Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 15 (10.9.1897)
- Article
- Baseler Eindrücke
- Date
- 1897-09-10
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15. Seite 3. klatschte mit den Händen, schwenkte das Tuch und stimmte in das Hoch ein. Ein Londoner Delegirter sagte mir: „Mr. Z a n g w i 11 was the most cheerer in tlie whole room.“ (Z. war der begeistertste Hochruser i,n ganzen Saale.) Auch sein Herz hat sich erwärmt am Feuer seiner Brüder. Er ist als unser Frelmd von dannen gezogen. * * Spricht man von Zürich, Genf und Basel, so pflegt man sie zu bezeichnen: Zürich ist die größte, Genf die schönste, Basel die reichste Stadt. Basel ist aber auch die frömmste oder eigentlich die gläubigste. Die protestantischen Einwohner nennen sich selbst: Bibelgläubige Und als solche hegen sie für die Juden nicht blos Sympathien, sondern sie glauben auch an die Erfüllung der prophetischen Verheißungen: an die bevorstehende Rückkehr der Juden nach Palästina. „Sie wollen Palästina erwerben? Sie haben ja darauf ein Recht und wir gönnen es ihnen aus vollem Herzen," sagte uns der Director des Baseler Evangelisten-Seminars. Diese tiefe Sympathie, die die Baseler Christen für die Congreßbesucher empfanden, gehörten mit zu den angenehmsten Erinnerungen, die wir aus Basel heinigebracht haben. Und dieser Stimmung gab auch ein Congreßbesucher Ausdruck, als er einer der hervorragendsten christlichen Familien Basels, die ihn während der ganzen Congreßzeit aufs liebevollste beherbergte, nach einigen persönlichen Bemerkungen folgendes in das „Buch der Gäste" schrieb. „Und so wird uns die Zukunft lehren, daß lediglich der Zionismus zu einer wahren Verbrüderung zwischen Christen und Juden führen kann." * 2 * Und noch eines Mannes wollen wir besonders gedenken, des Berliner Pastors Dr. Johannes Lepsius. Der Sohn des großen Orientalisten, der jüngst durch seine sensationelle Broschüre und seine agitatorische Kraft die öffentliche Meinung in Deutschland für die Ärmenier entflainmte und der sie noch jetzt durch seine Monatsschrift „Der christliche Orient" wachhält, gehörte zu den fleißigsten Congreßbesnchern. Keine Einzelheit ist ihn: entgangen, keine Gelegenheit ließ er unbenutzt, um sich über die Vorgeschichte des Zionismus gründlich zu informiren. Der Ausspruch Dr. Herzl's: „Die Ansiedelung der Juden wäre wohl auch eine Besserung der Lage der Christen im Orient" nlachte auf ihn einen tiefen Eindruck. Denn dieser Satz birgt in sich eine Wahrheit, die dem Führer der Philo- Armenier nicht entgangen sein kann. Die Mittel der Zionisten sollen die Türkei in die Möglichkeit versetzen, Reformen einzuführen, die wieder in erster Linie den Armeniern zu Gute kommen werden. So werden die Zionisten zu ihrem eigenen Heil und zun: Wohle der leidenden Menschheit wirken. Dr. L. Der Alterspräsident hatte geschlossen. Das Präludium war oorübergeranscht. Dr. L i pp e steigt von der Tribüne und unter lautloser Stille und allgemeiner Austnerksamkeit begibt sich das vom Congreß gewählte Bureau hinauf. Die hohe Estrade, der lange Tisch, alles in dunkles Grün gekleidet, hatten ein Gefühl der Spannung hervorgerufen. Sie sitzen nun oben und man hat jetzt Zeit sie zu betrachten. Wenn auch der semitische Typus sich auf allen Gesichtern unverkennbar ausprägt, sie sind doch nicht alle gleich und unterscheiden sich wesentlich von einander. Die verschiedenen Nuancen, die uns in die Augen fallen, sind die verschiedenen Capitel unserer Leidensgeschichte, die in einer staunenswcrthen Verkörperung sich in unsere Zeit herüber erbalten haben. Herr Ingenieur Temkin auf der einen Seite und Herr Dr. Schauer auf der anderen, ein Capitel aus dem 15. und eines aus dem 19. Jahrhundert. Temkin, eine kraftvolle Gestalt, die um Haupteslänge alle überragt. Aus seinen: ausdrucksvolle:: Gesichte, das schwarzes Lockenhaar und ein schwarzer Vollbart unisäumt, weht einen: die ganze glückliche Zeit der jüdischen Romantik entgegen. So mußten die spanischen Inden in ihrer Blüthe ausgeseheu haben. Durch das ganze Bureau von ihn: getrennt, sitzt Dr. Schauer. Er ist ein moderner deutscher Jude, der in der Zeit der Judenemancipation ausgewachsen. Davon zeugt sein Auftreten und dafür sprechen die vielen Schrammen in seinen: Gesichte. Zwischen Ihnen der schmächtige d e H a a s mit den klugen, jüdischen Augen, der alte Pi ne l es, der in seiner Ruhe ein Bild des freundlichen Alters bot, Dr. Max Nord au mit der hohen Stirne und den energischen Zügen und der hinreißenden Kraft seiner Rede, Ingenieur U s i s ch k i n, der zu den Führern der russischen Zionisten zählt, dann die Wiener Zionisten Dr. Schn irer, M i n tz und der brave W o l f s o h n aus Köln. Was sie zusammenzwingt, ist der gemeinsame Gedanke, was sie aneinanderreiht, sie und alle Juden der Welt, unlösbar und untrennbar, ist das Mysterium der jüdischen ^Nationalität. Und so konnte ein Redner ruhig sagen: „Hier tagt die jüdische Nationalversammlung nach Jahrhunderten wieder zum erstenmale und hoffentlich nicht zum letztemnale". * * * Unter den älteren Herren fällt namentlich Dr. Lippe ans. Wer kennt ihn nicht den wackeren Zionskampfer! In Rumänien, in: Lande der Judennoth, waren er und P i n e l e s die ersten die den Zionismus propagierten. Der alte Mann mit dem jungen Herzen, wie er einmal genannt wurde, zählt zu den bekanntesten Figuren der rmnänischen Judenheit. Nun auch der gesammten. Er spricht mit jugendlicher Begeisterung, schnell, ja hastig. Er hat viel zu sagen und sagt es vortrefflich. Man erkennt aus seiner Rede den Volksmann. Als wir ihm beim Abschied die Hände drückten, sagte er unter Thränen — und er ist eine harte Natur — er hatte es sich nicht träumen lassen, eine Nationalversammlung noch selbst mitschauen zu können. Nun wolle er ruhig den: Ende seines Lebens entgegensehen. „Die Damen werden ersucht, an der Abstimmung sich nickst zu betheiligen". „Aber ich habe doch eine Mitgliedskarte und damit auch das Recht, zu stiuunen", sagt Frl. Marie R e i n u s, eine zarte Dame mit glatt gestrichenen: Haare und ernsten:, aber sympathischen: Gesichtsausdruck. Sie spricht weiter und man hört ihr gerne zu. Diese schwache Stimme tönte nach dem lauten Männerbaß so angenehm ins Ohr. Leider mußte die Discussion abgebrochen werden, denn die Frauenfrage stand nicht auf der Tagesordnung. Frl. Reinus sollte in der Schlußsitzung das Wort bekommen, aber sie zog es bescheideutlich vor, auf dem Commerse ihre Ansichten zu entwickeln. Was sie da sprach mit klarer Stimme ohne jede Ueberschwenglichkeit oder Sentimentalität, wie n:an sie bei Frauen erwartet, kann nicht oft genug gesagt werden. „Die Frauenfrage bei den Juden ist die Zionsfrage. Wo es sich un: die Zukunft des jüdischen Volkes handelt, um sein Wohl und Wehe, wird kein jüdisches Weib abseits stehen, seine Frauenemancipation ist die Judenemancipation". Wir fügen hinzu, daß Frl. Reinus verdienten Beifall fand. -i- * * Eine interessante Persönlichkeit ist Professor Dr. S ch apira, Professor der Mathematik an der Universität zu Heidelberg. Also ein Mann starrer Formeln und trockener Ziffern. Wer ihn da von der Seite ansieht, den hageren Körper in den weiten schwarzen Rock gehüllt, das lange, weiße Haupthaar, das in Locken auf die Schulter füllt, das hagere aber markante Gesicht, sieht in ihn: den modernen Professor. Wer aber in sein Auge blickt, das voll unendlicher Güte ist, und wer seinen in tiefster Erregung gesprochenen Wunsch hört, jeder möge seine Pläne zurückstellen, wenn sie ihn: noch so Werth gewesen waren, zu Gunsten einer Einheitlichkeit in: Beschließen, der sieht in ihn: den ehrwürdigen Gelehrten, der über die Folianten gebeugt, uns in so vielen Abbildungen berühmter Juden als Lehrer und Meister im Judenthume überkommen ist. -i- * * Während man in: Saale still beräth und beschließt, geht es umso lauter draußen in den Couloirs zu. Hier haben sich rasch einzelne Gruppen gebildet und in: regen Gedankeuanstausch über Punkte, die noch erledigt werden müssen, kommt man schnell über so manche Schwierigkeit hinweg. Es wird lebhaft gesprochen und die ganze, soviel beredete orientalische Lebendigkeit,