Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 14 (3.9.1897)
- Article
- Chava Rubin
- Date
- 1897-09-03
- Page
- 20 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20. „PKs&WtlL* Nr. 14. 2Xn xtnfeve JCcfcvl Diejenigen unserer Leser, deren Abonnement Ende August ablief, werden darauf aufmerksam gemacht, daß sie die nächste Nummer nicht mehr zugeschickt erhalten, wenn bis zu deren Erscheinen der Betrag für die Erneuerung des Abonnements nicht in unseren Händen ist. Die Administration. Von W. Okonski. Deutsch von F. Landesberge r. 3. Fortsetzung.) Du würdest Dich, lieber Leser, in einem großen Jrrrhnm befinden, wenn Dn glaubtest, daß Chava, in Folge dieser Begegnung an die Zufälle dachte, welche das Schicksal der Korrespondenz beeinflussen wird; nicht im Mindesten, sie sagte sich nur, wie glücklich dieser Franek sei, der Briefe austragen darf und in Polanowka einen Rubel für den Weg bekommt. . . . Als sie das Licht im Fenster ihres Hauses erblickte, durchströmte ein angenehmes Gefühl ihren Leib. Lange schon u>ar sie nicht mit einem so reichlichen Verdienste heimgekehrt, seit Langem konnte sie kein solches Festmahl ausrichten. Sie freute sich besonders, daß der zehnmonatliche Jcek, der den ganzen Tag nur Kartoffeln befallt, endlich eine seinem Alter entsprechendere Nahrung erhalten werde. Um die Zeit nicht zu verlieren lies sie sofort auf den Markt, kaufte ein halbes Pfund Mehl, für drei Groschen Butter, einen Viertelliter Milch und eine Feige. Von Weitem schon hörte sie das Weinen ihrer Kinder. Eine einer anderen Lebenssphäre angehörende Mutier würde entsetzt geglaubt haben, daß sich in ihrer Familie ein Unglück ereignet habe. Chava aber wußte, daß es blos der Chorgesang von vier hungrigen Mägen sei. „Na, still, still mein Kleines", ries sie in's Zimmer stürzend; die beiden Jungen schluchzten in den Winkeln, das Mädchen bemühte sich, den am lautesten schreienden Jcek zu beruhigen. Chava küßte ihn, steckte ihm die Feige in den Mund, unter die Anderen vertheilte sie den Rest des Placek's und die Ruhe kehrte wieder. „Wo ist der Vater?" frag sie die älteste Tochter. „Er traut den Schmul und wird bei der Hochzeit bleiben." „Hat er nichts gekocht?" „Er hat selbst nichts gegessen " bloch war keine Stunde vergangen, als sich die rührige Chava bereits mit ihren Kindern zum Festmahl setzte, — cv gab Erdüpselnockerln für die Anderen mir Butter begossen,, für Jcek in Milch gekocht. Nockerln bildeten die Hauptdeticatcsfe des Mahles in dieser Wirthschast, wo das tägliche Budget von kb Groschen, keinen Luxus gestattete. Kartoffeln, Hirse, Birnen waren die Hauptnahrungsmittel der Famile Rubin. Ten wonnigen Schlaf Chava's in jener Nacht, vermag ich nicht zu schildern. Es war der Schlaf eines Glücklichen, der das große Los gezogen, eines Bettlers, der einen Sack voll Geldes gefunden, oder der Wölfin, die eine ganze Ochsenkeule in der Nähe ihrer Höhle vergraben hatte. „Wo schleppst Dn Dich herum", brummte Symche am nächsten Tage: „Du hast keine Kinder, Du hast keinen Mann, Du gehst spazieren? Hast Du was verdient?" Chava schwieg; ihr bangte für ihren Reichthum, hegte doch ihr Mann schon seit drei Jahren den heißen Wunsch sich einen neuen Kaftan zu kaufen, ohne den er angeblich seine Hausherrenwürde nicht länger repräsentiren konnte: auch sein Lieblingsplan, die Renovirung seines Hauses, flößte ihr Angst ein. „Du bist eine Gnädige", redete er weiter: „Du kaufst Störe für Dich. Was wird mit der Hälfte sein, wer wird sie nehmen?" „Ich werde sie verkaufen" fertigte ihn Chava kurz ab, nahm den Rest des Fisches und ging. Wohin? Sie war ja schon gestern in allen Häusern gewesen; an die Ereignisse des gestrigen Tages zurückdenkend, erinnerte sie sich an den Vorfall mit Franek und dabei fiel ihr das Postamt ein. Herr Chrzastkiewicz ließ zwar seine Frau den Hausgebrauch von seinem Credit bestreiten, auch zahlte er seine Schulden für gewöhnlich nicht, aber wenn er gerade bei Cassa war, besonders wenn irgend eine Bäuerin ihrem beim Militär dienenden Manne Geld sandte, kargte der Herr Posthalter nicht mit dem Gelde und zahlte baar. Chava fürchtete sich zwar vor Franek, aber dann dachte sie, daß Franek in Gegenwart des Posthallers ein ganz Anderer sei, als wenn er allein nach Pulaw fahre. So ging sie denn hin. Das Postamt lag auf einer Anhöhe und iveim der Passagier in die Kissen der Extrapost gelehnt rasch'den Berg herabsanste, so konnte er sich dem Wahne hingeben, die elenden Klepper seien plötzlich zu feuerigen Rennern geworden. Schon am Fuße des Berges horte Chava die donnernde, fluchende Stimme des Posthalters. Es war nicht gerathen in einem solchen Moment mit dem Stör daherzukommen, aber nicht zu erfahren, um was es sich handle, war — unangenehm. Chava verkroch sich in's Gebüsch, und begann so den Berg hinauf zu klettern. Bei jedem Schritt vernahm sie die Ursache des Schreiens genauer. „Ich werd' Dich in Ketten legen lassen", schrie Chrzastkiewicz: „Verbrecher, wo hast Tn die zwei Briefe hingethan? Warum ist der hier ausgeschnitten? Wo hast Du Dich die ganze Nacht Herumgetrieben? Glaubst Du, elender Hallunke, daß ich für Dich die Verantwortung tragen werde? Du wirst im Cuminal verfaulen, wirst die Sonne nicht mehr sehen, ja, verfaulen Tn Hund". . . . Schallende Schläge fielen, denen entsetzliches Gebrüll folgte, gleich darauf flog ein schwerer Köper knapp an Chava vorbei. Es war Franek, welcher auf diese etwas gewaltsame Weise dem Postmeister entkommen war. „Ach, der Dieb", rief Chrzastkiewicz keuchend, als er Chava bemerkte, „ich werd' ihn noch erwischen". . . . „Was hat er denn angestellt?" frug Chava ängstlich. „Die Post hat er bestohlen, die Briefe hat er aufgeschnitten, verloren, oder vernichtet. Oh! das schenk' ich ihm nicht", schrie Chrzastkiewicz und schlug mit dem Stock auf die Erde. „Gregor! Geh' in die Stadt, und bring' mir ein Buch Papier, gleich schreib' ich den Rapport." Während Gregor um Papier in die Stadt lief, und sein Herr, um über den Rapport nachzndenken, sich in die Kanzlei zurückzog, begab sich Chava in die Küche. Die durch den Vorfall erregte Postmeisterin konnte erst von nichts Anderem rede», als von dem Diebstahl, dann aber ging sie ans Chava's Vorschlag ein. „Ich würde es schon gerne kaufen, wenn mir Fercio Geld gäbe. Aber ich zweifle daran, dieser Gauner hat die Post beraubt, vielleicht war auch für uns etwas dabei, so ein Verlust. ..." „Er hat geraubt", tröstete Chava, „wird er dafür eingesperrt werden, Nu, eine Kränkung ist es, aber ist denn die Herrschast daran schuld?" „Wie viel Pfund wiegt der Fisch?" „Fünfundzwanzig, oder noch mehr. Ich werd's nicht theuer rechnen. - In diesem Augenblick wurde die Thüre aufgerissen, und Chrzastkiewicz stürzte herein. tFortsepung folgt.) Herausgeber: gtafdianfi*. Verantwortlicher Nedacteur: Dr. S. R Karrdair. Druck von Franz Schüler, Wien-Döbling.