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Die Welt · 1897-09-10 · 15 (10.9.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
15 (10.9.1897)
Article
Ergebnisse des Congresses
Date
1897-09-10
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 15. zur Assimilirung sind? Welche Thorheit! Denen erleichtert es geradezu den Uebergang, sie sagen sich einfach non der Stammesgemeinschaft für immer los — „das Beißen ist überflüssig." Aber, wenn mir als eines der wichtigsten Ergebnisse des Congresses das hinstellen dürfen, daß man fortab überall genau über das bisher entstellte oder verschwiegene Wesen des Zionismus unterrichtet ist, so dürfen wir darin doch nur ein erstes Ergebniß erblicken. Durch die ganze Anlage unserer Bewegung, die sich am Hellen Tag unter aller Augen abspielt, sind wir auf das Wohlwollen, die Mithilfe der öffentlichen Meinung und der betheiligten Regierungen angewiesen. Wenn unser Bestreben, eine große und wachsende Schwierigkeit zu beseitigen, wirklich die Sympathien in dem Maße geweckt hat, wie wir es zu bemerken glauben, so muß man uns entschieden helfen. Das eingesetzte Comitö in Wien hat nebst der Vorbereitung des nächsten Congresses die Aufgabe, sich der Zustimmung der officiellen Kreist zu versichern. Es muß sich bald zeigen, ob man unsere gute Absicht versteht und würdigt. Wir können, wir werden nur arbeiten, wenn man uns bereitwillig hilft. Anderenfalls müßten wir uns damit begnügen, der öffentlichen Discussion eine neue Grundlage gegeben zu haben, und müßten ruhig zuwarten, bis sich das Verständnis überall klärt. Wünschen die Regierungen eine Lösung der Judensrage, die alle Theile befriedigt, so werden sie Gelegenheit haben, das durch ihr Entgegenkommen zu zeigen. Haben wir uns bisher von Exaltationen freigehalten, so liegt jetzt weniger als je ein Grund vor, die Bahn der Besonnenheit, der gesunden und ruhigen Arbeit zu verlassen. Wer wieder glaubt oder sagt, daß uns das Gelingen des Congreßes zu Thorheiten verleiten werde, den werden wir wieder enttäuschen, wie wir auch bisher die Unheilsprophezeihungen unserer Gegner Lügen straften und ihre Ränke zu Schanden machten. Der Zionismus hat bisher den Juden nicht geschadet, er wird ihnen auch weiterhin nicht schaden. Im Gegentheil. Gar Manche, die den Namen unseres Stammes mit einem Tone der Verachtung auszusprechen gewohnt waren, sind von unserer Bewegung betroffen, vielleicht sogar schon beschämt. Ein wackerer Bürger von Basel, der auf der Galerie den Verhandlungen des Congresses beigewohnt hatte, drückte das in einer naiven Weise aus. Er sagte beim Fortgehen zu einem unserer Leute, den er wohl auch nur für einen Zuschauer hielt: „So habe ich mir die Juden nicht vorgestellt." Es ist Reue und das Aufkeimen einer besseren Erkenntniß in diesem einfachen Wort. Von bösen Legenden umsponnen, von Anklagen entstellt, ist unser Bild in der Vorstellung der Völker. Hätte unser Congreß nichts Anderes zu Wege gebracht, als daß man uns nicht mehr sammt und sonders für beutegierige Schwindler hält, daß inan dazu angeregt wird. Jeden von uns nach seinen Werten zu messen, so wäre dannt doch immerhin auch schon Einiges gewonnen. Und wir haben auf dem Congreß des Ferneren bewirkt, daß sich das Judenthum aus der knieenden Stellung, die es einigen Geldsücken gegenüber einnahm, aufzurichten begonnen hat. Von Einzelnen in der Versammlung wurde ja sogar der Versuch gemacht, die Bewegung als eine social-demokratische hinzustellen. Das ist sie nicht, und der Vorsitzende durfte unter der Zustimmung der großen Mehrheit des Congresses diesen Versuch zurückweisen. Der Zionismus umfaßt alle Parteien, und er kann weder eine politische, noch eine religiöse Richtung bevorzugen, denn er stellt die Nation vor, die ganze Nation. Das aber ist das größte Ergebniß des Congresses: es hat sich gezeigt, daß der jüdische Nationalgedanke die einigende Kraft besitzt, alle sprachlich, social, politisch und religiös Verschiedenen zur einheitlichen Masse zusammenzuballen. Das wurde bisher am heftigsten geleugnet und gerade das wurde in Basel am glänzendsten erwiesen. Parteigegensätze, die sonst überall, wo sie znsamuienkommen, laut aufheulen, verstunnnten augenblicklich, beim ersten Appell an die Nation. Die Brüder haben sich gefunden. Es war eine solche Weihe in diesen Tagen, daß es eine Versündigung an der Nation gewesen märe, gewisse beklagenswertste Vorkommnisse in der bisherigen Colonisationsarbeit öffentlich zu erörtern. In einem von der besten Absicht eingegebenen Werke ereignen sich Mißbräuche, die so ziemlich Allen bekannt sind, nur denen nicht, deren Gutmüthigkeit am schwersten mißbraucht wird. Man hat sich auf dem Congresse damit begnügt, sie anzudeuten. Es konnte aus höheren Gründen nicht mehr gethan werden; mögen die Armen, die ihre Beschwerden kaum zu seufzen wagen, doch die Beruhigung erhalten, daß nian ihrer gedenkt und ihnen helfen will. Das Schmerzenskind der Colonisation soll fürderhin anders gepflegt werden, das war ein deutlich ausgesprochener Wunsch des Congresses. Da sich der Zionsgedanke nun vor aller Welt ausgesprochen hat, kann ohnehin nicht mehr vom Einschmuggeln von Colonisten die Rede sein. Die sogenannte Jnsiltration muß zum Stillstand gebracht werden, bis die vom Congreß einstimmig verlangten öffentlich rechtlichen Garantien geschaffen sind. Das bisher Eingerichtete soll erhalten und gepflegt werden, die bestehenden Colonien aber nicht niehr von außen her, sondern aus der in Palästina befindlichen proletarischen Bevölkerung alimentirt werden. Dadurch entfällt für die türkische Regierung jede Veranlassung, die Einwanderung zu erschweren, denn bis auf Weiteres soll es keine Einwanderung mehr geben. Erkennt die Regierung Sr. Majestät des Sultans, welche Ressourcen durch das jüdische Volk eröffnet werden tonnen, so wird sie das Ihrige dazu thun. Das muß abgewartet werden. Wir aber werden den unsterblichen Gedanken unseres Volkes mit alter Treue auch fernerhin in unserem Gemüthe hegen. Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen. Saseler Eindrücke. Der erste Zionisten-Congreß ist vorüber. Er ist vergangen wie alles Irdische. Aber es blieben unvergeßliche Erinnerungen im Herzen eines jeden Theilnehmers und die dauernden Resultate der mühsamen anstrengenden dreitägigen Arbeit. Fast möchten wir glauben, daß es nur ein schöner Traum war. Nein, es war Wirklichkeit. Da saßen sie beisammen der Chassid Arori Markus und ein Max N o r d a u, der Talmudthoralehrer Süßkind Rabbi nowicz und Jacques B a h a r; Anhänger entgegengesetzter Culturen, verschieden in ihrer Lebensanschauung und, was sofort auffiel, in ihrer äußeren Tracht. Was sie bisher einigte, war das zufällige Band der Abstammung, was sie hierher führte und jetzt an einander fesselte, ist — der Zionismus. Er hat Wunder gewirkt. Auch die Zweifler und Nörgler, die mit eiskaltem Herzen herkamen, um höchstens ein decoratives Schauspiel zu „genießen" oder Belege für ihre vorgefaßten Meinungen zu finden, sind bekehrt worden. So ist es einem bekannten Warschauer Redacteur, so ist es auch Mr. Isidor Z a n g w i l l ergangen. Er hat sich drei Tage gehalten. Den ersten Tag in eine entfernte Ecke gedrückt, dann in der ersten Reihe apathisch sitzend, schien er mit dem Geiste entfernt zu sein. Nur selten sahen wir dieses glattrasirte Gesicht mit der markant gebogenen Nase und der hohen Stirn einen lebhaften Ausdruck annehmen. Während sich Alle begeisterten, lebhaft discutirten, während Stürme des Beifalls den Saal durchbrausien, ließ er blos seine Augen nach allen Seiten forschend, beobachtend schweifen. Noch am zweiten Tage gebrauchte er in einem Privatgesprnch das Wort „Casino-Ghetto". Aber ain dritten Tage da war es um ihn geschehen. Als der greise Professor Mandel st a m m mit vor tiefster Rührung zitternder Stimme dem Präsidium den Dank anssprach und der Enthusiasmus alle Anwesenden mit sich fortriß, da sprang auch Z a n g w i l l auf den Sessel,

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