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Die Welt · 1897-08-20 · 12 (20.8.1897) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
12 (20.8.1897)
Article
New-York [Nachricht]
Date
1897-08-20
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12. Nr. 12. Amerika. NeW-U^kk. iLrig.-Corr.) Das Ereigniß der Woche bildet der Vortrag des Herrn Michael Singer, der vor einem großen und gewählten Pnbliemn das Thema: „W a s wir Juden wolle n" behandelt. Unter dem Einflüsse seines Bortrages hat sich sofort unter dem Namm „New-A orker Zi on sfreunde" ein neuer Verein gegriindet. Nicht wenig Aufsehen erregte in der hiesigen Presse ein von der aus den Delegirten sämnulicher Zionsvereine gebildeten Execrttive letzten Montag erhobener Beschluß, wonach am 29. August, also cmt Eröffnungstage des Eongresses in Basel, unter Zuziehung sämmtlicher Zionsvereine der Bereinigten Staaten eine imposante Festlichkeit'veranstaltet werden wird. Das Fest wird in zwei Theile zerfallen. Eröffnet wird es mit einer großen Massenversammlung, bei welcher auch nichtjüdische Autoritäten als Redner fungiren werden. Den Abschluß wird ein Bankett bilden, zu welchem auch amerkanische Staatsmänner geladen »verden. Das Fest verspricht ein großartiges zu werden und sollen Sie über jede Phase ausführlichen Bericht erhallen. Zum Festpräsidenten ist Herr Michael Singer einstimmig gewählt worden. Die „Chowewe Zion" von Brooklyn hat unter Leitung der Herren I. Rappaport, Roth, Waizner und Maniloff in den letzten Wochen Ancrkennenswerthes geleistet. Die Herren veranstalten Woche für Woche Massenversammlungen und gewinnen mit jedem Tage neue Anhänger. Der Zionsgedanke scheint hier überhaupt alle Wett zu erfassen und haben sich auch schon christliche Seelsorger wohlwollend mit der Frage befaßt. — . Unsere reichen Juden fiitb allerdings noch immer zugeknöpft, konrmt aber Zeit, wird auch Rath kommen und schon hat es den Anschein, als wollten Manche aus dem feindlichen Lager zu uns herüberkriechen. Palästina. Jaffa. (Orig.-Corr.) In den judäischen Colonieen hat vor zehn Tagen die Weinlese und damit auch ein ungeheuer rühriges Leben begonnen, das sich in vollstem Maße am Keller in Riaebüu 1' ziön concentrirt. Hier kommen Wagen und Kameele her mit den Trauben von allen Colonieen und allnächtlich werden an dieKelterei bis zu 160,000Kilo Trauben abgeliefert und gekeltert. Die Colonisten von Kairo, Rehobhöth, Wädi-el-Hanin und Pethach-Tliikwäli bringen auf Kameelen die großen Körbe mit Trauben nach Riscilön, wo sie auf Wagen geladen und so gewogen und abgeliefert werden. In diesem Jahre wurden die Preise für die Trauben, über die berechtige Klage erhoben worden war, auf Anweisung des Baron Rothschild erhöht, und zwar werden gezahlt für den Kantar Trauben: Bordeaux-Semillon 50 Frcs., vor 3 Jahren 25 Frcs., 1896 40 Frcs. Gewöhnliche Semillon und andere weiße Sorten 20 Frcs., 1892 28 Frcs, 1896 20 Frcs. Alicante 35 Frcs., ursprünglich 35 Frcs., seit 1892 25 Frcs., 1896 25 Frcs. Ein kleiner Theil, der länger auf dem Stock blieb, 30 Frcs. Cabernais-Sevignon 70 Frcs. Malbec 60 Frcs., 1896 50 Frcs. Schwarze Sorten (Carignan) 25 Frcs., ursprünglich 35 Frcs., 1896 25 Frcs. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß, der Kantar zu 300 Kilo,- nicht wie sonst zu 287 Kilo gerechnet wird. Außerdem muß man bedenken, daß von den Sorten, deren Preis in diesem Jahre erhöht wurde, nur verhältnißmäßig wenig in die Colonieen gebracht wird, dagegen umso mehr Carignan und andere schwarze Sorten, für die man ursprünglich 36 Frcs. zahlte, während dafür heute nur 25 Frcs. gegeben werden. Wir hoffen, daß man ein Mittel findet, um die eingetretene Preiserhöhung den Colonisten noch mehr zu Gute kommen zu lassen. Auch in der Zeit der Weinlese, wo sich die ganze Arbeit der Colonisation gewissermasfen cumulirt, unterbricht man nicht die Thätigkeit für die jüdische Palästinaausstellung in Hamburg. Es ist das besondere Verdienst der beiden Brüder A. und D. B r il in Ekrön und Riscliön 1’Zion, die auch die zur Ausstellung gesandten Bäume präparirt haben und die jetzt mit unermüdlichem und rastlosem Eifer immer Neues zur Ausstellung senden. Der letzten Sendung konnten wir auch die Ernteproducte von der neuen Colonie Beer-Tobiäh beilegen. 3 c t tfcB r tftcn-Hurt 6 fcb ait. - - „Tlie Jewisla Exponent“ in Philadelphia, ein nichtzionistisches Blatt, begrüßt in einem warmen Artikel das Erscheinen unserer Zeitschrift. Dabei behandelt er die „Erklärung" der deutschen Rabbiner mit so köstlichem Humor, daß wir es uns nicht versagen können, der: bezüglichen Theil des Artikels unseren Lesen: nritzuthcilen: „Rev.Dr. S. Maybamn und Rev. Dr. Vogelstein von Stettin haben ihre Stimme gegen den Zionismus im Allgemeinen und „Die Welt" insbesondere erhoben. Unter dem Eindrücke dieser Warnung habe ich dieses neue Blatt mit großem Interesse gelesen. Nachdem ich nun drei Nummern gesehen habe, kann ich auf Gewissen erklären, daß ich darin weder Dynamit, noch sonstige Explosivstoffe, weder gefährliche noch wahnwitzige Artikel gestruden habe, die geeignet wären, irgendwie die Position der Juden oder deren Loyalitätsgefühle zu erschüttern. Nein! der Befehl des Propheten „fördert das Wohl des Landes, indem Ihr Euch befindet", ist ihm ebenso theuer, wie seinem Urheber Jeremias. Aber ich finde in der „Wett" einen Freimuth der Sprache und der Gedanken zum Zwecke der Wiedererweckung Israels aus seiner Lethargie, eine Mission, die Dr. Maybanm und seine College:: von der Kanzel während der letzten Hälfte dieses Jahrhunderts zu erfüllen unterlassen haben'" Nach vielfachen Complimenten an die Adresse unseres „vietgefürchteten neuen Blattes" schließt der Artikel: „Ich kann daher der „Wett" prophezeihen, daß sie nichtsdestoweniger alle diese Stürme überdauern wird, denn sie ist bestimmt auf Juden und Jndenthum einen großen Einfluß auszuüben." Im Uebrigen steht das Blatt in sehr guten Beziehungen zu den amerikanischen Reformrabbinern. Und doch! ... — Die „Patt Matt Gazette" bringt in ihrer Nummer vom 10. d. M. einen weiteren ausführlicheren Artikel zur Geschichte der zionistischen Bewegung und Literatur. — Im „Nineteenth Century“ veröffentlicht Dr. Emil Reich einen großen Aufsatz über den „Zionismus". Er unterscheidet einen dreifachen Zionismus: einen politischen, religiösen und einen handeltreibenden (!) Was er unter dem letzteren versteht, erklärt er nicht und derselbe entfällt daher ans der Discussion. Die religiösen Zionisten nennt er die „Praktischen", die „1over8 ok Zion“, die Palästina nur colonisiren, indem sie kann: einige Leute hinsenden, die politischen Zionisten hingegen, -die einen Judenstaat gründen wollen. Jene „lispeln pianissimo", diese „schreien fortissimo"; „jene wollen nicht Alles sagen, was sie thun und diese sagen, was sie auch nicht zu thun gedenken". Diese letzteren haben einen Congreß berufen, über „eine Frage, die nicht nur die Juden und die Antisemiten, sondern auch ganz Europa interessirt. Der Exodus von 5 Millionen, welche einen wichtigen Factor in: geistigen und wirthschaftlichen, wenn nicht auch im nationalen Leben Europa's bilden, ist ein wichtiges Problem für die Staatsverwaltung und Bolkswirthschaft." ' „Um die Chancen dieses Unternehmen zu prüfen" untersucht der Verfasser die Vergangenheit und besonders die Messias-Idee des Judenthmns seit der Zerstörung des zweiten Tempels unter Titus. Er bespricht die Begeisterung des jüdischen Volkes für den Pseudo-Messias 'Sabbatai-Zvi, um sodann uachzuweisen, daß es auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein Interesse für einen Judenstaat ohne religiöse Begeisterung nicht geben könne. Aber da nach ihn: Religion und Nationalität bei den Juden unlösbar verbunden sind, so vermißt er wieder bei den „relgiösen" Zionisten, die nationale Idee. „Der Zionismus ist die Antwort der alten Nationalität auf die Herausforderung der neuen". Darum sei die Protesterklärung der Rabbiner widerspruchsvoll und ohne Werth. Denn man könne nicht einem Judenstaat entgegentreten unter Berufung auf n:essianische Verheißungen, die ja doch einen Judenstaat zum Ziele haben. „Ein Moses ist nothwendig, ein Mann voll göttlicher Inspiration und rnit Energie gepaarten religiösen Eifers. Die Religion ist nicht blos ein mittelalterliches Phänomen, sondern ein uothwendiger Factor des nationalen Lebens, und bei den Juden der Factor aller Factoren". Der Verfasser selbst steht jedoch dem Zionismus persönlich gteichgiltig gegenüber. Er hat in seinem homöopathischen Kasten noch ein Mittelchen, das eine radicale Cur überflüssig macht. Das Mittel ist alt, ihm scheint es aber wahrscheinlich noch nicht genug erprobt zu sein. „Die Lection ist einfach; sie heißt: Kampf. Darunter muß nicht gerade Blutvergießen verstanden sein." Die Juden sollen kämpfen, sie sollen sich Herrunschlagen. „Das ist, was die Juden thun sollten, was sie bisher nicht gethan haben, speciell auf dem Continent und diese erbärmliche Feigheit (!) hat ihnen die Verachtung der Welt zugezogen. Es giebt unreine Alternative: Entweder man bleibt der verachtete, orthodoxe Jude, oder man erwirbt sich die sociale Anerkennung als echter Bürger durch den Kampf. Dann wird der Zionismus verwirklicht werden, und zwar hier in Europa". Das ist immerhin eine neue Wendung. — Tie Berliner „Praktischen" versuchten ihre Bedenken gegen den Congreß auch nach Rußland zu tragen. Ihr hebräischer Dolmetsch ist Herr Dr. Holzmann (Berlin), der neulich in: „Hameliz" die Panik in: Lager des „Esra" schilderte, als einige „Persönlichkeiten" der praktischen Colonisation ihre Freundschaft und ihren Schutz zu kündigen drohten. Nun gibt es Zionisten, z. B. in Rußland, die sich rühmen können, für die praktische Colonisation auch etwas — und vielleicht mehr als die Berliner — gethan zu haben und die sich dennoch nicht zu dem kleinlichen Standpunkt jener furchtsan:en Berliner herablassen wollen, die lieber den Congreß als Einen Bankier aufgeben. Sv lesen wir in: „Hameliz" von: 25. Juli eine Erwiderung auf Dr. Holzmann's Befürchtungen, von Seite eines Pseudonyn:us, der nach unserem Wissen in esigster Beziehung zu den maßgebendsten Colonisationsfreunden Rußlands steht und gewiß auch in deren Sinne schreibt: „Ich bin auch dagegen, — heißt es — daß auf dem Congresse über sofortige Gründung eine Judenstaates verhandelt werde, aber a::s ganz anderen Gründen, wie die Freunde des Dr. Holzmann. Ich bin nicht Gegner des Juden-

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