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Die Welt · 1897-08-20 · 12 (20.8.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
12 (20.8.1897)
Article
Künstlerthum
Date
1897-08-20
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14. MAE Ar. 12. bildet, ungedichtet, unvertont in der Stille seines Busens vergraben. Ja, auch die sogenannten unproductiven künstlerischen Staturen sind Künstler. Das Schaffen, das thätige Können ist nur die Verwirklichung des ahnenden Könnens und folgt mit Nothwendigkeit aus diesem. Wenn es trotzdem so oft schweigt, so weist das nur daraus hin, daß äußere Momente das ahnende Können hindern, sich in schaffendes Können umzusetzcn. Man denke nur an geborene Künstler, die durch einen unglücklichen Zufall gerade jene Gliedmaßen oder Sinne eingebüßt haben, die zur Production nothwendig sind. Aber man braucht gar nicht so mechanische Hindernisse anznnehmen. Es gibt auch Hindernisse anderer, feinerer Art, unter welchen vielleicht das wichtigste das des störenden Milieus ist Wenn etwa ein Mensch mit angeborenem dichterischen Ahnungsvermögen in einem Volke groß geworden ist, das seit Jahrtausenden zu grübelnder, statt zu ahnungsweiser Geistesthäiigkeit gezüchtet worden ist, — wie ungeheuer groß muß sein Ahnungsvermögen sein, damit es trotz des rationalistischen Gegengewichtes zur Bethätigung komme. Einer, der sonst Goethe werden könnte, wird dann Heine, und wer ein guter Dichter zweiten Ranges werden könnte, wird einer dritten Ranges oder gar — eine unproduktive künstlerische Natur, d. h. ein glänzender Feuilletonist oder ein phantasiereicher Artikelschreiber. Andere verlieren selbst das Ahnungsvermögen. Das ist das normale Judenkünstlerschicksal. Daß dasselbe aber nicht in der Race gelegen sein kann, beweisen ja schon die Glücklichsten unter diesen Unseligen, Diejenigen, die sich trotz Allem und Allem zu einer gewissen Schaffenshöhe, manchmal auch zur Classicität und Größe, wie Heine, emporschwingen. Doch es gibt noch einen besseren Beweis: die Vergangenheit. Hatten etwa die Juden des Alterthums keine Künstler, keine reinen Künstler, keine großen Künstler? Verbissene Antisemiten werden wohl auch das behaupten wollen. Sie werden dies, nanientlich gestützt auf das landläufige Schema der Künste thun, nach welchem es nur bildende Kunst, Poesie und Musik gibt. Da werden sie dann zunächst aus die allerdings notorische Thatsache Hinweisen, daß die Malerei, die Plastik und Sculptur der Juden des Alterthums gleich Null waren; ferner auf das Fehlen der Dramatik in der Poesie; und schließlich werden sie bei dem Mangel genauer Angaben über die althebräische Musik bezüglich dieser leicht ungünstige Hypothesen aufstellen können. Nun, ist aber der diesen Beweis ermöglichende Kunstschematismlls überhaupt eine arge Versündigung gegen den Begriff der Kunst. Hält man fest, daß Kunst das Weltahnenkönnen höchstens zum Weltschaffenkönnen gesteigert ist, dann ist nicht einznsehen, warum sich der Künstler nur als Dichter, Bildner und Componist sollte bethätigen können? Die übliche Eintheilung ist nicht viel mehr als ein bequemer Schimmel. Es gibt Gelehrte, die das Endziel ihrer Forschungen am Anfänge vorausahnen, es gibt Staatsmänner, die das Stück Geschichte, das sie machen, zum Beginn ihrer Laufbahn seherischen Auges überschauen, es gibt Redner, die das Volk, zu dem sie sprechen, mit dem Jnstincte erfassen. Das sind alle Künstler, daß aber nicht alle Gelehrte, Staatsmänner und Redner Künstler sind — mein Gott, es gibt ja auch neben Malern, Dichtern und Musikern einfache Bauzeichner, Schriftsteller und Musikverständige. Was aber selbst für die heutige Zeit und die europäische Civilisation gilt, muß in weit erhöhtem Maße von vergangenen Zeiten und gänzlich anders gearteten Culturen gelten. Wer das zugibt, wird kein Bedenken tragen, die Propheten der alten Hebräer — eine in der Cnlturgeschichte aller Völker einzig dastehende Erscheinung — als Künstler sui generis zu erklären. Nicht das dichterische Element in ihnen, sondern ihre merkwürdige, ahnende Durchdringung der socialsittlichen Seite des Menschenlebens und geschichtlichen Geschehens ist ihre Kunst. Sie sind Ethoskünstler, Priesterkünstler und die Entstehung und Blüthe ihrer Species ist auf denselben Grund zurückzuführen, wie der Mangel der bildenden Künste und der dramatischen Dichtkunst auf den besonders geistlichen Zug im Wesen des jüdischen Volkes. Hätte nun das jtidische Alterthum wirklich nicht die gewaltigen Epiker und ergreifenden Lyriker und vermuthlich auch die genialen Componisten hervorgerufen — die es hervorgerufen hat — die Prophetenschaar allein würde genügen, uni den künstlerischen Ruf Alt-Israels und somit des jüdischen Stammes als solchen zu retten. Somit beweist auch die Vergangenheit, daß der künstlerische Rückgang unseres Volkes — soweit ein solcher stattgefunden hat — nicht in der Rasse seine Ursache haben kann. Er muß vielmehr Schuld des Milieus sein, in welchein die Juden seit zwei Jahrtausenden leben — des Exils, das ihnen das Ahnenkönnen gewidmet und das Schaffenkönnen verstümmelt und geraubt hat. Denn Ahnen und ahnendes Schaffen gedeihen nur dort, wo der Mensch in inniger Verbindung mit der Natur bleibt, nicht dort, wo er sich ein naturfremdes Gedankenünd Gefühldasein eingerichtet hat. Land ist es, das uns fehlt. Auch zur Prophetie, die des Zusammenhangs mit der Erde ebenso bedarf, wie ihre ästhetischen Schwesterkünste. Weil wir kein Land haben, werden uns selten Künstler geboren und die geboren werden, verfallen so oft dem fürchterlichen Schicksale, daß die großen Ahnungen ihrer Seelen stumm in ihnen vergähren. Land! rufen nicht bloß unsere hungrigen Massen. Land! rufen auch unsere großen, kunstsehnsüchtigen Persönlichkeiten. Land! Dann soll die staunende Welt eine Kunstentfaltung sehen, daß alle die böswilligen Verkleinerer unseres Volkes zu Schanden werden. Vielleicht wird sich dann wieder unsere ureigenste Kunstart, die Ethoskunst, neu beleben, eine junge, moderne Prophetie erstehen. Jedenfalls aber werden wir in unserer jüdisch-europäischen Civilisation große, ganze Meisterer der Steine, Formen, Farben und Töne Hervorbringen, die ihren Mitkünstlern anderer Nationalität nicht nachstehen werden. Land für die jüdische Kunst! 13 rtc£> er*rr> dt. Collection Courtellemont artistiqne et pittoresque Jerusalem- Damas par Ch. L’Allemand. Paris, Ancienne Maison Quantin. Ich trete in eine Pariser Buchhandlung, mit ein Nnch zu kaufen. Während es mir herausgesucht wird, stöbere ich nach Pariser Art unter den Neuerscheinungen herum, und da fällt mir ein Prachtwerk auf durch seinen Titel: ^Jerusalem-Damascus". Vom berühmten Verlagshause Quantin herausgegeben, ist seine Ausstattung eine dementsprechende, prachtvolle. Ich erfreue mich au den zahlreichen und interessanten Illustrationen, da fällt mein Blick auf folgende Stellen, die ich vorläufig in wörtlicher llebersetmug hier wiedergebe, mir vorbehaltend, auf das Buch eingehend zurückzukommen: .„Die Inden kehren in immer größerer Zähl nach Jerusalem zurück, hauptsächlich sind es die Verbannten und Verjagten aus den europäischen Staaten. Während sie anderswo die Hiebe noch ohne Seufzer hinuehmen, ist hier um den Berg Zion schon ein kleines Völkchen aufgehäuft. Von Schmerz erfiillt, ihre lleberrcfte in Josaphat begraben zu sehen, lassen die Juden im größten Elend ihren Kindern das mysteriöse Buch, die Bibel, lesen, welche diese wieder ihren Kindern zu lesen geben werden. So vereinigt die Tradition die auf der ganzen Erde zerstreuten Juden zu eine m Volke. Noch Fremdlinge in ihrem eigenen Lande, dessen legitime Herren sie einst waren, sollten sie nicht einmal wieder dort zu Hanse sein? Warum sollte an den Ueberresten des einstigen Vaterlandes nicht die neue Wiege dieses Volkes stehen, welches den größten Völkern dieser Erde voranging und doch noch besteht, während Perser, Griechen und Römer verschwunden sindV Diese wunderbare Widerstandskraft, diese unerhörte Lebenskraft für Denjenigen, der die Geschichte studirt ohne Voreingenommenheit gegen irgend eine Race oder Religion studirt! Warum sollen die Hebräer von heute nicht zur Hauptstadt die Stadt haben, die es zu Zeiten König Salomos war, unter der Bedingung natürlich, daß sie den Christen und Muselmannen ihre heiligen Stätten lassen? Sind die Veränderungen der Erdkarte so unerhört, daß nicht auch dieses Problem lösbar wäre? Wenn ich die schönen Stellen der bewunderungswürdigen Geschichte der Makkabäer Nachlese, dieser Urväter jeglichen Patriotismus', dieser Helden, welche eine dunkle Partie der Geschichte erleuchten, so glaube ich immer, daß Alle, die ihr Vaterland lieben, welches dieses auch sei — daß alle Patrioten allerLänder es als ihre Pflicht erachten sollten, z u w i r k e n für die R ii cke r st a t t u u g des Landes, in welchem die M a k k a-

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