Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 14 (3.9.1897)
- Article
- Die Vorconferenzen
- Date
- 1897-09-03
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14. J*$Wde Seite 3. die einstimmige Annahuie eines Entwurfes den Rahmen für eine ersprießliche und fruchtbare Discussion geschaffen, denn nur aus einer solchen Discussion können die zionistischen Thaten des ersten Congresses hervorgehen. Die Schaffung eines Programmes und einer Organisation. —ll. Der zionistische Weltkongreß in Basel hat das Wort. 197 Delegirte und Mitglieder aus aller Herren Länder haben sich versaniniell: Aus Amerika, England, Frankreich, Deuschland, Oesterreich-Ungarn, Bulgarien, Serbien, Ruinänien, Palästina und aus Skandinavien. Die hervorragendsten Blätter („Time«“, „Daily News“, „Daily Mail“, „New-York Herald“, „Frankfurter Zeitung", „Kölnische Zeitung", „L’Eclio de Paris“, „I/Eclair“, „Pester Lloyd", „Jewisli World“, „Jewisli Chronicle“, „Hazeflrali“, „Hamelitz“. „Hamagid“, alle Schweizer Tagblütter u. a.) haben ihre Special-Correspondenteu geschickt. Der große Stadtcasino-Saal ist zum Erdrücken voll. Die Gnllerie ist zu klein, um die sich immer zahlreicher meldenden Juden aus den verschiedensten Städten der Schweiz und Baseler Christen, von denen die Meisten volle, wahre Sympathie für die „Zionisten" hegen, zu fassen. Lange vor Eröffnung sind alle Plätze besetzt. Eine Ungeduld beherrscht alle. Man erwartet den großen Moment, das wunderbare Ereignis, das erst uns zu erleben vergönnt war: Die Eröffnung eines allgemeinen Judencongresses. Hie und da bilden sich Gruppe», man hört alle möglichen europäischen Sprachen. Ueberall Festesstimmung, überall ein freudiges „Giückauf!". Einzelne Persönlichkeiten werden umringt und lebhaft begrüßt. Da sehen wir den berühmten Oculisten Professor Dr. M a n d e l ft a m m aus Kiew, der direct mit Dr. Sch nir er vom Moskauer Aerzte-Congreß eingelangt ist, eine sympathische Gestalt mit ausdrucksvollen Gesichtszügen, mit langem grauem .Knebelbart, den Elisabethgrader Rabbiner Temkin, eine Hünengestalt mit ernsten, düsteren Gesichtszügen und langem schwarzen Vollbart, den hageren Rev. Dr. Schaffer von Baltimore, Dr. Schauer ans Bingen, den schneidigen Rechtsanwalt mit der Seconde-Lieutenant-Taille und den zahlreichen „Schmissen", den greisen Professor Schapira aus Heidelberg, den Tarnower Delegirten Ahron Markus, der in seinem langer Rocke hiehergeeilt ist, u. A. Am Anfang der Sitzung hat sich auch Mr. Isidore Zangwill, der gefeierte Novellist, eingestellt. Seine Landsleute, Mr. de Haas, Mr. Rubenstein, Mr. Günzburg und der hebräische Dichter Massel (Manchester) sind schon seit einigen Tagen hier. Aus Paris kam u. A. Bildhauer Beer. Einem Theile der Verhandlungen wohnte auch der Regierungspräsident von Basel, Herr Dr, Speiser, bei. In der Journalistenloge sitzt eine brünette Dame: Das ist Mrs. Sonnenschein, die Herausgeberin der „American Jewess“ in Chicago, ans der Gallerie fällt »ns eine imposante Frauengestalt auf; das ist Frau K ober, die Tochter des früheren Jerusalemer Bischofs N5 o f) a t. * * ± Die Sitzung beginnt. Dr. Lippe aus Jassy führt als Aeltester das Präsidiuin. Er spricht die Einleitung zu diesem merkwürdigen Congresse. Die begeisterten' Worte des greisen Redners wirken zündend. Er beleuchtet die Geschichte der zionistischen Bewegung. Zum Schluffe stellt er tilgenden Antrag: „Die in Basel am heutigen Tage ver-- sammelten Vertreter des jüdischen Volkes ermächtigen das Präsidium, dem Sultan ihre Ergebenheit u n d Dankbarkeit für den ihren Stammesg e n o s s e n gewährten Schutz in geeigneter Weise zu übermitteln." Dieser Antrag wird ohne Debatte mit Acclamation angenommen. Hierauf ertheilt der Alterspräsident den: Obmanne der vorbereitenden Commission das Wort zur Begrüßungsrede. Rede mn De. Theodor Kerzl. Geehrte Congreß-Mitglieder! Als einem der Einberufer dieses Congresses ist mir die Ehre zugefallen. Sie zu begrüßen. Ich will es mit wenigen Worten thun, denn Jeder von uns dient der Sache gut, wenn er mit den kostbaren Minuten des Congreßes spart. In drei Tagen haben wir viel Wichtiges zu besorgen. Wir wollen den Grundstein legen zu dem Hause, das dereinst die jüdische Nation beherbergen wird. Die Sache ist so groß, daß wir nur in den einfachsten Worten von ihr sprechen sollen. Soweit es sich jetzt schon beurtheilen läßt, wird in diesen drei Tagen eine Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der Judenfrage geliefert werden. Der gewaltige Stoff gliedert sich unter der Hand unserer Referenten. Wir werden Berichte hören über die Lage der Juden in den einzelnen Ländern. Sie Alle wissen, wenn auch vielleicht nur in einer unbestimmten Weise, daß diese Lage mit wenigen Ausnahmen eine nicht erfreuliche ist. Wir fänden uns wohl kaum zusammen, wenn es anders wäre. Die Gemeinsamkeit unserer Geschicke hat eine lange Unterbrechung erlitten, obwohl die versprengten Theile des jüdischen Volkes allenthalben Aehnliches erdulden mußten. Erst in unserer Zeit ist durch die neuen Wunder des Verkehrs die Möglichkeit einer Verständigung und Verbindung der Getrennten gegeben. Und i» dieser Zeit, die sonst so hoch ist, sehen, fühlen wir uns überall vom alten Haß umgeben. Antisemitismus ist der Ihnen nur zu wohlbekannte moderne Name der Bewegung. Der erste Eindruck, den die Juden von heute davon hatten, war Ueberraschung, die in Schmerz und Zorn überging. Unsere Gegner wissen vielleicht gar nicht, wie tief im Innersten sie gerade diejenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicherweise nicht in erster Linie treffen wollten. Das moderne, gebildete, dem Ghetto entwachsene, des Schacherns entwöhnte Judenthum bekam einen Stich mitten in's Herz. Wir können das heute ruhig sagen, ohne uns verdächtig zu machen, daß wir an die Thrünendrüsen unserer Gegner appelliren wollen. Wir sind mit uns im Reinen. Man war in der Welt von jeher schlecht über uns unterrichtet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches man uns so häufig und grimmig vorwarf, es war in voller Auflösung begriffen als uns der Antisemitismus anfiel. Dieser hat es wieder gestärkt. Wir sind sozusagen mich Hause gegangen. Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judenthum noch vor der Rückkehr in's Judenland. Wir heimgekehrten Söhne finden im väterlichen Hause Manches, was der Besserung dringend bedarf; wir haben namentlich Brüder auf tiefen Stufen des Elends. Man heißt uns aber in dem alten Hause willkommen, weil es wohl bekannt ist, daß wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehrwürdigem zu rütteln. Das wird sich bei der Entwicklung des zionistischen Programmes zeigen. Schon hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehedem für unmöglich Gehaltenes zu Wege gebracht: die enge Verbindung der modernsten Elemente des Judenthums mit den conservativsten. Da sich dies ereignet hat, ohne daß von der einen oder der anderen Seite umvürdige Concessioneu gemacht, Opfer des Intellekts gebracht worden wären, so ist dies ein Beweis mehr, wenn es noch eines Beweises bedürfte, für das Volksthum der Juden. Ein solcher Zusammensclstuß ist nur möglich auf der Grundlage der Nation. Es werden nun auch Debatten stattfinden über eine Organisation, deren Nothwendigkeit Jeder einsieht. Die