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Die Welt · 1897-08-27 · 13 (27.8.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
13 (27.8.1897)
Article
[Nachricht]
Date
1897-08-27
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 13 Seite 7. Im Laufe dieser Woche hielten sich viele Deleginc auf ihrer Durchreise in Wien auf. Die meisten brachten Petitionen, Zustimmungsadressen und Vorschläge, die mit Tausenden von Unterschriften unterzeichnet sind. Von Rumänien sind allein 9000 Petitionen eingelaufen. Der Delegirte Hr. Pineles mußte sich bequemen, diese Petitionen im Gewichte von 80 Klgr. per Eilgut nach Basel aufzugeben. Londoner Eindrücke. Von Leo Rafaels. Es ist nicht meine Gewohnheit, allzugroße Ansprüche an meine Mitmenschen zu stellen, und dem entsprechend passirt es mir nicht gar zu oft, über ihre Schlechtigkeit und Beschränktheit jammern zu müssen. Aber die Kurzsichtigkeit mancher englischen Stammesgenossen übertrifft Alles, was ich in nieinem Leben an überlegener Dummheit gesehen habe; da ist es schon sehr schwer, den Gleichinnth zu bewahren. Was der „Daily Chronicle" voriges Jahr in der Besprechung des „Judenstaates" mit beißender Ironie sagte, das reden die guten Leute nüt rührender Naivität nach: „Was brauchen die Juden Jerusalem? Johannesburg (die englischen Blätter schreiben nicht selten JewHannesburg!) ist das Jerusalem der Juden im neunzehnten Jahrhundert." Ungefähr so, wenn auch mit etwas anderen Worten, erklären die wohlhabenden Juden Englands und Schottlands den zionistischen Gedanken für eine sehr überflüßige Geschichte. Sie haben zu essen und zu trinken, eine Loge im Theater, ein Boot auf dein Flusse oder gar eine Nacht auf der See, einen Sitz im Tempel und einen liebenswürdigen Rabbiner, der nicht Alles sieht und gelegentlich krumm gerade sein läßt — was kann ein Jude niehr vom Leben und von seinem Gotte verlangen? Freilich hört der Glückliche manchmal wie im Schlafe die Namen Pobedonoszef und Lueger, und es legt sich ein Alpdrücken fürchterlich aus die Brust — seine Stammes-, nein! seine Glaubensgenossen in Rußland, Oesterreich. Deutschland werden verfolgt, wie traurig! ivie unendlich traurig! Der englische Jude ist beileibe nicht schmutzig und gefühllos, er hat seine Freigebigkeit und Humanität den Kretensern und Armeniern gegenüber bethätigt, und er hält die Tasche nicht zu, wenn es gilt, verfolgte, aus ihrer Heimat vertriebene Juden nach Amerika zu befördern. Aber was hat er im klebrigen mit diesen armen Teufeln gemein? Lächerlich! Dieser schwarze, schäbige, großnasige Mann aus einem unaussprechlichen litthauischen Neste, der auf den Namen Naphtali Beständig hört, was hat der mit dem Gentleman in weißer Weste und glänzendem Cylinder, ivas hat er mit Stanley Morris, dem Stockengländerzu thun? Wie lächerlich, wie urkomisch, diese zwei Menschen als Volksgenossen, als Brüder zu bezeichnen, ihnen ein gleiches Ziel, die gleiche Hoffnung zuschreiben zu wollen? Ich habe dieser Tage Gelegenheit gehabt, mit Glaubensgenossen der unterste», mittleren und obersten Schichten zu sprechen und das Ergebniß war für die Reichen so beschämend wie nur möglich. Die Armen hörten erstaunt zu, als ich ihnen von unseren Hoffnungen erzählte, itnb schütlelten ungläubig den .Kopf. „Tvo gootl to be true“, sagte ein Handelsreisender; der Traum war ihm zu schön, um jemals Wirklichkeit zu werden. Die alte Geschichte. „Sie hörten ihn nicht wegen kurzen Athems und schwerer Arbeit." Der Mann konnte nicht genug fragen; er war in tiefster Seele aufgeregt, und immer wieder murmelte er „zu schön, schön!" Ganz anders ein Tuchhändler aus Leeds. „Ich bitte Sie! Ich will nicht unhöflich sein; aber ivie kann ein gescheidter Mensch wie Sie einen solchen Unsinn mitmachen?" Wenn mir einer sagt, ich sei doch sonst ein gescheidter Mensch, so weiß ich, daß er mich für den dümmsten Kerl auf Gottes Erdboden hält. Leider hat der Mann ein Recht dazu, mich für blitzdunnn und sich für superklug zu halten, denn er ist ein Millionär und ich — habe noch keine ganze Million. „Gestatten Sie mir, Mr. Abrahams, in gut jüdischer Weise eine Frage mit einer anderen zu beantworten. Ob unsere Hoffnung ein Unsinn ist, wie Sie nieinen, oder Hochsinn und Weisheit, wie wir glauben, das wollen wir ja vernünftig discutiren; aber sagen Sie mir vor allem, warum Sie sich von vornherein so sehr darüber aufregen? Sie ärgern sich ja, als wäre der Zionismus für Sie persönlich ein Schimpf und eine Beleidigung. Wo ist da Ihre englische Ruhe und Kaltblütigkeit?" „Mir scheint, Sie werden ironisch; aber Sie irren sich, ich ärgere mich gar nicht, ich bin ganz ruhig." „Na also. Schön. Wo ist da, ganz praktisch gesprochen, der Unsinn, wenn wir den Versuch machen wollen, der bisher ziel- und planlos betriebenen Auswanderung der Juden einen erstrebenswerthen Mittelpunkt zu geben, wenn ivir uns anstrengen, die Kräfte von Tausenden, die sich unnütz zersplittern und in allen Gegenden der Welt ins Leere verpuffen, zu sammeln und mit ihrer Hilfe endlich einmal etwas Großes, Dauerndes für unsere Enkel und Urenkel zu schaffen?" „Und bei einer solchen Sprache soll man sich nicht aufregen! Sie thun ja gerade so, als hätten wir hier in England alle die Jahrhunderte über geschlafen und bedürfte» dringend der Erweckung durch den Zionismus. Wir haben Großes und Dauerndes geschaffen! Schauen Sie sich unsere Spitäler an, gehen Sie hinaus nach dem Osten und betrachten Sie das Haus der Board of Guardians - was soll ich früher nennen von den vielen Instituten und Gebäuden, die unsere Enkel und Urenkel überdauern werden? Dazu brauchen wir doch nicht nach Zion zu gehen!" „Sie geben sich die größte Mühe, mich mißznverstehen, Mr. Abrahams, und Sie sind doch sonst ein so scharfsinniger Kopf. Waisenhäuser, Spitäler und Tempel haben die englischen Juden schon vor 900 Jahren geballt — war das etwas Großes, etwas Dauerndes? Waisenhäuser, Spitäler und Tempel hatten auch die spanischen Juden geballt — aber nicht für sich!" Mr. Abrahams machte sehr große Augen uild wurde dann sehr roth im Gesicht. „Ich lveiß llicht, was Sie mit den englischen Juden vor 900 Jahren sagen wollen, das geht mich auch gar nichts an. Aber Ihre Anspielung auf Spanien verstehe ich: ich würde mich sehr über Sie ärgern, wenil das nicht gar zu lächerlich wäre! England und Spanien! Sie sind eben ein Ausländer." — Mr. Abrahams legte in das Wort Foreigner die ganze Geringschätzung, das ganze Mitleid eines Stockengläuders hinein — „und können sich keinen Begriff machen von einenl freien Volke, einem freien Lande wie England. Wir englischen Juden sind Vollbürger und Vollengländer wie nur irgend ein Lord oder Markgras es sein kan», und wehe dem Manne, der es versuchen feilte, an unseren Rechteil auch nur mit einem Worte zu rühren! Soll ich Ihnen Beispiele geben? Wo soll ich anfange», wo anshören? Sehen Sie sich den Bürgermeister von London an — mehr brauche ich wahrhaftig nicht zu sage». Gekrönte Häupter aßen an seinem Tische, ihre Majestät die Königin überhäuft ihn nüt ihrer Gunst, mld das Volk jubelt ihm zu, wo immer er bei einer öffentlichen Eeremonie erscheint! Das erinnert nicht sehr an Spailien, sollte ich meinen." „Mr. Abrahams, ich wünsche Ihnen lind uns Juden insgesammt Glück zu dein hochsinuigen Bürgermeister von London, der seinem Volke zur größten Ehre und in dieser schweren Zeit uns allen zum Tröste gereicht: wir freuen uns überall mit Euch, daß es noch einen Punkt auf Gottes Erde gibt, wo es dem Juden gestattet ist,': seines Lebens froh zu werden. Aber Ihren Optimismus in Bezug auf die allgemeine Lage der Juden in England kann ich leider nicht theilen. Ihr habt das Jtlbiläum der' sechzigjährigen Regierung euerer Königin mit grenzenlosem Enthusiasmus gefeiert; ebenso schön als begreiflich. Eure Tempel und- Synagogen waren wochenlang festlich geschniückt, eure Pre

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