Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-08-27 · 13 (27.8.1897) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
13 (27.8.1897)
Article
Excesse in Pilsen [Nachricht]
Date
1897-08-27
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315723--01364-3380470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13. jauSfliwe Seite 11. wenn die Tschechen auf die Deutschen eindringeu, unterlassen sie es niemals, so nebenbei auch den Juden verschiedene Liebenswürdigkeiten zu verabreichen. So war es auch jüngst in Pilsen. Aus einem Conflict zwischen einigen deutschen Couleurstudenten und tschechischen Burschen entwickelte sich ein wüster Exceß, bei dem Tausende von Tschechen johlend die Straßen durchzogen und die ärgsten Ausschreitungen begingen. Sie demolirten das Hotel „Pilsener Hof", sie kühlten ihr Müthchen an der Actienbrauerei und schließlich zogen sie vor — die Synagoge, Steine flogen gegen Thor und Mauern, die kostbaren Scheiben wurden zertrümmert und es mußte Militär requirirt iverden, um den Pöbel zu zerstreuen. Es wird immer besser. Die Zahl der „christlichen" Genossenschaften in Galizien, die darauf ausgehen, dem armen Juden selbst das trockene Brot wegzunehn>en, häuft sich immer mehr. In Gryböw, Tarnobrzeg und Myckenice sind neue ,.Kölka rolnieze" gegründet worden, zusammen also bisher in Galizien 1258. In Krakau ist eine „Christliche Genossenschaft für Holzmederlage" und eine „Christliche Schuhfabrik" entstanden. An der Spitze der letzteren Genossenschaft steht Graf Mieroszowski. In der Bukowina haben es die 20 christlich-socialen Vereine vorläufig nur bis zu einem eigenen Blatte gebrockt, das unter dem Titel „Bukowinaer Bote" demnächst erscheinen soll. In drr Pariser Presse wird seit einigen Tagen ein Fall von Antisemitismus erörtert, der einiges Aufsehen erregt, weil ihm beinahe ein dortiger Journalist zum Opfer gefallen wäre. Dieser, ein vielgeschätzter Reporter, der bei keiner Reise des Präsidenten der Republik fehlen darf Ramens Laumann, ging auf die russische Botschaft um sich seinen Paß visiren zu lassen. Ec glaubte schon mit allen Formalitäten fertig zu sein, als einer der Kanzilisten seinen Namen scharf in's Auge faßte und sagte: „Sie können nicht mit dem Präsidenten nach Rußland fahren, denn Sie find unzweifelhaft Jude." Laumann betheuerte umsonst, er sei vor 85 'Jahren bei seiner Geburt im Elsaß katholisch getauft worden. Man glaubte ihm nicht und verwies ihn, da es zu spät war, uni den Taufschein kommen zu lassen, an den Pfarrer von Sainte-Clotilde, in dessen Sprengel die russische Botschaft liegt, zu einem religiösen Examen. Der Pfarrer aber erklärte, er sei schon zu oft hintergangen worden, um ohne unumstößliche Beweise ein Zeugniß ausstellen zu können und so mußte sich Laumann anderswo umthun, bis er einen geistlichen Gewährsmann fand, der die Gewissensscrupel der russischen Kanzleibeamten beschwichtigte. Die fremden Inden an der Pariser Universität Es ist längst bekannt, daß man in neuester Zeit in Paris sich der Concurrenz durch ausländische Aerzte zu erwehren sucht. Es sollen nun in Zukunft den fremden Studirenden wohl alle Provinz-Universitäten, jedoch nicht mehr die Pariser Fakultät zur Verfügung stehen, deren Glanz allein es war, der die Blassen heranzog. Man motivirte diese rcactionäre Blaßregel mit der Uebersüllung der Fakultät, die im vem gangenen Jahre 5000 Hörer gezählt habe Doch ist der wahre Grund die Scheu vor der späteren Ausübung der ärztlichen Praxis durch ausländische Aerzte und auch ein gut Stück Antisemitismus ist mit dabei. Schon i» der vergangenen Woche haben das Pariser medicinische Professorencollegium, der Stadtrath und die Presse lebhaft gegen diese Steuerung protestirt, von der dieselben eine empfindliche Schädigung des Ansehens der Universität und selbst Frankreichs befürchten, abgesehen von Repressalien, welche dieses Vorgehen zur Folge haben müßte. Am schlimmsten ist diese Maßregel für die zahlreichen jüdischen Studirenden aus Rußland und Polen wie aus den Balkanländern, die sich mit Vorliebe und aus naheliegenden Gründen zur Vollendung ihrer Studien bisher nach Paris gewandt haben. Dcr judciiftkittidlichc Schah. Der persische Gesandte in London erhielt von seiner Regierung in Teheran die telegraphische Mittheilung, daß auf eindringliche Vorstellungen der Vertreter Englands und Frankreichs der Schah jede weitere Verfolgung der Juden in strengster Form verboten habe. Der betreffende Erlaß ist an die Gouverneure gerichtet und bedroht jeden Beamten mit Amtsentsetzung, welcher die Juden zwingen würde, eine besondere Kleidung zu tragen, oder ihnen wegen ihres Glaubens eine höhere Steuer auserlegen würde. Dieser Erlaß des Schah's leidet jedoch an dem Fehler, daß er an die falsche Adresse gerichtet ist. Die betreffenden Ausnahmsbestimmungen waren von dem persischen Scheik ul Islam, dem Oberhaupts der persischen Mohammedaner erlassen worden, und ihre Hauptforderung ist die Zwangsbekehrung der Juden zum Islam. Die mohammedanische Geistlichkeit in Persien ist aber von den Gouverneuren ganz unabhängig, so daß der Schah wohl erst den judenfeindlichen Erlaß des Oberpriesters in aller Form aufheben müßte, ehe an eine Einstellung der Judenverfolgungen geglaubt werden kann. Vom Prager Kriegsschanplatzc. Nach einer aufgelösten Protestversammlung des tschechischen Anlisemitenvereines, worin Haarsträubendes über die angebliche Bedrückung der tschechischen Minorität erzählt wurde, verursachten die erregten Theilnehmer unter Führung mehrerer tschechischer Abgeordneter spät Nachts große Straßenexcesse, so besonders vor dem deutschen Casino, in dessen Schanklocal trotz der Sicherheitsbewachung etwa 00 Excedenten eindrangen und voni Wirthe die Verabreichung von je ein Glas Bier erzwangen. Fciiersbriinskc. In der Stadt Mstißlawl lRußland) entstand bei heftigem Winde eine Feuersbrunst, die gegen zweihundert Häuser, eine Synagoge und sechs jüdische Bcthäuser einäscherte. Auch die russische Stadt Komarow ist zur Hälfte niedergebrannt. Tausende von Bewohnern, zumeist Inden, haben ihr Hab und Gut verloren und sind obdachlos. Eine „Merkwürdigkeit". In den „akademischen Monatsblättern", dem Organ der katholischen Studentenvereine Deutschlands, bespricht ein „Philister", „den sein Amt seit vielen Jahren in die engsten Beziehungen zum literarischen und akademischen Leben gebracht hat," die Prüsungsresultate der ersten juristischen Prüfung des Jahres 1895—90 in den Rheinlanden. Da kommt eine Stelle vor: „Geradezu verblüffend ist jedoch ein anderes Ergebniß dieses Jahres. Von den Juden fiel keiner durch, von den Protestanten 1515 Percent, von den Katholiken 3157 Percent. Wie ist die letztere Thatsache zu erklären? Voreingenommenheit der Commissäre ist ausgeschlossen. An dem Mangel an „Einpaukern" kann's allein nicht liegen. Auffällig bleibt es auf jeden Fall." L. A. Frankel über Jerusalem, d Gnglia bo)>rici)t in der „M. 9t. st." die jüngst erfolgte Ausgabe der „Lammtnng von Briefen und Aufzeichnungen ans dem neunzehnten Jahrhundert", die euch den Briefwechsel 9. 91. Franlet's mit Anastasius Wriiit enthält. Frankel nnhert sich da über die Eindrücke, die er bei seiner Reise ins heilig Land empfing. Interessant ist sein Urtheit über die socialen Verhältnisse der Inden in Jerusalem, die eine Folge des bekannten Wohlthiitigkeils systemes find. „Dieses polnisch - russische Gesindel," schreibt Frankel, „sind das die Wächter stivns? Diese am heiligen Grabe sich schlagenden Christen, sind das die Hüter desselben. Einer erscheint nur achteniverth hier der Mohammedaner, der glücklicherweise die Polizei rcpräsenlirl, sie würden sich sonst untereinander erschlagen." Die Zahl der Inden in Indien beträgt 14.000, davon wohnen über 10.000 in Bombay. Es sind größtentheils moderne Einwanderer, doch gibt es an der Westküste auch zwei jüdische Colonien aus alter Zeit, die sogenannten „schwarzen und weißen Juden." Die jüdischen Arbeiter dcr Warschaner Bäckereien stellten Samstag den 29. Juli, unzufrieden mit ihrem geringen Lohne und ihrer langen Arbeitszeit die Arbeit ein. Es erfolgten einige Ausweisungen. Der Strike winde beigelegt. 822 Namciismagyarisiruiigen wurden im ersten Semester 1807 vorgenommen. Unter den Magyarisirten waren 175 Juden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.