Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 14 (3.9.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-09-03
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10. JWWr Nr. 14. gierung, resp. von den Regierungsfreunden abhängt. So kam es, das; die seil kurzer Zeit emancipirten Juden über die Regierung verfügten. Deshalb entstand gegen 1886 der Antisemitismus. Als gegen 18H0 der neue Statthalter Cambon ernannt wurde, suchte er die Verbindung mit den Juden abzubrechen Er begann damit, durch einen Preßseldzug die Umgebung der „koscheren" Abgeordneten zu verunglimpfen. Zugleich lieft er, ohne sich direct zu compromittiren, eine furchtbare Judenhetze in Scene setzen. Die Antisemiten kamen aber auf die Idee, auch die Araber aufzuhetzen, weil sie sich allein den Juden gegenüber zu schwach fühlten. Man erlebte nun das Schauspiel, daß die fanatisirten Araber über die Juden und ~ Christen herfielen. Da wurde das Spiel schließlich zu gefährlich und nran rief zum Militär, das die Ordnung tvieder herstellte. Algerien enthält 45.000 Inden, wovon mehr als 30.000 recht elend daran sind und für die eine Rückkehr nach Palästina eine willkommene Erlösung sein würde. (Großer Beifall.) Ein kleines Capitel der Klagelieder folgt — Rumänien. Herr Pineles referirt: Cr überbringt dein Congresse warme Grüße von 250.000 Juden, von denen an 20u/n, also über 50.0t 0 Personen, in mehr als 900t) Petitionen ansnchen, der Congreß möge Schritte bei Sr. Majestät dem Sultan unternehmen und die öffentliche Meinung Europas für die Schaffung einer gesicherten Heimstätte in Palästina interessireu. Sie wollen je eher, je lieber das Land verlassen, lvo nran sie mit scheelen Augen, gleichsam als Eindringlinge, ansieht, und ihnen vorwirst, daß sie der indigenen Bevölkerung das Brot vom Munde nehmen. Die Lage der Juden in Rumänien ist ganz verschieden von der in den attderen Ländern. Seit Jahrhunderten in der Moldau und der Walachei etablirt, hatten die Juden ihre Gemeindevorsteher, Rabbiner, Wohlthätigkeitsanstalten, Taren?c. von den Autoritäten anerkannt und erfreuten sich eines relativ guten Fortkommens. Im zweiten Viertel dieses Jahrhunderts trat Kaiser Nikolaus 1. auf den Plan. Da wurde Manches anders. Weil der Kaiser Bedenken trug, die Juden in Rußland tviirden sich dem Militärdienste entziehen, entriß er Judenkinder int zarten Atter ihren Eltern, um die Kleinen in den dänischen Steppen den Kosaken zur Erziehung anzuvertrauen. Da überschritten unsere russischen (Aaubeusgenossen in Hellen Haufen deit Pruth, um auf moldauischein Boden, unter meist veränderten! Flamen ein neues Lebet! zu beginnen. Da es eben nicht Angehörige besserer Ja- Milieu waren, kamen sie beinahe aller Mittel tmd Kenntnisse baar in diese dazumal uuwirthlicheu Gegenden ans den Gott Israels vertrauend ' Auch aus Galizien und der Bukowina kamen viele arme Juden, auch solche besseren Standes, Lehrer der hebräischen und deutschen Sprache, die überall gerne gesehen waren. Beinahe alle älteren Leute haben ihr bischen Wissen diesen Herren zu verdanken. Der Friede von Paris brachte den Donaufürsteuthümern einen großen Aufschwung im Handel und Verkehr. Es tarnen nun ailch bessere Familien aus Galizien und zwar zuerst Männer mit regelrechten Pässen, dann in einigen Jahren deren Frauen und Kinder; die früher Erwähnten waren ohne Pässe angelangt und hatten unter Aenderung ihrer Rauten S ch u tz p a t en t e verschiedener Consulate erlangt, vorzüglich österreichische, preußische, holländische, französische, türkische, ja sogar griechische! Unter Fürst Euza brachten es die Inden sowohl in den Dörfern als in den Städten durch Handel zu einem gewissen Wohlstände, ohne indes Reichthi'ltner zu ertverben. Während die Juden nach Süden auslvanderten, drangen die Griechen von der entgegengesetzten Richtung vor. Doch während die ersteren im Lande stets ein Element des Friedens und des Gehorsams gegen die Behörden bildeten, gerieten sich dir letzteren als die Herren im Lande und sahen ungern die Fortschritte der Juden im Handel und Wandel. 1859 erösfneten sie auch den Neigen mit der großen Judenhetze in Galatz, nach den! beliebten Recepte vom Blutinärchen vor Ostern. Die Ruinäneu, die sonst im besten Einvernehmen mit den Juden lebten, wurden chließlich auch gläubige Jünger drr (Griechen und es fanden die bekannten wüsten Scenen in Berlad, Bacau, Bukarest, Darabani, Galatz «zum 2. Male,, Catzul und Ismail «dazumal rumänisch) h\ statt. Run begann die Leidensperiode. Gesetze und Restrictioneu nmrden geschmiedet, um uns den Aufenthalt im Lande zu verleiden. Ob und wieweit die Runtänen Recht haben, gehört nicht hieher. Jeder ist Herr in seinem Hause! Die Rumänen fürchten, es könnte im Laufe einiger Generationen ihre Nationalität gefährdet werden, falls sie en niasse die Inden, die sie alle als Fremde betrachten, mit den anderen Bürgern gleichstellen tvürden. Das Volk ist im Großen und Ganzen nicht gegen die Juden, weder die hohe und niedere (Geistlichkeit, noch der Bauer (Ausnahmen abgerechnet, aber die oberen Zehntausend, diese fürchten, daß die Inden durch ihren Handel, ihre Industrie, ihre Intelligenz Alles au sich reißen tvürden. Auch die studirende Jugend ist gegen die Gleichberechti gullg, und die Beamtentvelt, aus leicht zu errathendeu Gründen. Die Armenier und die Zigeuner, die en masse emancipirt wurden, sind Alle in der rumänischen Nation aufgegangen, indem sie sich vollständig assimilirten, was bei den Juden nie der Fall sein tvird! In den letzten Decennien sind viele Familien, die sich redlich ernährten, an den Bettelstab gebracht, Viele, die in den Dörfern tvohnten, von Hans und Hof vertrieben worden. Bitterste Armulh zog dort ein, lvo früher Wohlstand herrschte. Alt' dieses geschieht im Rainen des Gesetzes. So darf kein Jude Hausirer sein, er darf weder Tabak noch Zündhölzchen verkaufen, er darf weder Advoeat noch Apotheker oder Officier sein, kein öffentliches Amt ausüben, d. h. der Jude darf weder Richter, noch Gemeindebeamter, weder Polizeinoch Zollbeamter, weder Post-, Telegraphen- oder Telephonbennlter, noch Eisenbahn- oder Bankbeamter, weder Staats, noch Stadtingenieur, weder Professor, noch Lehrer an irgend einer öffentlichen Staats- oder Gemeindeschule, weder Arzt in eitlem öffentlichen Spitale, noch Getreide- oder Schiffsmakler n\?c. sein. Die öffentlichen Spitäler sind dem jüdischen Kranken verschlossen (außer tvenn er eine „Empfehlung" hat), die Primarschulen den jüdischen Kindern, sogar gegen Taxe (außer „wenn Platz ist"), in die Handwerker¬ und Militärschnlen werden 'überhaupt keine Juden anfgenommen, ein Stipendium wird nie einen! jüdischen Kinde verliehen k. Was sotten nun alf die Hunderte, ja Tausende von Familien thun? Was sollen unsere jungen Leute thun, die ihre Studien — mit gutem Erfolge - beendigten, und weder Advocaten, noch Ingenieure, weder Apotheker, noch Lehrer, weder Beamte, noch Officiere werden können? Was soll aus den gewesenen Dorfbewohnern werden, die von Ort zu Ort tvandern - den jüdischen Gemeinden und sich selbst zur Last? Es gibt nur Eine Antwort: Fort müssen die Juden aus Rumänien! Natürlich nicht Alle und nicht mit einem Male, aber langsam, stetig, nach und nach! Und ebenso, wie es au 70 Jahre gedauert, bi* das Gros der Juden aus Galizien und Rußland das Land occupirte, wird es einige Jahrzehnte dauern, bis sie das Land wieder verlassen haben. Man tnnß nur den Abzugscanal anlegeu; die Fluthen, einmal in Bewegung, tverden schon ihren Weg finden. Unsere Lage ist daher bemitleideuswerther, als anderswo: die Inden in Rumänien sind besser als ihr Ruf und verdienen daher ein besserem Los. (Lebhafter Beifall.) Dr. M i n z (Oesterreich-Ungarn, ohne Galizien und Bukowina) hat das Wort. Der 2ioc) des Antisemitismus in Lesterreich verleiht der Lage der Judenschaft in diesem Lande die ganze Signatur. Der Antiseutitismus hat sich in der constitntionellen Wahl sch lach, als unüberwindlich erwiesen und dainit ist zugleich die Eigenart der österreichischen Judennoth bezeichnet. Der Antisemitistnus, der nach Um". Entrechtung lechzt, hat damit begonnen, das Fundament des den Juden eingeräumten Rechtes zu erschüttern, die int Gesetze principic! festgehaltene These, daß die Juden lediglich eine Confession sind. Die Parole des Antisemitistnus lautet: Der Glaube der Juden sei belanglos, relevant sei einzig und allein ihre Stammesart, und un dieser Willen verdienen sie, ihrer Rechte beraubt zu werden. In dein Hauptpunkte seiner Theorie in der Declarirnng des Indenthums al - einer fremden Raffe setzt sich der Antiseutitismus über die Normen de Staates und der Kirche hinweg. Dessen ungeachtet hat er gesiegt, U souverän ist dieser Judenhaß. Im Augenblicke ist der Antisemitistnus bereits Gemeingut sämmi licher Nationen Oesterreichs und sie haben ihn auf's Gründlichste aiuv praktisch bethätigt. In einer Hinsicht sind die Juden in sämmtlichen Provinze!; Oesterreichs ganz gleich behandelt worden: man hat sie überall ge schtitäht, verhöhnt, besudelt, tuan hat ihnen nirgends einen Schnur erspart. Jsoliruug der Judenschaft auf politischem, socialen! und ökono niischen Gebiete das ist das nächste Ziel des Autiseulitistnus, und e hat es fast erreicht. In politischer Beziehung hat er geradezu zersetzen, getvirkt und der Judenpunkt ivard zmn Krystallisationspunkte, iun den herum sich innuer neue Fractionen und Fractiönchen bildeten. Die Praxis, daß auch zum Eintritt in den öffentlichen Dienst un zur Erlangung subalterner Posten ein Taufschein beigebracht werden, müsse, wird nicht nur geübt, sondern zuweilen auch unumwunden ein bekannt. Die Jsoliruug der Judenschaft kommt auch auf socialen! Gebie deutlich zum Ausdruck. Schon in den Schulen stehen sich die Kind feindlich gegenüber, die Lehrerschaft bringt den Keim des Judenhaß, n' Entwicklung. Der Antisemitismus drängt die Juden aus Vereinen, lubs und sonstigen Verbänden hinaus. Die Geselligkeit organisirt ßn auf judenreiner Basis. Die Spannung —- namentlich in Galizien - ist zu groß: ' könnte nur durch ein Ventil verhütet werden, durch das Ventil d r Colonisation. Die Massen, zumal die Indenproletarier Galiziens sind der Bor geoisie in dieser Erkenntnis vorausgeeilt, und ihnen gesellt sich d r Jugend bei. Der Zionismus wächst auch in Oesterreich und schon bis zur Stunde hat er segensreich gewirkt: denn er hat die Juden aufgericl, i und sie haben die verlogene Fremdsucht abgeschüttelt: er hat sie it; U gemacht, und sie haben sich gefunden. Nun wächst auch die Zahl der Schwarzseher, welche sagen, daß o1 r durch das Paradies jenseits der Leitha der Antiselnitismus schleicht welche meinen auch die Juden Ungarns würden von dem Baum Erkenntniß essen, der Erkenntnis;, welche Z i o n heißt. Und so schwebt über dein Gesnmmtbilde unserer Lage in Oeß^ reich eine trübe, dämmerduukle Stimmung. Die vielbesungene Sound der Verbrüderung ist auch in Oesterreich erloschen. Aber dort vorn Osten her, flammt es ans, und es ist ein G!c>'U der uns den Weg zeigst durch Nacht und Wüste zu einer Stätte, die :ou'