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Die Welt · 1897-09-03 · 14 (3.9.1897) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
14 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
1 (sequence 3)
Language
German
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Das Gesammtbild wird sich erst entwerfen lassen, wenn die große Versammlung ihre Arbeiten zu Ende geführt hat, und die hier versammelten Juden sich wieder in alle fünf Erdtheile zerstreut haben. Aber als ein Vorzeichen der gesanunten Stinunung läßt sich diese erste Sitzung genau ebenso interpretiren, wie alles andere, was wir in diesen Vortagen erlebt haben. So viel steht jetzt schon unlunstößlich fest, daß alle die düsteren oder höhnischen Prophezeihungen unserer Gegner, welche den Congreß schon vor seiner Geburt aus Mangel an Mitgliedern sterben ließen, kläglich gescheitert sind. Ueber zweihundert Männer haben sich in Basel zusammengefunden, welche alle von dem Bewußtsein beseelt sind, daß hinter ihnen ein ganzes Volk steht, welches alle seine Noth und alle seine Hoffnung vertrauensvoll in die Hände seiner zionistischen Vertreter gelegt hat. Wir wissen jetzt positiv, daß uns die nöthigen Juden nicht fehlen werden, wenn die Zeitumstände uns zur Begründung eines jüdischen Gemeinwesens Gelegenheit geben. Die es anders sagten, haben bewiesen, daß sie in der jüdischen Volksseele nicht zu lesen verstehen und sind durch die Thatsachen bereits in geradezu niederschmetternder Weise all absurdum geführt worden. Nicht mindrt aber haben jene Kleinmüthigen und Verzagten Unrecht behalten, welche uns prophezeiten, daß ein offenes und würdiges Bekenntniß zum Zionismus bei der großen Masse des Volkes keinen Anfang stnden würde, und daß es darum klug und weise väre, die Fahne, die uns eint, in die Tasche zu stecken und chlaue, kluge Diplomatie zu treiben. Nein, das Volk denkt acht so künstlich und so klug. Gerade die Juden, des Ostens zeigten sich in den Vorconserenzen von einer stürmischen Begeisterung beseelt, die jeden Anlaß ergriff, um ihrem lementaren Drang in stürmischer Weise Luft zu machen. :ie zeigten sich sogar empfindlich, wenn der Vorsitzende zu Mäßigung und Vorsicht mahnte. Trotzdem aber gaben fie ■ad) und so erlebten wir in den letzten Tagen vor dem Kongreß, um mit Schiller zn reden, das erhebende Schaupiel eines Volkes, welches, niit dem Schwerte in der Faust, ich mäßigt. Freiwillig bändigten diese begeisterten Schaaren i,re hochgespannten Gefühle, freiwillig disciplinirten und -ügten sie sich. Wir sahen übrigens, daß der Vorsitzende Anträge aus der Mehrheit der Versammlung, welche einen Schluß der Debatte verlangten, von sich wies, um auch die Gegner zu Worte kommen zu lassen. Aber auch diese Gegner, diese Praktischen und Kleinmüthigen, konnten sich dem allgemeinen Begeisterungssturnr nicht ganz entziehen. Der ehrwürdige Professor Schapira erklärte, daß er kein Ehrenmann mehr wäre, wenn er den Congreß durch Obstruktion und Wortklauberei stören wollte. Das war ein deutlicher Wink für alle Böswilligen und ein vollkommener Beweis für die Kraft der Begeisterung und Jugend, die bis zu eineur gewissen Grade auch über die Bedenken des Alters Herr zu werden vermögen. In den Vorconserenzen und in der ersten Sitzung des Congresses zeigte sich auch mit erfreulicher Deutlichkeit jene andere Wirkung des Zionismus, welche auch nur voni Unverstand oder der Böswilligkeit geleugnet werden kann. Jetzt aber ist gar kein Zweifel mehr und wir können es nackt und offen aussprechen, als feststehende Thatsache hinstellen, daß die europäisirte, jüdische Intelligenz des Westens in innigen Coniact getreten ist mit dem volksthümlichen urwüchsigen Judenthum des Ostens. In den Vorconserenzen und in der ersten Sitzung des Congresses selbst hörten wir abwechselnd erschütternde Bekenntnisse bald über die materielle und bald über die psychische Noth des Judenthums. Während Berichterstatter aus Galizien, aus Rumänien und aus Algier uns grauenvolle Bilder vom Elend der rechtlosen, jüdischen Massen entrollten , fand zugleich die herrliche Rede unseres Max Nordau über die sittliche Nothlage der unharmonischen und Heimlid) geächteten Juden des Westens den leidenschaftlichsten Beifall und das tiefste Verständniß. Das ist ein 'sehr bedeutungsvolles Symptom, welck)es zu den kühnsten Hoffnungen bereckjtigt. Denn, wo sich die leidende Demokratie und die leidende, geistige Aristokratie mit einander verbinden, da pflegt sich nack) allen Lehren der Geschichte ein großes Ereigniß vorzubereiten welches gar oft zu einer Wunderblüthe menschlicher Cultur auszuwachsen vermag. Wir wollen bescheiden sein, wir wollen die Dinge schauen, wie sie sind, keine schädlichen Illusionen nähren, keine größenwahnsinnigen Prophezeiungen aufkommen lassen. Soviel aber dürfen wir, nack) diesen echten Eindrücken, trotz alledem uno alledem uns eingestehen: Es ist ein geschichtlicher Augenblick, den wir hier in Basel verleben, und es war ein schöpferischer Gedanke, der diesen

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