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Die Welt · 1897-09-03 · 14 (3.9.1897) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
14 (3.9.1897)
Article
Zweiter Congreßtag
Date
1897-09-03
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 14. Seite 13. Pro- und Contraredner ziehen zur Wahl und machten Dr. Mintz und Motzkin namhaft. Nachdem die beiden Generalredner in ausführlicher Weise ihren Standpunkt verfochten und Dr. Nord au den Entwurf unterstützt, beantragt Dr. Herzl das Wort „öffentlich-rechtlich", sodann, daß sich die Commission zur neuerlichen Berathung hierüber zurückziehe. Es tritt eine Unterbrechung ein, während welcher die Commission den Beschluß faßt, unter Aufrechthaltung ihres principiellen Standpunktes im Interesse der Einigkeit das Amendement H e r z l zu acceptiren. Sohin wird nach einem Referat Dr. N o r d a u's das Programm vom Congreß einstimmig angenommen. Zur Behandlung gelangt nun „Die zionistische Organisation". Referent: Rechtsanwalt Dr. Boden heim er- Köln.*) Dr. Bodenheim er sagte: „Die Thatsache dieses Congresses ist schon der Anfang der Organisation. Der Congreßgedanke hat überall die Judenheil aus tausendjährigen: Schlummer aufgeriittelt und sie zur Erkenntniß ihres Daseins gebracht. Ueberall, wo die zionistische Bewegung Eingang fand, wurde neues Leben geweckt. Dieser Congreß ist die erste jüdische Nationalversammlung. Die Organisation soll aber nicht nur eine zionistische sein, ihre Grundlage bildet das ganze jüdische Volk. An den bisherigen assimilatorischen Bestrebungen hat das jüdische Volk als solches keinen Antheil gehabt. Die Ueberzeugung der freiheitlichen That ist das einzige Mandat, welches uns zu entscheidendem Handeln bewegen darf. Wir haben diejenigen Einrichtungen vorzubereiten, welche man als Vorbedingung einer staatlichen Organisation betrachtet: Organisation des Volkes und Culturvereinigung mit einen: bestimnrten Land. Die Grundlage dieser Organisation n:uß ein klares, kurzes und allgemeines Pro grannn sein, das die Zionistengruppen aller Länder umschließt. Wir wollen keine Nation, keine Partei und keine Religion angreifen: wir wollen nur dem Judenthum eine Heimstätte schaffen, wo es sich nach seiner Eigenart entwickeln kann. Um die Organisation durchführen zu können, ist ein entsprechender Fonds nöthig. Verschiedene Vorschläge sind diesbezüglich eingelaufen, Me alle mit gewaltigen Ziffern rechnen. Capital ist in Hi'llle und Fülle vorhanden. Freiwillig aufgebrachte Summen würden vorerst genügen, um Me Agitation für unsere Sache zu fördern. Cs soll eine jüdische Bank reichtet werden, die ihre Gelder zweckmäßig anzulegen hätte. Der 'cationalfonds, welcher durch Schenkungen und Sammlungen zusammene bracht wurde, könnte vorerst zur Gründung von Mustercolonien veroendet würden, Ein wesentliches Mittel zur Erreichung der zionistischen Ziele ildet die Agitation. Es sollen Bolksbibliotheken gegründet und die verausgabe von hebräischen Klassikern vorbereitet werden. Ferner ist die ernennung von Wanderrednern zu empfehlen, die die Juden aller .ander mit den Zielen der zionistischen Bewegung befemixt machen und ad sie für letztere zu gewinnen suchen. Ein Hauptaugenmerk soll auch!if die Presse gerichtet werden. Ferner sind Broschüren und Flugblätter ater die große Masse zu vertheilen. Das beste Mittel zur Verbreitung aserer Idee wird aber immerhin die persönliche Agitation sein." Redner schloß mit den Worten: „Das dahinsiechende Volk der . üben soll wieder gesund und mächtig werden, um der Welt wieder iche Gaben seines' freien Geistes übermitteln zu können." Nachm i ttags - Si tzuu g. Der Präsident Dr. H e r z l eröffnet die Sitzung und ctheilt Herrn Dr. Blumenseld das Wort zur Bei .ündung seines Antrages, das Programm mit einem i ä Heren Motivenbericht in Druck zu legen. Dr. Schaffer spricht sich gegen den Motivenbericht e >s, da das Programm genug klar ist, um richtig verstant n zu werden. Architekt M a m o r e k beantragt eine getrennte Abü nimung des Antrages. Es wird nun beschlossen, das Programm ohne Moll »enbericht in Druck zu legen. Marmorek beantragt die Creirung von Speci llcommissionen I. für das Volksstudinm und die Berusssi listik, 2. für das Landesstudium und die Colonisation t ilästinas, 3. für die Propaganda, 4. für die Presse und di culturellen Angelegenheiten des jüdischen Volkes, 5. für d> Vorbereitung des nächsten Congresses. Wolfsohn beantragt die Einsetzung einer siebencdrigen Commission behufs Berichterstattung über die zu d> sein Punkte eingelaufenen Anträge und Ausführung eines d lnnirfes. *> Wir bringen heute nur einen gedrängten Auszug dieser Rede, in der nächsten Nummer vollinhaltlich reprvdncirt ivcrdm solb^ F a b i u s Schach verlangt die sofortige Behandlung und nicht die Ueberweisung an eine Commission. Vor allem müßte aber die Aufmerksamkeit auf die Agitation gelenkt werden. Zu dem Behuf« wäre die Einsetzung eines literarischen Bureaus nothwendig. Dr. S ch n i r e r spricht gegen den Antrag Wolfs o h n. Dr. Schauer für denselben. Dr. Landau findet es bedauerlich, daß der Referent einen praktischen Organisationsentwurf nicht vorgelegt. Derselbe sei als Substrat der Debatte unbedingt nöthig. So bleibe denn nichts anderes übrig, als eine Commission einzusetzen. Selbstverständlich darf es Niemandem benommen werden, auch zum Entwürfe Amendements vorzuschlagen. Allein für die Zusammensetzung der Conrmiffion möge die Landeszugehörigkeit maßgebend sein, da ja die Verschiedenartigkeit der politischen und socialen Verhältnisse der einzelnen Länder für die zionistische Organisation innerhalb derselben maßgebend sein muß. Dr. Farbstein schließt sich diesem Anträge an und proponirt die Wahl von l l Mitgliedern. Ingenieur T e m k i n macht darauf aufmerksam, daß in Rußland bereits eine eigene zionistische Organisation besteht, die unter strengster Controle der Landesgesetze stehe. Die russischen Delegirten müßten vorerst in einer eigenen Berathung sich über ihre Stellungnahme klar werden. Er bittet um eine Verschiebung der Debatte. Der Vorsitzende beantragt in Hinsicht auf die Schwierigkeiten den ersten Punkt „Centralisation der zionistischen Thätigkeit" von der heutigen Tagesordnung abzusetzen und nur den Punkt l>) „Nationalfonds" und c) „Agitation" zu besprechen. Es entsteht nun eine längere Debatte über die Art und Weise der Berathung Steiner (Wien) schlägt vor, alle vorliegenden Anträge einer Commission zuzuweisen, die ein Elaborat ausarbeitet, welches den einzelnen Ländern angepaßt wird und ein Jahr lang probeweise auf seine Wirksamkeit geprüft wird. Mozkin stellt zum Anträge Landau—Farbstein ein Amendement, daß von den 11 Commissionsmitgliedern 2 aus Deutschland, 2 aus Rußland, 1 aus Rumänien, 1 aus Bulgarien, 1 aus England und 1 aus Amerika zu wählen sein. Die Anträge werden angenomen und die einzelnen Mitglieder schreiten nach Ländergruppen zur Wahl. Als gewählt erscheinen: für Deutschland! Dr. Birnbaum, Dr. Boden heim er für Rußland: Prof. Mandel st a m m Dr. Be rnstein -Ko h en, für Rumänien: Pineles, für Bulgarien: Prof. Belkovsky für Amerika: Rosenberg. Da die englische» Mitglieder aus principiellen Gründen eine Wahl nicht Vornahmen, indem sie erklärten, als Zionisten eine Unterscheidung nach Landeszugehörigkeit nicht anerkennen zu wollen, so wählte der Congreß selbst Mr. de Haas. Diese Commission hat Dienstag den Comitö-Bericht zu erstatten. Vor Schluß der Sitzung brachten noch die Herren Dr. B e r n st e i n - C o h e n und Moriz Moses in längeren Ausführungen ihre Anregungen zur Organisation vor. Hierauf wurde unter großer Aufmerksamkeit der Versammlung vom Herrn Wolfs ohn die nunmehr abgeschlossene Liste der Delegirten und Mitglieder verlesen. Ihre Zahl beträgt 204. Die Liste wird in Druck gelegt. Der zweite Congreßtag ist zu Ende. Galt der erste Tag mehr der geistigen Anregung und wahren Verbrüderung, so haben wir heute einen Tag fruchtbringender und ersprießlichen Arbeit hinter uns. Es ist der Tag, an dem sich die Vertreter des jüdischen Volkes ein Arbeits-Programm gegeben haben.

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