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Die Welt · 1897-09-10 · 15 (10.9.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
15 (10.9.1897)
Article
Baseler Eindrücke
Date
1897-09-10
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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die man merkwürdigerweise nur den Inden übelnimmt, kommt da zum Vorschein. Und doch geschieht alles in so decenten, ruhigen Formell, das; nran wieder llnwilltürlich an einen allgemein gebräuchlichen Ausdruck denken muß. Ein deutsches Blatt schrieb: „Staullenslverth ist geradezu die mustergiltige parlamentarische Form, in der die Verhandlungen verlausen". Der Mcupi, der das geschrieben, hat zu wenig gesehen. Der Congreß war keine Gelegenheit, um das verkannte „parlamentarische Genie" der Juden in Helle Beleuchtung zu rücken, die dort saßen und beriethten, waren Brüder, Kinder einer Familie und sie hielten einen Familienrath. sfc * -i- Zu den geduldigsten und ausharrendsten Zuhörern des Congresses gehörten die Baseler Juden. Die Galerie war immer dicht besetzt, selbst bei der so schwierigen und langdaueruden Discussivn über die Organisation. Still saßen sie und hörten zu. Mitunter klatschten sie Beisall. Aber dann so kräftig und auch so fröhlich, daß man bald erkannte, die oben^sitzen, sind nicht nur Zuhörer, sie sind Mitglieder. Die Verbindung zwischen ihnen und den Theilnehmern des Congresses war bald hergestellt. In den Pausen brachten die Baseler ihre Frauen in die Speisesäle herunter. Man stellt sich einander vor und findet sich rasch zusammen. Jede Unterscheidung fällt, Mitglieder und Zuhörer sitzen an einem Tische und in angenehmer Wechselrede vergeht die Zeit. Wenn man aufbrechen muß, erhebt alles ohne jede Rede das Glas, man blickt einander ernst an und ruft: Uebers Jahr in Jerusalem! I. Sch. Congretz-Uerhandtungen. (Nachtrag.) Wegen Raummangels konnten wir in der vorigen Nummer nur Auszüge aus manchen Reden bringen. Wir lassen nunmehr die wichtigeren Referate in extenso folgen. Rede des Alterspräsidenten Dr. Lippe (Jassy): Bor ungefähr siebzehn Jahren erhielt ich von einem hebräischen Literaten, Namens Miwa Chas ch m a l, ein Schreiben, worin er mir anzeigte, daß ein gewisser Lazar R o k e a ch aus Safed in Palästina nach Rumänien gekommen sei, um für die Bildung von jüdischen Colonien in Palästina zu agitiren. Bald darauf wurde ich in einem bescheidenen Zimmer in einer Jassyer Vorstadt beauftragt, für diese Sache in Wort und Schrift Stinunnng zu machen. Es entstanden bald 27 Comites in 27 Städten des Landes und ein Centralcomitv in Galata, zu deren Mitgliedern Herr Samuel P i n e l e s lind ich gehörten. Das Resultat dieser Propaganda waren die ersten zwei Colonien aus Rumänien in Palästina, Sichron Jacob und Rosch Pinah. Als diese Cvlonien in bessere Hände übergingen, hörte unser Comite zu bestehen auf. Aber Herr P i n e l e s und ich hörten nicht auf, in dieser Sache thätig zu sein. Ich war bei der Cowerenz in Kattowitz, von deren Theilnehmern sich außer mir noch die Herren I a s i n o w s k i und M o s e s hier befinden. Wohl ist diese Versammlung für die zionistischen Bestrebungen grundlegend gewesen, allein sie repräsentirte dennoch blos einen Bruchtheil des Judenthums. Dieser Congreß repräsentirt hingegen das Gesammtjudenthuui. Welcher gewaltige Sprung von jenem bescheidenen Stübchen in der Jassyer Vorstadt bis zu diesem Saal in Basel, welcher unerwartete Fortschritt vom C hasch mal und R o k e a ch bis zu H e r z l und N o r d a u! Diese Versammlung von Gesandten jüdischer Vereine und begeisterter Juden ist die erste ihrer Art seit achtzehnhundert Jahren des dritten Exils. Sie ist der Ausdruck einer internationalen Bewegung, die alle Stände Israels ergriffen, um einen nationalen Gedanken zu verwirklichen, welcher während der langen Dauer dieses Exils, des Golus Edom, im Schoße der Judenheit gebannt lag und vergebens nach Verwirklichung rang. O, ein schöner, großer Tag, der heutige, in der Geschichte Israels, fürwahr! Der Gegenstand, der uns heute zu berathen vorliegt, ist kein geringerer, als die Rückkehr der Juden ins Land ihrer Väter, in das heilige Land, das unser Gott, der einig-einzige, unserem Erzvater Abraham für uns, seine Nachkommen, verheißen hat. Jahrhunderte lang warten wir vergebens aus eine Erlösung aus dem harten Golus mittelst göttlicher, übernatürlicher Wunder, und nun des langen Wartens müde, von allen Seiten von Feinden bedrängt, wollen mir unsere Erlösung auf natürlichem Wege versuchen, um in unser altes Vaterland zurückzukehren, gleich unseren Vorfahren in Mizraiin nnd später in Babel. Auch sie gelangten in den Besitz des Vaterlandes zurück aus dem natürlichen Wege der geschichtlichen Entwickelung. Nach dem Auszuge aus Aegypten erkämpften sich unsere Väter das Land der Erzväter auf dem natürlichen Wege der Kriegführung unter Mosche Jehoschua, den Richtern und Königen. Die Exulanten in Babylon kehrten auf Grund diplomatischer Unterhandlungen mit dem Perserkönige Cyrus und eines internationalen Tractates zurück, der in unseren heiligen Schriften wörtlich aufbewahrt ist. Wohl verhieß ihnen der Prophet Secharja eine übernatürliche Erlösung, indem er sie tröstete mit den Worten: „Dein König (der Messias) wird zu Dir kommen, bescheiden aus einem Esel reitend." Aber unsere Vorfahren warteten die Erfüllung dieser Verheißung nicht ab und benutzten die erste, sich darbietende Gelegenheit und kehrten heim. Der Prophet Jeschajahu nimmt keinen Anstand, diesem Perserkönig, dem Heiden, den Messiastitel zu verleihen. Auch wir wollen gleich jenen unseren Vorfahren vor 2509 Jahren, den Eselreiter von Babel, den Messias, nicht mehr erwarten und wollen ebenfalls auf Grund eines internationalen Tractates nach Erez Israel zurückkehren. Unsere Frommen, welche noch immer den eselrei'enden König erwarten, mögen auch fernerhin im Golus bleiben und auf seine Ankunft warten; aber wenn sie Bettlern, Müßiggängern und Greisen gestatten, sich im heiligen Lande anzusiedeln, und sie mit einem Bettelpfennig unterstützen, so darf auch uns nicht verboten sein, lebenskräftige, arbeitslustige junge Leute hinzubefördern, welche durch Arbeit und Fleiß das verwüstete Land in ein Eden verwandeln werden. Und sollte endlich der bescheidene König wirklich erscheinen, dann werden ihm unsere Arbeiter einen würdigeren Empfang bereiten, als jene Schnorrer. Aber wir verhehlen uns durchaus nicht unsere weit schwierigere Position, als jene der Exulanten Babels. Zur Zeit des babylonischen Exils waren sowohl Babel als auch Palästina Provinzen des persischen Reiche". Serubabel, Esra und Nechemia hatten blos bei der persischen Regierung die Crlaubniß für die Juden zu erwirken, aus einer Provinz ihres Staates in die andere zu übersiedeln. Schwieriger ist die Aufgabe für unsere Einwanderer. Diese kommen als Angehörige fremder Staaten und verlangen Einlaß in eine Provinz des türkischen Territoriums. Allein in der wohlbekannten Gnade des regierende» Sultans, in seiner Ueberzeugung von der Treue seiner jüdischen Unterthanen, in seiner Ueberzeugung, daß Juden überallhin Segen bringen, wo sie sich niederlassen, wird Seine Majestät der Sultan nicht verfehlen, eine größere Zahl solcher emsiger, civilisatorischer Elemente seinem Reiche einzuverleiben. Unseren Assimilanten, die mit uns nicht mitgehen wollen, die in übel angebrachter Selbstverleugnung ihrein Ehrentitel „Nation" entsagen und in der zionistischen Be wegung eine Gefahr für ihre bürgerliche Stellung erblicken, und die ihr Heil einzig und allein im völligen Aufgehen in anderen Nationen erblicken, rufen wir die Worte zn, die der jüdische Feldherr an seine Soldaten vor der Schlacht zu richten pflegte: „Jeder Zaghafte und Weichherzige bleibc zu Hause." Eine Nation wie Israel, die seit 3000 Jahren, auch ohne allen Schulzwang, keinen Analphabeten in seinem

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