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Die Welt · 1897-08-20 · 12 (20.8.1897) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
12 (20.8.1897)
Article
Wien [Nachricht]
Date
1897-08-20
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. Nr. 12. wie eine böse Krankheit. Christlich-sociale Arbeiterorganisationen sind sein Ideal. Tort saugt er mit Wohlbehagen die stupende, nationalökonomische Weisheit der antisemitischen Abgeordneten ein, schreit „Hoch Lueger" und „Glieder mit den Juden" und verbessert auf diese Weise seine sociale Lage, wie der nachfolgende Bericht illustrirt: In Tremmel's Gasthaus, 8. Bcz., Langegasse, fand gestern Abends eine Versanunlung des christlich-socialen Arbeitervereines statt, mit der die Gründung einer neuen Zahlstelle verbunden war. Sie wies einen sehr zahlreichen Besuch ans; auch war Reichsrathsabgeordneter Axmann erschienen. Ter Vorsitzende, Herr Jung, ervffnete die Versammlung mit einer beifällig aufgenommenen Ansprache, worauf er das Wort demObinanne der Krankeneasse der Gastwirthegehilfen, Hern: Preyer, ertheilte. Derselbe entwarf ein anschauliches Bild des Wirkens der socialdemokratischen Partei, die sich bereits nach und nach in eine Judenschutztruppe verwandle und das Recht verloren habe, sich eine anticapitalistische Partei zu nennen. Er kennzeichnete die Wünsche der jüdischen Socialdemokratie tiach denr „Umstürze", um dann Republiken zu schaffen und dann in denselben ungehindert rauben und stehlen ztl können. Der Redner schloß mit der Aufforderung an die arbeitenden Kreise, zum eigenen Wöhle sich zu organisireu und den christlichen Vereinen anzuschließen. (Lebhafter Beifall.) Biclitz. (Orig.-Corr.) Ein neuer Fortschritt! In Bielitz, der bekannten Assimilantenstadt, in welcher Dank der Empsindimgslvsigkeit unserer hiesigen Glaubensgenossen das Verhältnis zwischen Jud und Nichtjude in Hinsicht auf den Schuh des Deutschthums und des Geldsackes zwei Berührungspunkte findet, in dieser selben Stadt hat sich eine akademische Ferialverbindlmg mit zionistischer Tendenz gegründet: Die „Emunah". Der Name der Verbindung ist ihr Progra. m: Die Wahrheit zu verbreiten ist ihre ernstgemeinte Aufgabe, gewissen „führenden" Geistern der Gemeinde zum Trotze. Nachdem der in: vorigen Jahre von einigen jüdischen Hochschülern veranstaltete Cornmers den Erfolg gehabt hatte, daß die hiesigen Juden überhaupt erst zum Bewußtsein der zweifelhaften Rolle, die sie in der nichtjüdischen Gesellschaft spielen, gekounnen waren, vollführte der an: 11. August abgehaltene Eröffnungscommers der „Emunah" den ersten Allsturm auf die chinesische Mauer der Vorurtheile und der Indolenz,mit der sich die hiesige Judenschaft zllnl Schutze vor der zionistischen Bewegung uulgeben hat. Der große Saal des Hotels „Kaiserhof" war von einem il)( köpfigen Publikum bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Konnte man auch aus den oben angeführten Gründen nur wenige ofsicielle Vertreter der Gemeinde begrüßen, so hatten sich urnso zahlreicher die jüngere Intelligenz und der kaußnännische Mittelstand eingefunden. Vertreten waren: Die akademische Verbindung „Jvria" durch die Mehrzahl ihrer activen Mitglieder, die jüdisch-akademische L es e h a 1 l e bitrct) ihren Präses Herrn ing. Le r n e r, die Brunner „Veritas" und „Zephira", der „Verband j ü d i s ch er Ho ch s ch ü l e r in O l ni ü tz", schließlich derber Verein „Jschub Erez Israel" in Kolornea. Unter ben zahlreich eingelaufenen Begrüßilngstelegrannnen sind besonders hervorzuheben: Das von Dr. Th. Herzl, Rab. Dr. Glaser, Director Blüh, Dr. Birnbaum, ferner die von sämmtlichen jüdischen Studentenvereinen u. a. Den Vorsitz führte der Präses der „Emunah", Herr weck. Max Hoeniger, die Festrede sprach ihr Zweitchargirter, Herr ing. Philipp Singer, die Tendenzrede hielt Herr Dr. Karl Koh n von der „Jvria", der in seinen von eminelllem Rednertalente und tiefer Sachlichkeit zeugenden Ausführungen die Nothwendigkeit eines wirthschaftlichen Zionismus beleuchtete. Herr Br aff feierte in schwungvollen Worten die Verdienste unserer Führer. Herr jur. Dörfler (Emunah) toastirte auf die Gäste, die nun Gelegenheit nahmen, auf die Anregung des Vorsitzenden hin ihrer Sympathie für den Baseler Congreß spontanen Ausdruck zu geben. Nachdem noch Herr ing. Lerner das Verhältnis de-r Juden zu den bestehenden politischen Parteien auseinandergesetzt hatte, schloß der Abend, der einen ungemein wichtigen Fortschritt des Zionismus in Schlesien bedeutet. Olmütz. (Orig.-Corr.) Der 4. August d. I. war für die zionistische Propaganda ein Tag voll weitgehendster Bedeutung. In Olmütz, der blühendsten Judengemeinde in Mähren, hat der Zionismus einen Erfolg errungen, der wohl für die Zionsidee ungemein wichtig werden dürfte. Schon seit längerer Zeit war durch die studirende Jugend der zionistische Gedanke in Olmütz bekannt gemacht worden; unter, der Bürgerschaft fnlld der Zionismus lebhaften Anklang, lnan billigte die Idee und ihre Motive, aber doch schloß man sich der Bewegung nicht an, es schreckte das Anfangsbedenken Aller, der Zionismus sei Utopie. Um nun über diesen Punkt Klarheit zu verschaffen, hatte, der Ferialverband jüdischer Hochschüler in Olmütz eine öffentliche Versammlung einberufen und Herrn Berthold Feiwel aus Brünn eingeladen, über die Durchführbarkeit des Zionislnus zu referiren. Ungefähr 200 Theilnehmer, darunter zahlreiche der angesehensten Bürger von Olmütz hatten sich zu dieser Versanunlung eingefunden. In klarer, sachlicher Weise, ohne leichtfertigen Optimismus, aber auch frei von fatalistischer Verzagtheit erstattete der Redner sein Referat. Die Ausführungen riefen in der Versammlung ungemeine Bewegung hervor: stürmische Beifallsrufe ertönten von allen Seiten. Der Vorsitzende, Herr Handelskammer-Rath Zweig gab der allgemeinen Stinunung mit den Worten Ausdruck, das gereifte Alter sympathisire mit den Bestrelumgeu der Jugend und sei entschlossen, dieselben 'mit ihrer besten Kraft zu unterstützen. Mit Stimmeneinhelligkeit lvurde eine Resolution beschlossen, die dem Congreß ihre Sympathieen ausspricht, und noch in dieser Versammlung wurde ein Einzelverein des „Zion" gegründet, dem an Ort und Stelle 60 Mitglieder beitraten, darunter mehrere der reichsten und einflußreichsten Bürger der Stadt. Der Verein diirfte in Folge der Zahl und des Ansehens seiner Mitglieder zu einem Ceutrum des mährischen Zionismus werden. L. L. Kplomea. Geehrte Redaction! In der Nummer 8 Ihrer werthen Zeitschrift brachten Sie eine Notiz, wonach „der Zudrang bei der Bewerbung um die beiden Plätze in der Ackerbauschule zu Jaffa ein ungemein starker war, daß ferner die sich in großer Zahl meldenden Gymnasialschüler der unteren Clasien abgewiesen wurden, weil das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung als Hauptbedingung für die Aufnahme die Absolvirung der vier Normalclaffen in der Baron Hirschffchen Schule stellte". Da ich mit der Aufnahme der Zöglinge für die Ackerbauschule betraut war, fühle ich mich verpflichtet, die in dieser Notiz enthaltenen Angaben als unrichtig zu bezeichnen. Für die Ackerbauschule in Jaffa meldete sich bei mir kein einziger Gymnasialschiller; es hat sich vielmehr blos ein Schiller mit absolvirter Volksschule und ein Knabe, der sich angeblich fiir die erste oder zweite Gymnasialclasse privat vorbereitete, gemeldet, welche Knaben auch vorgemerkt wurden. Denr Verlangen des Curatoriuin, vier Knaben vorzilschlagen, konnte ich infolge Mangels an Candidnten nicht entsprechen. Bezüglich der Aufnahme in die Ackerbauschule lautete der betreffende Passus wie folgt: „Sie (die Zöglinge) miissen eine vierclassige Schule mit gutern Erfolge absolvirt haben. Diejenigen, welche soeben die Volksschule beendet haben, sind vorzuziehen, da sie noch keinen: Einflüsse unterworfen waren und leichter zu leiten sind." Indem ich Sie auf Grund des § 19 des Preßgesetzes ersuche, die auf Wahrheit basireude Berichtigung veröffentlichen zrr wollen, zeichne Hochachtungsvoll die Leitung der Baron Hirsch-Stiftungs-Schule in Kolomea: W. Grünes. Kolomea, 13. August 1897. Ttiest. (Orig.-Corr.) Während anderorts die sogenannten Protestrabbiner der zionistischen Bewegung mit heiliger Wuth entgegentreten und durch heftige Flugschriften und Zeitungsartikel die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Keime zu ersticken suchen, hat sich hier in Triest ein merkwürdiger Fall ereignet: Die zionistische Idee lvurde hier lveder von der Tribüne, noch durch die Presse, sondern gerade von der Kanzel aus verkündet und gepredigt. Oberrabiner Herr Melli hat anläßlich des Erinnerungstages unserer verlorenen Selbstständigkeit die Gelegenheit benützt, um einen hellen Blick in unsere Zukunft zu thnn und die politische Nothwendigkeit einer Reorganisation unseres Volkes zu besprechen. Mit schwungvollen Worten hat er das Land unserer Väter geschildert lmd mit Citaten und Belegen aus der Bibel und den Propheten die nationale Bewegung vom religiösen Standpunkte aus gebilligt und gerechtfertigt. Ilm dieses Unicum in den Annalen der zionistischen Progapanda zu verstehen, muß man mit den Zuständen der hiesigen Jndenschaft und

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