Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 14 (3.9.1897)
- Article
- Die Galerie
- Date
- 1897-09-03
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12. Nr. 14. Lange vor Beginn der Sitzung ist die Galerie bereits gefüllt. In der ersten Reihe sitzen die Frauen und Mädchen und den älteren unter den Bürgern. Sie blicken neugierig .n den Saal. Eine Judenversammlung! Was es da wohl lu sehen und zu hören geben wird! Hat sich vielleicht der zine oder der andere zum Lachen vorbereitet? Die Sitzung beginnt. Sie blicken gespannt hinunter und horchen aufmerksam zu. Sie hören die großen Reden des Tages. Stürmischer Beifall erdröhnt unten, die Wellen der Begeisterung schäumen hoch auf und fluchen durch den Saal. Da werden auch die von oben mitgerissen. Sie klatschen lebhaft Beifall, und die Mädchen schwenken die Tücher. Der Präsident hat nichts auszusetzen an dieser Demonstration von oben. Ein enges Band schlingt sich um Mitglieder und Zuhörer des Congreßes. Wären sie nicht räumlich getrennt von einander, man würde sie nicht unterscheiden. Saal und Galerie, beide folgen mit bewunderungswürdiger Ausdauer den oft schwierigen Verhandlungen des Congresses. Die große Zahl der aufeinander folgenden Referate ermüdet sie nicht. Die Galerie — das ist das Symbol der Aufrichtigkeit, der Loyalität, der vollständigen Oeffentlichkeit im Zionismus. Die erste Probe des öffentlichen Verfahrens hat der Zionismus glücklich bestanden. * * * Die Leute von der Galerie haben in Basel weiter erzählt, was sie gehört haben. Es muß nur Gutes gewesen sein. Am zweiten Tage kommen neue Leute, die auch gerne etwas von der Sache hören möchten, eine Weile wenigstens, eine Stunde. Wir lassen sie in den Sank eintreten. Sie müssen stehen. Wenn wir nach ein paar Stunden wiederkomnien, stehen sie noch immer auf ihrem Platze. Sie drücken uns freundlich die Hand. An diesem Händedruck erkennen wir, daß sie uns verstanden haben. B. F. Der Präsident verliest den Einlauf. Ein Schreiben Mohilewer's. Der greise, ehrwürdige Rabbi breitet segnend seine Hände über die Versammlung, über alle die Gläubigen und die Freigeister im Zionismus. Mit jubelnder Freude hörte der Congreß die Worte dieses wahrhaft Fromnien. Und mit jubelnder Freude beschließt er die Absendung eines Begrüßungstelegrammes an Rabbi Mohilewer, auf den wir alle stolz sind, an ihn und den wackeren Dr. R ü l f in Memel. Gegen 600 Telegramme sind heute eingelaufen. In die wenigen Worte ihrer Kundgebungen pressen die Sender ihre ganze Sehnsucht: Ein Land! Ein Land! Mit wehmüthiger Theilnahme hört die Versanunlung den vieltausendfachen Hilferuf, mit stolzer Genugthuung erfüllt sie der tausendfache Ausdruck brüderlicher Sympathie. Ein Land! Ein Land! So widerhallt es im Saale. Wieder lodert die Begeisterung für den großen Plan der Volksbesreiung hell aus. Zweiter Verhandlungstag. III. Sitzung. (Boriniltngs-Sitzung.) Die Sitzung wird vom Präsidenten Dr. H e r z l mit der Mittheilung eröffnet, daß auch heute der Einlauf noch nicht verlesen werden könne, da jede Stunde neue Hunderte von Telegrammen und Kundgebungen an den Congreß gelangen. Es liegen bereits 550 Telegramme aus allen Ländern mit über 6000 Unterschriften, darunter von Cultusvorständen, Vereinen und Rabbinen und Volksversammlungen, sowie Massenagitationen vor, die den Wunsch nach einer Heimstätte in Palästina aussprechen. Die Zahl der Unterschriften beträgt nach der bisherigen Schätzung 50.000. Die Kundgebung von Poltava beträgt 64, von Dubno 81, von Elisawetgrad 194, Horadna 102, Kischinew 800, Brest 148, Dunaburg 8 >, Grodno 78, Bobruisk 202 Unter schriften. Von Galizien liegen Petitionen mit der genauen Angabe von Familienstand, Beruf, Alter u. dgl. von 2347 Familien mit 11796 Seelen vor. Die hebräische Zustimmungs-Kundgebung des Rabbiners Mohilewer wird mit stürmischen Beifall ausgenommen. Rabb. Mohilewer ermahnt zur Einigkeit ohne Unterschied der religiösen Anschauungen. „Wir bitten alle um die Wiederkehr, wir bitten ja stets, daß Gott wieder Ehre seinem Volke, Freude seinem Land, Jubel seiner Stadt verleihen möge". Der Vorsitzende theilt sohin mit, daß bereits gestern sowohl an den Rabbiner Mohilewer, wie an Dr. Rülf seitens des Präsidiums telegraphisch der Dank übermittelt wurde. Dr. Mandelkern stellt den Antrag, daß auch dem Baron Edmund Rothschild in Paris, als dem Förderer palästinischer Colonien den Dank des Congresses auszusprechen sei. Der Vorsitzende erklärt, diesen Antrag nicht zur Abstimmung bringen zu können. Der Congreß komme durch diesen Antrag in eine schiefe Lage. Er habe die Wahl zwischen der Undankbarkeit gegenüber einer philanthropischen That und der Debatte über grundlegende Principien. Er bittet daher über diese Frage zur Tagesordnung überzugehen. (Lebhafte Zustimmung). Nun gelangt ein sehr warm geschriebener Brief des Grand-Rabbin Zadoc-Kahn in Paris zur Verlesung. Derselbe erklärte, daß er den Baseler-Congreß mit großem Interesse verfolge. Wie man auch über Opportunität des Congresses denken mag, so kann man doch den Ernst und die Kraft der Bewegung nicht übersehen. „Ich bitte Gott", heißt es zum Schluffe, „mit aller Kraft meiner Seele, er möge alle Anwesenden, inspirieren, auf daß die Beschlüsse zum Segen für das ganze Judenthum und alle Glaubensgenossen in der ganzen Welt werden möge". Nach diesen sehr beifällig aufgenoni menen Ausführungen betritt Dr. N o r d a u als Referent der Siebener-Programm- Commission die Tribüne. Der vorliegende Entwurf lautet: Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zur Erreichung dieses Zieles nimmt der Congreß folgende Mittel in Aussicht: 1. Die zweckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas mit jüdischtn Ackerbauern, Handwerkern, und Gewerbetreibenden. 2. Die Gliederung und Zusammenfassung der gesammten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach den Landesgesetzen. 3. Die Stärkung des jüdischen Volksgefühls und Volksbewußtseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmung, die nöthig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Dr. N o r d a u begründet den Entwurf, indem er darauf hinweist, daß derselbe die Frucht mehrfacher Sitzungen und eingehender Berathungen ist, daß er mit jeder Empfindlichkeit rechnet, und sowohl den Voranstürmendeu, als den Bedächtigen gerecht werde. Er sei ein titanisches Pochhammerwerk. Redner bat daher um Annahme des Referates als einer einstimmigen Kundgebung des Congresses. Herr Fabius Schach erklärt sich mit dem Entwurf im Großen und Ganzen einverstanden, allein an Stelle des Wortes „rechtlich" den Ausdruck „völkerrechtlich". Es entsteht eine ausführliche Debatte, in der sich mehrere Redner für den Entwurf aussprechen, indem sie erklären, daß der Begriff „rechtlich" nur eine allgemeine Fassung sei. Die Opponenten verlangen eine Aenderung dieses Ausdruckes. Mit Rücksicht darauf beantragte Dr. Landau die Wach von Generalrednern. Der Antrag wird angenommen. Die