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Die Welt · 1897-09-03 · 14 (3.9.1897) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
14 (3.9.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-09-03
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 14. ©cito 11. lieben, lieben mit der ganzen Gluth unserer gequälten Herzen — zur Stätte, welche Zion heißt! . Hierauf berichtet Dr. Ebner, (Bukowina): Die Inden machen daselbst 10% der Gesammtbevölkenmg aus und sind nächst den Hauptstämmen des Landes, den Rumänen und Ruthenen der stärkste Vollsstamm. Verinöge ihrer Zahl und Intelligenz und nicht zumindest in Jolge des überlebten Curieuwahlsystems Oesterreichs sind sie in der glücklichen oder unglücklichen Lage, Politik spielen zu müssen. In den Parteikämpfen des Landes können' sie das Zünglein au der Wage sein. Die Inden aber haben ihre politische Machtstellung ausgenützl, nur die Minorität der Deutschen zu stärken, sie waren die treuesten Anhänger des Deutschthums, die Pionire deutscher Cultur. Das rumänische und ruthenische Land wurde von ihnen germanisirt. Zum Danke hiesür haben in allerjüngster Zeit die Deutschen einen „Verein christlicher Deutschen" gegründet. Das' war der Inßtitt! Das war der Dank für die jüdische Deutschthümelei. Wegen ihres Deutschthnms bei Rumänen und Ruthenen verhaßt, wurden sie nun atlch von den ehemaligen Parteifreunden über Bord geworfen. Der Judenhaß ist in der Bukowina latent. Der Jude wird gehaßt, erstens weil er Jude ist, zweitens weil er angeblich reich ist, drittens weil er deutsche Politik gemacht hat, viertens ans jedem anderen (Grunde. Der Jude wird aber nicht nur gehaßt, er wird auch verachtet. Das sociale Ghetto besteht fort. Das wirthschastliche Leben der Juden in der Bukowina ist otn sehr trauriges. Die jüdische Bevölkerung lebt theils vom Handel, theils vom Schankgewerbe, theils Vom Handwerk und nur ganz sporadisch vom Ackerbau. Redner schildert in drastischer Weise den wirthschaNlichen Niedergang der Juden, weist auf die Agitation in der Landbevölkerung hin, die den jüdischen Kräuter und Schanker znui Bettler macht, ans das beschämende Bettelwesen, auf die traurigen „Lnstepistenzen", ans das Glend im unteren Stadttheil von Ezernowitz. Einen breiten Raum in dem Referate nimmt die eigenthümliche Stellung der Inden vor dein Gesetze ein. „Staotsgrundgeietzlich" gleichberechtigt, sind sie trotzdem de facto entrechtet. Die Absolventen der Univ.'rsität, die mit deit bestell Zeugnissen versehen sind, werden zu den Staatsanstellungen llicht zuge l assen. Mit tiefem Weh tut Herzen sehen sich die altgedienten, jüdischen Praktikanten voll weitaus jüngeren, aber arischen Eollegen praelerirt. ''Nur ein Mittel kann ihnen noch helfeil, die Taufe. Bor die Wahl zwischen Hunger imb Taufe gestellt, wählen viele in letzter Zeit die Taufe. Ahlum läßt sich Einer taufen, so wird er sofort befördert. Nachdeiil der Redner eilten kurzen Ueberblick über die zionistische Bewegung gegeben, uild der akad. Verbindung „Hasmonaea", die find Jahre für die gute Sache gekäinpft, in Ehren gedacht hatte, schloß er, den warmen Wünschen des Vereines „Zion" in Ezernowitz Ailsdrnck gebend, seilt, mit lebhaftem Bei falle ausgenommenes Referat. In Kürze berichtet Dr. Schauer (Deutschland). Als Berichterstatter über die Lage der Inden in Deutschland habe ich die Erklärung abzugeben, daß das Gemälde seelischer Leiden des westeuropäischen Juden, das Ihnen Dr. Nordan enthüllt hat, das Bild der Leiden des deutschen Inden ist. Die nichtjüdische Bevölkerung und die maßgebenden kreise mit Ausnahme eines ganz kleinen Theils geistig und sittlich hochstehender Männer stehen zum Inden durchaus in jenem Verhältnisse, das Dr. Nordan in so beredter Weise dargestellt hat. Ich glaube den inachtvollen Eindruck seiner Rede abzuschlvächen, wenn ich irgend etwas Anderes hinzufügte. Nur Ulf einen Punkt möchte ich noch Hinweisen, den Dr. Nordan nicht berührt har. Es ist einer der Gründe für das Iehlen des jüdischen Selbstbewußtseins, und das ist der mangelhafte Unterricht in jüdischer Geschichte und jüdischem Wissen in Deutschland. So hoben Nachsorschnngen des preußischen Unterrichtsrniiiisterinius ergeben, daß in Berlin mehr als 1400 jüdische Binder ohne Religionsunterricht anfwachsen. Das ist eine erschreckend große Zahl, um so erschreckender, wenn tvir bede l t'en, daß diese Generation, die ohne wahre .Kenntnis; des Indenlhnms au''gewachsen ist und noch nufwächst, als Quelle ihrer.Kenntnisse nur die Informationen der Gegner benützt. Daß dies anders werden soll, dafür wollen wir deutsche Zionisten sorgen. Wir tvollen dafür sorgen, daß der deutsche Jude seilte glorreiche Ver gangenheit kennru lerne und begreife, daß er eilte dieser glorreichen Ver gangenheit würdige Zukunft haben müsse und sich des Wortes erinnere, das einst der sterbende Maceabäergreis seinen Heldeusöhnen zi.rief: „Gedenket der Thateu, die eure Väter vollbrachten in ihren Geschlechtern, dann werdet ihr großen Ruhm und ewigen Nantelt erlangen." lLebhafter Beifall.) Prof. Belkovsky (Bulgarien), Dr. R o n a i (Ungarn) und Adam N o s e n b e r g (Nord-Amerika) schildern noch die Lage der Juden in ihren Ländern. Wir werden diese Reden Nachträgen. Das Schlußwort hat Dr. Nordan. Er empfiehlt der Versammlung, den Antrag Dr. Landau-Werner über Berufsstatistik. Dr. K a in i » k a wünscht jedoch, daß dieser Antrag erst zum Punkte der Organisation discutirt iverde. Die Versammlung schließt sich dieser Anschauung an. Es wird nunmehr zum zweiten Punkte der Tagesordnung geschritten. Die Debatte über das Zionistenprogrannn wird eröffnet. Dr. B i r » b a u in stürmisch begrüßt, beginnt sein Referat. Lauttos lauscht man seiner Rede, die sich in wissenschaftlichen oft abstracten Bahnen bewegt. Lautlos lauscht man. Viele der Anwesenden waren ja seine Schüler. Dr. Birnbaum begründete den Zionismus vom cnlturellen Standpunkte aus. Er lheilte die Judenheit in zwei Hauptgruppen, eine östliche ulld eine westliche. Die erstere hat eine eigene jüdische Eullnr, aber ohne Iortschrillsfähigkeit. Das erklärt sich ans dem Mangel einer eigenen nationalen Wirthschaftsstätte, die eine normale Enltur Steigerung ermöglicht, und zweitens hauptsächlich aus 'dem Umstand, daß diese Gruppe von Inden als Basis ihrer Cultur ein Gesetz hat, das als etwas Geistiges den Geist bindet. Jür sie muß eine irdische Basis da sein. Der zweite Theit der Inden besitzt ein abstraetes Enropäerlhnm ohne jüdische und auch anders nationale Individualisirnng. Sie besitzeil zwar Stammes züge, aber diese Stammeszüge sind in kein Lebens-System gebracht. Sie evrdichtele sich nicht zit einer eigenen Enltur, ihr Enropäerlhnm bleibt abstract im Gegensatz zu allen anderen Völkern, deren Enropäerlhnm durch ihre Nationalität individualisirt erscheint. Der Zustand dieses Theiles der Juden ist ein krankhafter, und eine Gesundung kann nur durch das eigene Land herbeigesührt werden. Auknüpfend an diese letzte Folgerung begründet der Redner, daß nur Palästina zur Gründung einer eigenen Basis und einer nationalen Wirlhschaft geeignet ist, weil es eilte eigen thümliche Iesthaltungskraft besitzt. Irn Laufe der Rede zeigte der Redner auch den Nutzen des Zionisnlns für die Menschheit, indem die Judenheit im eigenen Staate erstens boit Mittler zwischen der social-ethischen und der politisch ästhetischen Seite des Eliropäisulns bildet und nach außen deil Mittler zwischen Morgen- und Abendland. Unter stürmischem Beifall schloß Dr. Birnbaum seine Rede. Referent Herr Dr. Iarbstein wies in seiner Begründung des Zionismus darauf bin, daß es nurichtig ist, roenn allgemein behauptet wird, der Zionismus sei nur eine nationale Bewegung. Der Zionismus ist auch eine s o e i a l - p o l i 1 i s ch e Bewegung voll eminenier Bedenlnng. Der Zionismus ist ein Streben nach Ackerbau nab Landwirlbschaü, nach physischer Arbeit, nach Hervorbrillgen von Brot mit eigenen Häirdeil. Der Zionismus ivill aus dein jüdischen Handelskrämer mid Mtoin Handwerksvolk ein landlvirthschastlich und industriell arbeitendes Volk machen. Der Referent ging darauf ausführlich auf die Geschichte der Juden im Buttel alter ein, er zeigte, wie die Inden gezlvnngen waren, Händler zu lverden, wie uian sie nur so lange als Händler dlildete, so lange kein eigeller nationaler Handelsstand lvar. Die Geschichte der Juden int Eril, behauptete der Referent, ist eine Geschichte der Begünstigung der Juden, so lange man sie braucht und der Verfolgung, wenn sie unnolhig werden. Er behandelt weiter die Geschichte der Inden im Osten Europas und gibt ein mit statistischen Zahl eil belegtes Bild ihrer Lage, Der Referent stellte am Schluß als Ausfluß seiner Ausführungen die folgenden Postulate auf: 1. Es waren bestimmte Ursachen, die den Inden, besonders in Westeuropa zlilll Händler genlacht haben. Die .Juden sind in Westeuropa zu einr städtisch biirgerlichen Bevölkerung gemacht worden, ohne daß es ihnen im Exil ermöglicht ist, ihre städtisch bürgerlich Fähigkeiten in geistiger uub enltureller Hinsicht frei zu entwickeln. Hier kann nur der Zionismus als das einzige radicale Mittel Abhilfe leisten. 2. Die Inden Osteuropas sind ebenfalls in Iolge historischer Ursachen Kleinhändler, Lleinkrämer und VUeinhandwerker geworden. Alle löblichen Anstrengungen zur Erzielung gesunder Arbeitsverhältnisse bleiben erfolg und fruchtlos, weil eiuseits am Orte der Ansiedelung die nöthigen ökonomischen Bedingungen fehlen und anderseits, weil sie indireet ans die Zerstörung des' jüdischen Nationalenltus hinanslausen. Und hier ist attrfj' mir der Zionisrnns das einzige radicale Mittel. Damit schloß der erste Congreßtag. Heute Abends soll die letzte Progranun-Commission stattsinden. Die Galerie. Eine Eintrittskarte zum Congreß ist ein vielbegehrtes Ding. Tage vorher melden sich die Baseler an. Am Vortage des Congreßes wird das Bureau nicht leer von solchen, die um Einlaß bitten. Universitäts-Professoren, Studenten auS Basel und Zürich, viele Damen, darunter mehrere Studentinnen befinde» sich unter den Zuhörern — Juden und Nichtjuden. Man gibt Eintrittskarten aus, solange es eben geht. Einen Theil kann das Bureau noch unten im Sitzungssaal unterbringen, wo gerade ein Plätzchen frei ist — viele muß man wegschicken und vertrösten auf Nachmittag, auf morgen, auf übermorgen. Manchmal gibt es sogar einen kleinen Streit, wenn einer auf einen Augenblick fortgegangen ist und ein anderer ihm seinen Platz inzwischen geraubt hat. Unsere Studenten vermitteln bald

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