zu organisiren, um den von allen Seiten unter unseren Stammesgenossen uns erwachsenden Gegnern Stand zu halten und ihre Begeisterung für diese erste jüdische Nationalversammlung zu bekunden. Unsere Ausgabe wird es nun sein, den Hoffnungen gerecht zu werden, die unsere Gesinnungsgenossen an die Entwickelung dieses Keimes einer Organisation durch unsere Versammlung knüpfen. Die Frage, ob und warum wir überhaupt einer Organisation bedürfen, wird wohl kaum ein Gesinnungsgenosse aufwerfen, dennoch wollen wir sie einer kurzen Betrachtung unterziehen. Jedes Lebewesen bringt seine Organe, wodurch es sich erhält und fortpflanzt bei der Geburt mit auf die Welt und entwickelt dieselben zu zweckniäßiger Thätigkeit. Anders verhält es sich bei den sogenannten socialen oder politischen Körpern. Das unterscheidende Merkmal eines solchen Körpers, einer geistigen Gemeinschaft mehrerer Menschen, ist, daß sie zum Ausdruck ihrer gemeinschaftlichen lleberzeugung zur Erreichung ihrer Ideale besondere Organe schaffen müssen. Auch das Volk ist ein solcher socialer und politischer Körper; wenn sich derselbe organisirt, Werkzeuge zu seiner Erhaltung und Entwickelung schafft, so wird derselbe zum organisirten Volkskörper, das ist zur Nation. Der höchste Ausdruck und das Ziel einer derartigen Organisation ist die völkerrechtliche Anerkennung derselben als Staat. In der Rechtsphilosophie bezeichnet man daher den Staat als den rechtlich organisirten Machtwillen des Volkes. Nicht jede Nation besitzt die Fähigkeit, die höchste Stufe der Entwickelung zu erklimmen. Nur Völker von hervorragender geistiger Kraft und Eigenart haben dieses Ziel erreicht; aber jeder Nation wohnt der Trieb inne, ihre Eigenart und Kraft durch die Staatsbildnng zu erweisen. Wo mehrere Nationen innerhalb eines größeren Staatsverbandes znsammenleben, hat demnach jede das Bestreben, entweder wo sie sich dazu stark genug fühlt, die anderen Nationen ihrer Eigenart zu unterwerfen, dieselben zu unterdrücken, oder sich im anderen Falle von dem Staatsganzen loszutrennen und einen selbständigen Staat zu gestalten. Wie also auch die Organisation eines Volkes beschaffen sein mag, so muß sie die Möglichkeit bieten, sich zur staatlichen weiter zu bilden, sie muß im Kerne den Keim zur Staatsbildung in sich tragen. Das ganze Elend des jüdischen Volkes seit dem Verluste der nationalen Selbständigkeit besteht darin, daß es in keinem Staate genügende Macht besaß, als geringfügige Minorität auch nicht besitzen konnte, um eine staatliche Herrschaft zu erlangen, daß es aber auch nirgends eine Organisation schuf oder schaffen konnte, um bei einer Loslösung von den Staaten in denen es zerstreut lebte, ein selbstständiges Gemeinwesen bilden zu können. Fehlte es aber wirklich dem jüdischen Volke an einer solchen Organisation? War dasselbe denn nicht immer in Gemeinden organisirt? Gewiß! Die Zersplitterung dieser Einzelgemeinden, die unter sich in keinem einheitlichen Zusammenhang standen, ließ aber durchaus keine nationale Entwickelung zu. Ein Zusammengehen des ganzen Volkes zu gemeinsamen Zwecken war bei diesen Zweigbildungen ohne nationales Centrum vollständig ausgeschlossen. Man könnte nun sagen, es existirten doch immerhin Vereinigungen, welche die ganze Judenheit ohne Unterschied der Staatszugehörigkeit umfassen, man denke nur an die „Alliance Israelite Uni-

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