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Die Welt · 1897-08-20 · 12 (20.8.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
12 (20.8.1897)
Article
Courtellemont [Rezension]
Date
1897-08-20
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12. MHVrlk? Seite 18. b ä c r allen anderen Menschen du r ch h c r o i s ch e s Beispiel und erhabene Opfer gelehrt haben, w i e m a n sein Vaterland lieben soll..... Dr. dl. M a r nt orek, Paris. Gustav Maie». „Aus Syrien." Meiseskizzen. Bamberg. Verlag der Handelsdruckerei. (Preis elegant gebunden l Mark.) Es liegt uns ein kleines Büchlein vor, das dem Leser und besonders dem Zionisten in mancher Hinsicht Anregung bietet. Wir wollen hier einiges aus der Maier'schen Schrift anführen: Gustav Maier war in Jaffa, an der syrischen Küste, im Libanon und in Damaskus. Das Land findet er, sobald es nur bearbeitet wird, fruchtbar. „Hier wird der Wein nicht an Stocken oder Spalieren gezogen, sondern wuchert am Boden gleich den Gurken." Das Land ist auch nicht so klein, wie der nur die kleinen geographischen Karten kennende Europäer denkt. „Die syrische Küste vom Ost-Ende Aegyptens an bis zur Bai von Alexandrien bildet eine Linie ungefähr so lang, wie der Weg von Basel bis Hamburg — der Libanon hat die dreifache Länge des Bodensees und erhebt sich bis 3000 Meter über den Meeresspiegel" Das Land wäre eines der glücklichsten, wenn nicht die dortige „Wirthschaft" wäre. Vor Allem fehlt es an Verkehrswegen. Es gibt nur eiue von einer französischen Gesellschaft von Beirut nach Damaskus gebaute Straße, die der Gesellschaft eine Dividende von IS — 18°/0 einbringt. Dann kommen die niederträchtigen Münz-, Steuer-, Bachschisch- und Justizverhnltnisse. Ein Unterrichter bezieht 60 Mark, ein Oberrichter 140 Mark monatlich und „natürlich sind diese Beamten auf Bachschisch angewiesen und die Gerechtigkeit muß käuflich sein." Besser sind die Verhältnisse im Libanon, den» der Pascha-Gouverneur des Libanon ist kein gewöhnlicher Pascha. Der Libanon hat seit den Christenmetzeleien im Jahre 1860 eine „besondere Negierung". Der Pascha wird alle 5 Jahre unter Zustimmung der Großmächte eingesetzt. Das Land im Libanon ist auch viel besser gepflegt. Das Urtheil Meier's über die dortigen Christen ist kein günstiges. Den Muselmann findet er dagegen „gastfreundlich, bescheiden, uneigennützig und offen" und den gebildeten Mohaniedaner sogar sehr tolerant. Das Verhältnis zwischen Christen und Juden ist dort „ausnahmsweise einmal ein gutes — weil beide Theile unterdrückt sind." F. Indischer Uolkskalender für das Jahr 5658 (1897—98)/) Unermüdlich und unerschrocken kämpfen sie fiir ihre gute Sache, unsere wackeren Gesinnungsgenossen in Deutschland. Sie haben einen schweren Kampf. Den Kampf gegen Brüder, gegen Stammesgenossen. Aber die innere Ueberzeugung, eine gute Sache zu verfechten, lagt sie muthig über offene und versteckte Hindernisse wegschreiten. Allwöchentlich bringt uns die Post ein kräftiges Lebenszeichen dieses Kampfes für eine Ueberzeugung. Und jetzt liegt das erste Exemplar des „Jüdischen Volkse kalenders" vor uns. Offen, mit anfgeschlagenem Bisir, treten die Kötner Gesinnungsgenossen vor die Welt hin. „Was wir wollen", das ist das erste Wort, das uns aus diesem Fehdebrief gegen äußeren Druck und inneren Jrrthum entgegentönt. „Was wir wollen", und die Antwort: „Klarheit und Wahrheit. Wir wollen die Vornrtheile, die gegen unsere junge Bewegung herrschen, beseitigen und Diejenigen, die belehrt sein wollen, belehren." Und was ist die Wahrheit und die Klarheit? Das sagt der erste Artikel. Er ist überschrieben: Der Zionismus". „D er Z i o n i s m ns erstrebt eine bau e r tt d e L ö s u n g der Judenfrage d u r ch die Gr ii n d u n g e i n e r Volks r e ch t l i ch gesichert e n Z u f l u ch t sst ä 1 t e für s o l ch e I n d e n, die i m Lande ihre r G e- Int rt nicht bleiben k ö n n e n oder wolle n. D e r Z i o n i s m n s e r st r e b 1 die R i't ck kehr eine s großen T h e i l e s v o n Inden zum A ck c r bau aus dem historisch g e w e i h t e n B o d e n Pal ü st i n a s. Der .3 tont s m u s e r st r e b t die Neubel e b u n g des jüdischen S e l b st b e w u ß t s e i n s, d i e H o ch h a lt u n g der j n d i s ch e n Ideale, die Pflege der j üd i s ch e n Literatur und der G e s ch i ch t e, die Erziehung der Jugend im Geiste des jüdischen Volkes! Alles in uns empört^ sich gegen die Stellung, die Staat und Gesellschaft uns anweisen. Und wenn die Neichen unter uns nur moralisch leiden, die sociale Lage der armen jüdischen Bevölkerung wird durch den schleichenden Antisemitsmus, dessen Lauf Niemand aufzuhalten vermag, geradezu verzweifelt. Hunderte von jüdischen Existenzen gehen jährlich zu Grunde und die Aussicht für die Zukunst gestaltet sich innrer trauriger. Was philosophirt ihr, ob die antisemitische Bewegung culturell und moralisch berechtigt ist? Nein, tausendmal nein! Sie ist nicht berechtigt, sie ist ein Hohn ans die Enltur, sie ist der Ruin jeder Moral, sie ist die Erzfeindin der Idee der Menschlichkeit! Aber — jtc i ft d a, s i e lebt, das ist eine traurige, bittere Thatsache, mit der wir einmal rechnen tnüssen. Ja, sie lebt, diese menschenfeindliche Bewegung, sie feiert jeden Tag ihre traurigen Triumphe, schaart die bösen Elemente um sich und schürt das Feuer der wilden Leidenschaften im Volke. Wir haben alle Sitten und Gebräuche der Völker, ohne sie aus ihren Werth zu prüfen, nachgeahmt, wir haben unsere eigenen Sitten verspottet, unsere eigene Enltur vernachlässigt. Was hat uns das genützt? Wir sind in den Augen der Völker Juden geblieben, d. h. nicht Be kenner des jüdischen Glauben, sonder tt S ö h tt e e i tt e s a n d e r e u 'S t a m nt e s. Wir haben uns tticht von der Genteinschaft der Völker losgesngt, sondern s i e haben uns nie als voll und ganz zu ihnen gehörig betrachtet. Aber wohin mit alt diesen jüdischen Proletariern, deren Elend himntelschreiend ist? Wo gibt es ein Land, das int Staude lväre, diese Armen in großen Massen aufzttuehutett mtd ihnen eine sichere Zukunft zu bieten? Wie soll diesen Leuten daiterud geholfen werden, daß sie wieder in Ruhe und Frieden arbeiten lernen, daß sie physisch und moralisch gesunden?".... „Was wir wollen", das ist der Kern des gattzen Büchleins. Alle übrigen Beiträge gruppiren sich wie Stützen, wie laut tönende Beweise nur diesen Kern. Was das Herz sagt, ntuß der Verstand begründen. Da kontmt die Statistik herbei mit ihren trockenen Zahlen und erzählt Thatsachen und Thalsachen in dürren ungeschminkten Worten, an denen sich nicht riitteln läßt. „Zur Statistik der Judett" lautet eilt Artikel und „Das Handwerk unter den Inden". Befähigungsnachweise des Zionismus für eine helle Zukunft, Befähigungsnachweise der Judett für einen misst chtssrohen Ziouisnttts. Und wieder Zahlen. Aber diesmal keine freudige Perspective in die Zukunft, sottdern ein schmerzlicher Blick in die Vergangenheit. „Geschichtstabelle." Ein trübes Wort, wenn es die Inden betrifft. Eine unheimlich klingende Kette: 27. April 1615 Die Inden ans Worms vertrieben. 13. Mai 1298 Die Inden in Nöttingen erschlagen. 14. „ 1096 Die Judett in Speyer von den Kreuzfahrern ermordet. 23. „ 1536 Die Inquisition in Portugal eingesührt. 29. „ 1> 96 Die Inden in Worms von beit Kreuzfahrern ermordet. 6. Juni 1391 4000 Juden in Sevilla erschlagen. 7. „ 1096 Die Mainzer Gemeittde von den Kreuzfahrern ermordet. Und so fort, und so fort. Das ist eine gewaltige Stütze für den Hauptkern. Denn die Kette hat noch kein Ende; sie ist etwas lockerer, sie schneidet weniger ins Fleisch, und das Nasjeln klingt etwas moderner, aber sie ist noch da, überall in alten Ländern. Vertrieben, eriitvrdet, erschlagen -- der Lebensinhalt der Vergangenheit. Doch wie ivir tu dem vortrefflichen Büchlein weilerbtättern, hellt sich unser Auge ans. Die Worte, die wir da vernehmen, klingelt wie Hammerschall, unter dein die Kettenringe zerspritlgen und zerbröckeln. Wir lesen von der Zionsorganisation. Dann ein Verzeichniß der zionistischen Schriften ttnd Zeitschriften.**) Das ist der Blick in die Gegenwart. Er sott die zerrissenen Gefühle, die jene nnheiinlichen Zahlen in uns hinlerließeu, wegwischen. Das ist ein Verzeichnis; gedruckter Proteste gegen ein regungsloses Leiden. Die Proteste sollen die Brücke bildert vom Leiden zur krustigen Thai. Auch von der Thal lesen wir schon. Sie ist da, an minature, zierliche wohllynende Schnitzarbeit: Ein Bericht über die „Eolonisation der Juden in Palä stina". Aus dent zierlichen Schnitzwerk tvill ein gewaltiges Niesenwerk entstehen. Figürchen und Figürchen, nebeneinander und übereinattder der gothische Niesenthurm ist ja auch so zusammengetragert. Wentt nur das Material gut ist. Und das sieht man schott an den Figürchen. In den Ernst dieses Büchleins ist manches heitere Körnchen ein gestreut. Der Ernst erntüdet. Vielleicht auch sind die Scherze mit be wußter, tieferer Absicht artgebracht. Der Ernst rvird durch den munteren Gegensatz rtoch ernster, uttd der dunkle Flor erscheint schwärzer, wenn er einen rveißert Saum hat. Unter die Scherze haben sich auch nnsreiwitlig zwei Narrten in Anführungszeichen verirrt. Jrt das Verzeichnis; der zionislischett Zeitschristeit haben sich nämlich durch irgend ein Versehen die „Oesterreichische Wochenschrift" mtd die „Jüdische Presse" eingeschlichen. Der dunkle Saunt ant lichten Flor der zionistischen Zeitschriften ist ein gelungener Scherz. Der Zufall hat wieder einmal seinen nrwüch sigen Humor bewiesen und dürste einen 8 19 rtach sich ziehen. Der belletristische Theil des Büchleins ist vortrefflich durch Prosabeiträge von I. Zangwill, B. Leiser tt. A. ausgesültt. Auch gute Verse sittd da. Der Kölner jüdische Bolkskalender hat unter den zionistischen Agitationsschriften eilte Büchlein anzuführen vergessen, das sich mit gutem Nechte den bestett Agitalionsmilteln an die Seite stellen fennt ttnd gewiß viele werthvolle Anhänger der guten Sache zuführen wird - er hat den Kölner „Jüdischen Volkskalender" anzuführen vergessen. **) Leider vermissen wir die Anführung der vortrefflichen Schrift: „Die nationale Wiedergeburt der Inden" von Jaffa. *) Druck und Verlag von S t e l t e r & Eo. in Köln.

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