Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 13 (27.8.1897)
- Article
- Massacre
- Date
- 1897-08-27
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 J»c$vwe Ar. 13. ^cxxiXlcto rt. Maffaere. (i' i n 1 r a uriq i e d. Bon Salo Deutsch. Frühlingsabend. Mitten im Dorf stehen die Bauern zuhause». Jeder der Männer hält was in der Faust, das ein Zeichen seines Berufes sein kann: eine Heugabel, eine Sense, einen Dreschflegel. Aber die Miene, mit der jederlnann blickt, der Griff, mit dem er's packt, macht das Gernth zum Todeswerkzeug. „Wisst's, Männer, da lasst sich amal nix mehr thun. — Die Dirn is hin. Der Jud hat Ostern auf d' Wochen. — Aber die Leich soll er herausgeben, daß die List a christlichs Begräbnis kriegt!" Das ist der Krämer, der so spricht; ganz ruhig uud als wollte er beruhigen. Aber er kennt seine Leute. „Die Leich' — die Leich' soll er herausgeben!" schreit gleich d'raus alles wild durcheinander. „A christlich's Begräbnis soll die Dirn krieg'n!" Und ein Stein fliegt gegen das Fenster des Juden. Frau und Kinder zittern vor Angst lind Kälte tief unten im Keller. Und der Mann zählt die Schläge, die gegen die Thür seines Ladens dröhnen. Aber die gibt nicht so schnell nach, das weiß er. „Im Keller hat er die Leich' versteckt!" hört er da die Stimme des Krämers wieder. „Sprengt's die Hinterthür!" Im Keller! Herrgott, das Weib und die Kinder! Aber — wenn diese Leute plündern können, vergessen sie vielleicht, weshalb sie da sind. Er drückt ein Fenster ein und steckt den Kopf hinaus. — „Hoho, der Jud', der Jud'!" brüllt's von allen Seiten. Und da sie, eng gedrängt, ihn mit den Prügeln nicht erreichen können, spucken sie ihm in's Gesicht. „Ich mach' euch a>>f — aber ihr müßt meine Leute in Ruh' lassen" — „'S Maul halten, Jud, und die Thür mach' auf! Die Leich' woll'n wir haben." „Na, so sucht's euch sie halt!" knirscht er und öffnet. Und die Bauern finden Schnaps. Sie stoßen ihn zur Thür hinaus. Er muß nicht wissen, was jeder raubt. Vom Krämer bekommt er de» ersten Schlag. Er ivill alle Schlüssel des Hauses haben. Alle. Und die Schläge folgen ohne Zahl. Da kommt ein Knecht aus dem nächsten Dorf und fragt, was es gäbe. „Die Lisl hat er um'bracht und jetzt will der Lump nicht sagen, wo's versteckt is." „Wo d' Lisl versteckt is? Na, bei unfern Großknecht halt! Mein Bauer schickt mich zu ihr Vätern. Sie hat sich bei uns verdungen. — Aber jetzt laßt's auch den Hascher los!" Und der Bursch will grob werden. „Ah geh", murrte der Krämer. „Misch dich net d'rei», wo's dich doch nix angeht. — Weißt, Toni — jetzt — wo wir'n amal haben — schau — es is ja nur der Jud —" „Ah so — es is nur der Jud?!" —-- II. „Also, wie war denn der Alte diesnial?" „Aber, der ist ja ganz darnieder — kaum mehr zurechnungsfähig — wenn man auf die Tochter zu sprechen kommt. Die Hauptsache übrigens: Achtzigtausend will er schon geben." „Thut mir leid — Ich bin unter hundert nicht zu haben. Und wenn wir ihn noch ein par Tage zappeln lassen — — und was ist's mit dem Mädel?" Ich Hab' sie hinter der Portiöre schluchzen gehört. Sie hat offenbar gehorcht. Du, Otto, das Mädel muß dich aber wirklich furchtbar gern haben!" „Ja, das will ich meinen. Aus bloßem Vergnügen pflegt man sich doch nicht in's Wasser zu stürzen. Und so ein kleines Nervenfieber —" „Ja, die Krankheit der Tochter hat die Eltern außerordentlich hergenoinmeu. Der Alte scheint auch mit seinen Kräften zu Ende zu sein. Im Vertrauen: Ich glaube, daß er dir thatsächlich sein Letztes gibt, wenn du aus den Hunderttausend bestehst —" „Gewiß besteh' ich d'raus! Ich werd' mich doch nicht wegmerfen!" „Aber ich bitte, renommir' doch nicht! Im übrigen: Dieser Alte, den vor Aufregung der Schlag zil rühren droht und seine Frau, die ewig die Hände ringt und ihn bittet, uachzugeben, wenn er das Mädel am Leben erhalten will — weißt du, mein Lieber, besorg' dir gefälligst solche Geschäfte nächstens wieder selber —" „Ja freilich! ich soll mich wohl von meinen p. t. Schwiegereltern vor der Hochzeit noch fressen lasse»! Da ist übrigens der kleine Doctor! O nein, lieber Doctor, sie stören gar nicht, es ist nur vom Heirate» die Rede!" „Äh, ist's also doch wahr, daß sie sich in ein reiches Mädchen verliebt haben —?" „Na — mein Gott — ich — mich — in sie verliebt! Es wird wohl umgekehrt sein! Na, und der Alte macht eben Schwierigkeiten mit dem Geld — aber Gott sei Dank, ich Hab' ihn in der Hand —" „So? hat das Mädel — hm — Dummheiten gemacht?" — „Ja, es mag schon so was sein. — Der Alte ist übrigens Fabrikant. Vielleicht kennen sie die Firma, Körner und Freundlich, Schuhwaaren." „Ah gewiß! Einer der Chefs war ja heut bei uns; der andere hat ihm die Gesellschaft gekündigt, weil er Bargeld braucht. Und das soll natürlich ein Proceß werden." „Ja, das Geld braucht der alte Körner, nämlich für mich. Ich hätte nicht geglaubt, daß es so weit ist —" „Ah, den Mann haben sie aber gehörig hergenommen, lieber Otto! Der scheint wirklich ausgesangt zu sein bis auf die Knochen. Aufrichtig gesagt, lieber Freund: Er bezahlt's wirklich etwas theuer, daß sie die Gnade hatten, ihm das Mädel zu ver —" „Aber, Doctor! — Sparen Sie doch diese mitleidige Regung ihres weichen Advocatenherzeus. Er wird's schon verwinden. Der Mann ist ja ein Jud!" „Ah so — ein Jud?!"--- III. „Excellenz, ich habe mir erlaubt, der Facultät unter der Hand andeuten zu lassen, daß man höhererseits die philosophische Lehrkanzel mit einer Persönlichkeit von zweifellos geiuäßigter politischer Richtung besetzt zu sehen wünsche. Das Professorencollegium schlägt puimo st unico loco den Professor Dr. Ludwig Steiner vor." „Steiner? Den Mann kenn' ich ja nicht!" „Er ist Gymnasiallehrer, Excellenz!" „Ja, Herr Hosrath, will uns die Facultät zum besten halten? Wie wird der Vorschlag begründet?" „Excellenz, der Mann hat ein grundlegendes Werk über griechische Philosophie geschrieben —" „Ja, ein Werk, das kein Mensch kennt —" „Excellenz, der Mann ist eben Gymnasiallehrer. Er ist dabei einer der gründlichsten Kenner der gesammten pädagogischen Literatur, auch ei» praktischer Pädagoge von Ruf „Nun, und politisch"—?