Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 12 (20.8.1897)
- Article
- Chava Rubin
- Date
- 1897-08-20
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 16. Nr. 12. ClnttKt HitXnn. 3>on W. CtonSti. Deutsch vo» F. L a n d e s b c r g c r. (I. Fortsetzung.) Chava hatte keine Zeit sich über diesen Zwischenfall zu kränken, und jagte weiter. Gott Merkur hatte es jedoch offenbar beschlossen, ihr kühnes Unterfangen zu bestrafen, denn sie konnte weder einen halben noch einen ganzen Stöhr anbringen. In einem Hause war die Herrschaft nicht da, im andern gab's kein Geld, so daß Chava, nachdem sie die ganze Stadt umsonst durchmessen, abgehärmt nach Hause zurückkehrte. Was nun? Diese Frage ist für den Kaufherrn, dem ein mit Waaren vollbepacktes Schiff, auf dem Meere gescheitert, ebenso schrecklich, wie für die arme Hausirerin, der Niemand zwei Stöhre abkaufen wollte. Im Augenblicke solcher Gefahr ist die Rettung des gefährdeten Betriebscapitals der erste Gedanke. Chava fehlten zu der ausgelegten Summe, noch fünf Gulden. Rasch zerhackte sie einen Stöhr und trug die Hälfte der Casfierin hin Hat sie das einmal eincassirt, so bleiben ihr zwei Rubel Reingewinn. Oh, süße Hoffnung, oh. Tag des Glückes! Zwei Rubel Gewinn für einige Stunden Herumlaufens! Es würden sich unter diesen Verhältniffen auch reichere Leute finden, die gerne den Fischhandel betreiben möchten. Doch die Hoffnung war trügerisch: sie sollte nicht zur Ruhe kommen. Die Frau Casfierin erklärte nämlich, daß sie nur zehn Groschen per Pfund geben, und erst am Morgen bezahlen werde. Chava hatte also ihre drei Rubel noch nicht in der Tasche, baar hatte sie den ganzen Tag, keinen Groschen verdient! Von dieser Idee berückt — kehrte sie mit einem eigenthümlichen Ausdruck des Trotzes im Gesicht zögernd nach Hause zurück. Symche versuchte es umsonst di; Hühner mit Rübenblättern zu füttern. Die Kinder kauerten in einem Haufen an der Wand und nagten an Erbsenschalen, welche ihnen der Vater aus der Stadt gebracht hatte. Als sie die Mutter erblickten, singen sie heftig zu schreien an. Chava, hob den Jüngsten aus, küßte ihn und trug ihn ins Zimmer. „Kauf ihnen ein Brod", sagte sie zu ihrer Inwohnerin, und warf vier Groschen auf den Tisch; „ich muß noch fort". Sie achtete nicht auf das Weinen des Kindes, packte einen vor dem Fenster liegenden Stöhr und eilte daiuit auf die Straße zur Stadt. „Wohin Symchowa?" srug eine alte Frau, die mit dem Strickstrumpf vor ihrem Häuschen saß. „Nach Pulaw, liebe gnädige Frau", sagte Chava, und küßte der Alten die Hand. „Dorthin trägst Du einen Stöhr, für wen denn?" „Weiß ich für wen? Hier kann ich's nicht anbringen. Ich Hab' noch eine Hälfte zu Hause." „Die nehm' ich. Mein Enkel ist eben auf die Ferien zu mir gekommen, er hat guten Appetit. Aber wirst Du denn diese Last nach Pulaw erschleppen können?" „Ach gnädige Frau, ich halt' mich. Ich Hab' heut' noch nichts gegessen, ich weiß nicht einmal, ob ich noch was für die Kinder werde kochen können. Aber was soll ich thun? Ich kann die Fische nicht länger liegen lassen. Ich Hab' drei Stöhre gekauft, einen hat die Frau Vicebezirksrichterin um elf Groschen das Pfund genommen, eine Hälfte die Frau Casfierin zu zehn Groschen, den Rest Hab' ich noch und geh' damit nach Pulaw. Bis jetzt Hab' ich nichts verdient, nicht einmal die drei Rubel Hab' ich noch beisammen, und wenn ich Ihr Geld verliere, gnädige Frau, so muß ich in's Gras beißen." Die alte Frau, der Chava so Alles beichtete, war die Witwe des Gärtners des Fürsten Chartonjski in Pulaw. Als ihre geliebte Herrschaft gestorben war, konnte sie es an dem Orte, wo sie so viel Trauriges durchlebt, nicht mehr aushalten; sie übersiedelte nach Kazimierz, wo sie von einem kleinen Vermögen und den Unterstützungen ihrer zahlreichen Familie, mit einer verkrlippelten Tochter lebte. Sie war es, welche vor zwei Jahren Chava'n jene drei Rubel vorgestreckt, mit denen sie ihre Handelsoperationen ausführte, und die sie so krampfhaft zusammenhielt. Die Aussicht auf den größten Gewinn vermochte sie nicht zu beruhigen, so oft ihr die drei Rubel momentan aus den Händen glitten. Eine namenlose Angst ergriff sie, schon sah sie sich mit ihren Kindern am Rande des Verderbens. In dieser Aufregung mußte sie die drei Stöhre sofort verkaufen. Zu den drei Rubeln fehlten ihr ja noch fünf polnische Gulden. Das charakeristische Merkmal, in dem Verhältniß Chava's zu Mutter Wlostowicka, war ihre Aufrichtigkeit. Sie, die beim Ein- und Verkauf auf Kosten der Wahrheit, ihren Vortheil zu wahren suchte, hatte vor dieser Einen kein Geheimniß. „Um wie viel hast Du die Stöhre gekauft?" srug die Greisin t „Zu fünf Groschen das Pfund", antwortete Chava. „So, hast Du etwas verdient." „Bei der Frau Vicebezirksrichterin, denn die Casfierin hat mir das Geld noch nicht abgegeben." „Na so geh', meine Liebe, ich weiß zwar nicht, wer jetzt in Pulaw wohnt, aber, wie ich höre, sollen viele Herr schäften hingekommen sein." Chava küßte der Greisin die Hand und eilte fort. Die Entfernung zwischen Kazimierz und Pulaw beträgt zehn Werst; es war nicht leicht, mit einer Last von fünfzig Pfund, auf dem Rücken hinzukonnnen. Ost schien es Chava, als ob der auf ihrer Schulter ruhende Stöhr höhnisch mit dem Kopfe wackelte, über ihr kühnes Unternehmen. Trotz dem sie hungrig und müde war, eilte sie rüstigen Schrittes vorwärts. Bei der dritten Werst ruhte sie aus. Ein vorüber fahrender Edelmann sah den Fisch zu ihren Füßen liegen, und ließ halten. „Was hast Du hier?" srug er. „Einen Stöhr", sagte Chava mit klopfendem Herzen- „Eh" murmelte er verächtlich und fuhr weiter. Wenn es jeder in Pulaw so machen wird? Chava sprang auf und machte sich auf den Weg. Nach zwei Werst ruhte sie wieder. Ueber ihr Mißgeschic! denkend, sah sie eine des Weges kommende Briczka, all' der neben dem Fuhrmann ein Jude saß. Der in Kazi mierz bekannte Briefausträger, ein von der Kanzel in Ban» gethaner Säufer, der schon im Magistrat die Prügelstrafe erlitten hatte, fuhr mit den Briefen nach Pulaw. „Franek, Franek!" rief sie „warte!" „Was gibt's?" srug der Fuhrmann, stehen bleibend. „Nimm mich mit, nach Pulaw." „Höchstens wenn Du Deinen Fisch oorspannst, den» meine Mähre bringt uns nicht vorwärts". „Ist denn das weit, ein Sprung". „So spring". „Red' nicht, red' nicht". „Aber wo wirst Du sitzen, auf Moschko's Knieen?" ~ „Ich werd' schon Platz finden". Sie wartete die Antwort nicht ab, und kletterte hinauf. „Gieb' nur erst einen Gulden her", schrie Franek. „Dummer Kerl, ich werde Dir kein Unrecht thun". „Warum fährst Du heut'mit der Post?" srug Chawa. „Dem Gregor ist ein Kind gestorben" antworte Franc! „so hat der Herr mich geschickt. — Hol' der Teufel so ein' Arbeit!" (Fortsetzung folgt.) Urammleralions-Gintaduitg. Wik laden diejenigen Abonnenten, deren Abannemen- Ende August ablaust, ei», es rechtzeitig zn erneuern, damit in der Zustellung des Blattes keine Störung «intretc Unser Vorrath au älteren Nummern geht zur Neige und wir werden bald einzelne Nummern nicht mehr «ach liesern können. Die Administration. Herausgeber: Uascharrev. Verantwortlicher Redacteur: Dr. S. R> Kandarr. Druck von Franz Schüler, Wien-Döbling.