Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 13 (27.8.1897)
- Article
- Massenelend in Galizien
- Date
- 1897-08-27
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 13. Seite 9. Feiwisch tritt in sein Zimmer, ein düsterer, etwa 3 Meter langer und ebenso breiter Raum. Die vielen Spalten und Risse an der altersschwachen, morschen Thür sind mit Papier verstopft, die Wände krumnr und vom Rauch geschwärzt. Die Fenster sind mit Zeitungen und Brettern vermacht. Der Fußboden ein schmutziger Lehmboden, der „Plafond", einige morsche, Einsturz drohende Balken. In der Ecke steht ein Oeschen, kalt, denn es wird nicht geheizt. Ein wackeliger, schmutziger Tisch, eine wackelige alte Bank, ein „Bankbett" ohne Decken, ein Bett aus drei Füßen, den vierten vertreten drei aufeinander gelegte Ziegel — das sind die „Möbel" der Wohnung. Einige Topfe, etwas Küchengeschirr vervollständigen das Inventar. In dem einzigen Bette, wo über faulendes Stroh zwei alte Gctreidesäcke gespannt sind, liegen seine zwei Töchter. Die ältere ist tuberkulös und liegt schon seit dem Herbst im Bette, die jüngere ist vor einer Woche an einer Lungenentzündung erkrankt. Die Todesstille in dem dunklen, öden Raume wird nur durch das Stöhnen der einen und das Hüsteln der anderen unterbrochen. Gute Nachbarn — arme Leute, die selbst, nichts haben — stehen nach Kräften bei. Deborah, die Frau des.Synagogendieners, bringt fast täglich warmen Thee, und Rosa, die Badedienerin, war gestern sogar mit einem Teller warmer Kartoffelsuppe erschienen. Wie gierig die armen Mädchen die Suppe schlürften, wie dankbar sie Rosa anblickten'. Die Familie verzehrt heißhungrig das Brot. Da geht die Thüre knarrend auf, und mit den Acten unter dem Arme, die Amtsmütze aus dem Kopfe erscheint der Stenercxecutor. Er entfernt sich, aber sogleich, hier gibt es nichts zu holen. Sein Erscheinen beunruhigt Felwisch Dienstag nicht. Seit Jahr und Tag schuldet er 4 fl. 70 kr. an Erwerbsteiler, gepfändet kann er nicht werden, weil er nichts besitzt. Der Zustand der jüngeren Schwester verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Gegen fünf Uhr begann sie zu röcheln und hauchte bald ihre junge Seele aus. Drei Stunden lag die lungenkranke Schwester mit dem Leichnam unter derselben Decke, bis vier Weiber erschienen, die Todte aus dein Bette hoben und sie mit den Füßeir gegen die Thüre auf der Erde betteten. Die ältere Schwester hatte mminebr Platz in ihrem Bett. Sie litt noch drei Wochen, dann folgte sie ihrer Schwester. Feitvisch Dienstag und seine Frau haben die Wohnung gewechselt, aber ihr Los ist das gleiche geblieben. N. Sperber, Leiter der Baron Hirsch Schulo in Stanislau. Gin Blumengarten in den Golonien. (Nach einer Photographie). Palmen und Blumen, anniuthige Gruppen in bunter leidvolles Gestern, und die nagende Sorge für Weib und Zwanglosigkeit und daneben der Gärtner, der den Baum Kind und das hilflose Mitleid von heute. Da bleibt kein gepflanzt und großgezogen hat. Es sind jüdische Gärtner; Raum für die Liebe zum Frühling, da bleibt keine Zeit vor Jahren trugen sie den Kaftan. Jetzt haben sie ein neues für Blumenpflege. Im Winkel mahnt der marschbereite MM »r . »y f. /?“■; - ♦V-i* '-y Cr //. Wottllzflf' Kleid angezogen und mit dem neuen Kleid neue Gefühle: Stab neben dem Hausirkasten, und auf dem ärmlichen Lager Liebe zu den Blumen, Liebe zur grünenden blühenden Natur, % weint der hungernde Knabe. Wer denkt da an Blumen und Sinn für das Schöne. Den Vätern, den Großvätern war Palmen? — Schade, daß der Großvater die Zeit nicht solches Fühlen fremd. Die saßen im staubigen, dumpfe» schauen konnte, wo aus dem weinenden Knaben des Ghettos Ghetto und da gedeihen andere Gefühle: Zitterndes Bangen ein lebensfroher Landmann geworden! vor dem ungewissen Morgen, düsteres Erinnern an ein