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Die Welt · 1897-08-20 · 12 (20.8.1897) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
12 (20.8.1897)
Article
Triest [Nachricht] / E. P.
Date
1897-08-20
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12. Seile 11. mit ihrer Stellung im öffentlichen und politischen Leben wohl vertraut sein. In Triest bekämpfen sich mit nicht gewöhnlichem Eifer zwei Parteien, zwei Nationalitäten: die sogenannte Progressivgegen die regierungsfreundliche Partei, Italiener gegen Sloveuen. Die Juden, die meistens jenem Mittelstände angehören, der sich in der glücklichen Aera des Freihafens bereicherte, haben sich, wie es leicht einzusehen ist, der italienisch-liberalen Partei angeschlossen, ihr ungemein wichtige Dienste geleistet, uneigennützige Beweise ihrer Anhänglichkeit gegeben und sind als Vertheidiger und Vertreter des italienischen Elementes hervorgetreten. Hätten es die Statuten erlaubt, so wäre ein Jude jetzt wahrscheinlich Pödesta des wichtigen Handels-Emporiums Oesterreichs. In dem politischen Kampfe, wo es galt, die italienische Idee den Maßregeln der Regierung und den übermäßigen Forderungen der slvvenischen Bevölkerung gegenüber zu vertheidigen, haben die Italiener „mosaischen Glaubens" das Möglichste aufgeboten, um ihrer Partei den Sieg zu verschaffen und dabei die jüdischen Interessen völlig außer Acht gelassen. Folgendes Beispiel sott das beleuchten: Als anläßlich der letzten politischen Wahlen der frühere Abgeordnete, Herr Raffaele Luzzatto, einer der hervorragendsten Männer ans der jüdischen Elite, neuerdings als Candidat von der regierungsfreundlichen Partei aufgestellt wurde, hatte er es nur seinen Glaubensgenossen zu verdanken, wenn er dem Gegeneandidat der nationalen Partei unterliegen uuchte. Und doch hatte Herr R. Luzzatto vor nicht langer Zeit int Reichsrathe die Negierung des Herrn Badeni wegen ihres Liebängelns mit dpn Antisemiten angegriffen. Es steht ja eine große Umwälzung in bcn Partei« bevor und die Symptome sind schon deutlich wahrzuuehnren. Das passive, fahrlässige Verhalten der liberalen Gemeindevertretung, in der mehrere Juden sitzen, gegenüber den zahlreichen Strikes, die unlängst unter der Arbeiterschaft ausgebrochen sind, hat die Reihen der Soeinldemokratie ungenunn gestärkt und gezeigt, wie für die national-liberale Partei in nicht ferner Zukunft die letzte Stunde schlagen dürfte. Doch ein anderer noch weit gefährlicherer Feind steht vor ben Thoren: die clerieale Neaction — mau will den Teufel nicht beim rechten Namen nennen, in Wien heißt er Antisemitismus - und er hat schon, mit weißen Nelken geschmückt, auf denr St. Justushügel, der Akropolis von Triest, seinen Einzug gefeiert. Es zeigen sich schon schwarze Punkte am hiesigen Horizonte und es steht zu befürchten, daß diese nach und nach sich vergrößern und zu einem Sturme heranwachsen werden, durch den die noch leidliche Stellung der hiesigen Judenschast in ihren Grundfesten erschiittert werden wird. Erst dann werden die italienisch-nationalen Juden sich mit ein Rettuugsbrett uulschanen und es nur im Zionisums finden können. Die Gewinnung der Triestiner Judenschaft für die jüdisch-nationale Idee tvird einer der glänzendsten und bedeutendsten Siege der zionistischen Propaganda sein. Denn durch Triest werden wahrscheinlich die Schaaren der galizischen Auswanderer den Weg zmn Lande ihrer Väter suchen, von Triest aus tverden sie vom Lande ihrer Knechtschaft den letzten Abschied nehmetl. G. P. Budapest. (Orig.-Corr.) In Ungarn ist die Judenfrage aufgetaucht. Die jüdischen galizischen Auswanderer haben sie eingeschleppt. Das Elend treibt diese Unglücklichen, denen in Galizien int Kampf um's Dasein um: der Hunger als Erbe zrtfiel, aus der Heimat mib sie ergießen sich in das benachbarte Ungarn. Tie Magyaren beginnen sich zu tvehren — Nichtjuden und Juden. Dett Inden in den Palästen tvird bange. Denn der jüdische Lumpenproletarier mit den unverschuldeten Gebrechen, die ein Symptoiu der krassen Noth sind, bringt ein Uebel mit, das sich Antisemitismus nennt. Und die wohlhabenden Juden wissen, daß dieses generalisirende Uebel unerbittlich von der schmutzstarrenden Hütte der Arniuth gegen die glänzenden Paläste hinanschleicht - wenn nur in den Palästen Juden wohnen. Juden und Nichtjnden, eine grausame Front gegen den einwandernden Hunger. Der galizische Jude findet überall verschüttete Erwerbsquellen und abgesperrte Existenzwege. Mit unbarntherziger Strenge entzieht man den jüdischen Haitsirern in der Hauptstadt das Brot und die einzige Gegenwehr dieser Bedauernswertyen ist ein hofstmngsloses Protestiren und Demonstriren auf der Gasse vor verschlossenen Fenstern und verschlossenen Herzen. Dann greift der Verzweifelte wieder zmn Wanderstabe und wendet sich hin, wo ein Lichtstrahl ihn lockt, und dann gibt es lvieder enttäuschte Hoffnmtgen und ungestillten Hunger. Nachdem der „Pester Lloyd" für die um ihre Existenz gebrachten Hausirer das Wort ergriffen hat, bringt nun der „Mngyarorßag" einen Artikel, der die strengen Maßnahmen gegen die jüdischen Einwanderer entschuldigen soll. Da heißt es: „Man hat ihnen schon vor zwei Jahren zu wissen gegeben, daß sie in Budapest die Hausirbewilligung bekommen können, wenn sie sich das Biirgerrecht erwerben. Aber diese Heimatlosen versäumten es, dies zu thun. Jetzt wissen sie nicht, was sie mit sich und ihren Familien anfangen sollen. Sie selbst sind die Ursache dieses Uebels. Man kann sie bedauern, tnutz aber anerkennen, daß es bereits nothwendig ist, strenge gegen die Invasion der Heimatstosen aufzutreten, seien diese galizische Juden oder italienische oder czechische Arbeiter. Was bedeutet es denn, daß in Ungarn die Auswanderung nnnnterbrochen audauert und unausgesetzt frentde Elemente hereinströmen? Die Einwanderungen machen die Auswanderung. Die Ureinwohner werden von den Heimatlosen abgelöst, aber der Tausch ist ein sehr schlechter. Der allergrößte Theil der Ankörumlinge sind weder Ackerbautreibende, noch Gewerbetreibende. An Arbeit sind sie überhaupt nicht gewöhnt. Das Elend treibt sie und nach denr Gliicke jagen sie blind, mit allen Mitteln, seien es anständige oder nicht. Sie sind bereit, mit der Ruini rung Anderer ihr bitteres Los zu lindern. Mau bemäntle die Gefahr der galizischen Einwanderung weder mit dem Hmnanismns, noch mit dem Liberalismus. Das ist eine volkswirthschastliche Sache, nichts Anderes. Die liberalst denkenden Geister, wie Daniel Jrauyi, nrgirten schon lange und oftmals, daß die Einwanderung beschränkt und sie selbst mit Hilfe stärkerer Maßregeln hiutangehalten werde." England. London. (Orig.-Corr.) Das Interesse und die Begeisterung für den Zionismus ist in stetem Zunehmen begriffen. Die neueste Phase in der Bewegung ist die Stellungnahme der Arbeitergenossenschaften zu Gunsten unserer Idee. Die Berliner Rabbinerkundgebung hat ihren Eindruck auf die Londoner „Chowewi Zion“ nicht verfehlt. Sie erregte allgemeinen Unwillen. 2ieLeedser Zionistengruppe hat denn auch ihren Unwillen über die Rabbinertaktik und der Freude über das Stattsinden des Congresses öffentlich Ausdruck verliehen. Diesen Standpunkt gedenken die „Chowewi Zion“ aus dem Congresse energisch zu vertreten. Gerade der Umstand, daß die Ohowewi Zion sich in eine Linie mit der gewissen Gattung deutscher Rabbiner gerückt sahen, hat zur Aufklärung der Mißverständnisse Anlaß gegeben. Am nächsten Sonntag Abend wird in Liverpool eine Massenversammlung stattfinde», die dem Congresse die Spmpathie der ,.Ohowewi Zion“ aussprcchen will. Zum Delegirten für den Baseler Congreß wurde in Manchester Herr Massel gewählt. Es werden jedoch außer den officiellen Delegirten noch drei nicht ossiclle Mitglieder an dem Congresse theilnehmen. Die Massen sehen, wie auch die Pall-nml-Gazette vom Dienstag meldet, dem Congresse mit Begeisterung entgegen. London. (Orig.-Corr.) Mr H. Guedalla beklagt sich in einer Zuschrift an der „.Tewish Chronicle“ über die „Undankbarkeit" der Zionisten. Sie behandeln ihre Idee als etwas Neues und ihre Pionire ignoriren sie, wie wenn sie nie da wären. Von sich selbst erzählt er, daß er in den Jahren 1876—1877 Obmann des Comitss der türkischen bonholclers war, daß er 250 Millionen Sterling investirt hat und für die unbezahlten Coupons wenigstens Ländereien in Palästina erhalten wollte. Das gelang damals nicht. Daraus zieht Herr Guedalla den Schlich, daß die Pläne der Zionisten nur spanische Schlösser sind. Allein das Fiasco der bonholders ist doch für uns wirklich nicht maßgebend. Der Zionismus ist keine Geschästsnnternehmung, sondern eine Volksbewegung. Was man einigen Finanzleuten verweigert, muß man darum einem ganzen Volke noch nicht vorenthalten.

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