Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 12 (20.8.1897)
- Article
- Die Juden in Persien [Nachricht]
- Date
- 1897-08-20
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8. j?k$wdtr Nr. 12. Die Juden in Persien. Mr. Elkcm N. Adler in London, der im September und Oktober 1896 Persien bereiste und zu den hervorragendsten persischen Würdenträgern Zutritt hatte, berichtet darüber im letzten Report der „Anglo-Jewish Association". Sadr e Aazem, der damalige Ministerpräsident und der Gouverneur von Teheran Firma FirmLn haben ihn der Toleranz und Mildthätigkeit des Schahs versichert und es als wünschenswerth hingestellt, daß sich die europäischen Juden mehr sür ihre persischen Brüder interessirten. Ihre politische, kulturelle und wirthschaftliche Lage ist die denkbar schlechteste. Sie haben keine Bildung und keine Schulen, die Sicherheit ihres Lebens ist kaum in Teheran, als dem Sitze der diplomatischen Faktoren, gewährleistet. In Reshd besteht eine ganze Colonie armer jüdischer Seidenarbeiter, die ihn um seine Fürsprache baten. Doch gerade als der Bericht Elkans unter der Presse war, ging die Judenhetze in Persien los. Vom jüdischen Emigrantenleben. Der russische Jude Ber Leib Stromwasser landete unlängst mit seiner Frau, zwei Töchtern und einem verkrüppelten 19 jährigen Sohn in Philadelphia. Die Hasenbeamten wollten jedoch den Krüppel unter Hinweis auf die Alienbill, wonach die, die der öffentlichen Wohlthätigkeit anheimfallen müßten, zurückzuweisen seien, nicht hineinlassen. Vergebens war der Hinweis des wohlhabenden Strouiwasser auf seine günstigen Verhältnisse, es half nicht die Garantie, die er den Behörden anbot, selbst in Washington wurde er zurückgewiesen. Dem unglücklichen Vater blieb nichts anderes übrig, als Frau und Kinder nach Cincinnati zu schicken und selbst mit dem Kinde nach Europa zurückzukehren. Die Amerikaner bleiben aber weiter stolz auf ihre Humanität und Menschenliebe! 1,010.000 jüdische Emigranten haben Rußland in den letzten 17 Jahren verlassen. Wie viel von ihnen sind zu Grunde gegangen, wie viel ihrem Volke und Glauben entfremdet worden, wie viel wandern unstät und flüchtig in oer Welt herum, mit dem Kainsmal des Judenthums auf der Stirne? Doch das genügt der „Nowoje Wremije" noch nicht. Sie meint: „Nur ein Exodus von noch weiteren drei Millionen Juden könnte uns befriedigen." Wie man kranke Inden behandelt. In einer Conespondenz der „Przyszlosc" lesen wir über die Ehikanen, denen die jüdischen Kranken bei ihrem Aufenthalte im Lnftcurorte Szczawniea ausgesetzt sind, Folgendes: „Man kann in diesen Curorten an keinem christlichen „Gast" vorübergehen, ohne das Wort „Jnd" mit der eigenthümlichen Betonung und einem häßlichen Blick zu bemerken. Wir wollen Niernandem das Vergnügen nehmen, sich mit der Judenfrage zu befassen, aber diese „Gäste" beschäftigen sich nicht mit der ernsten Seite des Problems, ihnen handelte es sich nur darum, daß hier ein Jude auf der Bank sitzt, daß er dort spaziert, daß er so ausschaut und so spricht. Setzest du dich, so wird der Flegel vor deiner Nase ansspucken und Weggehen, oder er wird dir einen Wachmann auf den Hals jagen, damit Du fortgehst (!). Da werden Weiber zu Hyänen.... Was hier gesagt wurde, bezieht sich aus alle galizischen Curorte, aber hauptsächlich auf Szczawniea. Die systematischen Verfolgungen der Juden dauern hier seit Jahren. Man veranstaltet aus sie förmliche Treibjagden und auf jedem Schritt werden sie von der Eurdienerschast belästigt und chicanirt wie.... nein, Hunde werden schon wirklich besser behandelt als wir in Szczawniea. Wollte ich alle Unanehmlichkeiten — um mich rücksichtsvoll auszudrücken — aufzählen, die die Inden in den galizischen Curorten und insbesondere in Szczawniea zu erdulden haben, so müßte ich Bände niederschreiben. Nur ein Factum will ich hier erwähnen: Die Curtaxen dienen bekanntlich zur Bestreitung der Musik und Verschönerungskosten, zur Erhaltung der Gebäude u. dgl. Wer die Curlaxe bezahlt hat, hat das Recht, den Park zu besuchen und zweimal täglich der Curmusik beizuwohnen. Trotzdem sich nun der Curgast dieses Recht erkauft, ist Heuer der Eintritt in den Curpark lediglich gegen Vorweisung einer besonderen Eintrittskarte gestattet, die in der Regel an Juden in langen Röcken nicht ausgefolgt wird. Gelangt jedoch Einer durch Protection in den Besitz derselben, so ist er verschiedenen Chicanen und Verunglimpfungen ansgesetzt. Der Aufenthalt in Szczawniea ist für kranke Inden geradezu gefährlich. Da man sie in vielen Häusern gar nicht austnmmt, so sind sie gezwungen, in der Vorstadt zu wohnen, wo der Verkehr sehr belebt ist und daher an schönen Tagen einen Staub hervorruft, dessen Beseitigung die Curverwaltnng der Gnade des Himmels überläßt. Zu Hause spart sich die Familie das Brot vom Munde ab, um ihr krankes Mitglied in ein „Bad" schicken zu können, heiße Gebete und Thränen folgen 'ihm — und in Szczawniea trägt Alles dazu bei, ihm liori) den Rest der Gesundheit zu rauben, und wenn er glücklicherweise nicht auf den Friedhof gelangt, so kehrt er gewiß noch mehr krank und zerrüttet nach Hause zurück. . . ." Branntweinmonopol in Rußland. Hiezu berichtet der „W o s ch o d"! „Infolge der Einführung des Branntweinmonopols werden tausende von jüdischen Familien brotlos. Wir wollen nicht polemisiren mit den Blättern, die die Behauptung aufstellen, daß die Juden die Bevölkerung demoralisiren. Denn schon Katkow hat bewiesen, daß außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons, im Osten Rußlands der Alkoholismus viel größer ist, als in den westlichen und südlichen Gouvernements." Und dann fügt das Blatt hinzu: „Es ist trostlos daran zu denken, daß das jüdische Massenelend gerade zu der Zeit so groß sein muß, wenn die Colonisation-Assoeiation über fabelhaste Summen verfügt, die doch zur Besserung der Lage der jüdischen Massen bestimmt sind." Das sagt der „Woschod" — wir haben wörtlich dazu nichts zu bemerken. Sabbath in einer Kirche. Eine Londoner Wochenschrift erzählt folgende interessante amerikanische Geschichte: „Als die M e t h o d i st e n von Colchester hu Staate New-Aork hörten, daß die wenigen Juden in der Stadt Geld sammelten, um eine Synagoge zu bauen, boten sie ihnen die Benützung ihrer Kirche am Sabbath an. Da nun die Juden in den: Gebäude nicht gut Gottesdienst halten konnten, weil ein Kreuz über dem Altar angebracht war, sorgte man dafür, daß das Kreuz am Sabbath entfernt und am Sonntag wieder angebracht wurde." Esrpgim von Palästina. Das Interesse für die Csrogittl von Palästina und damit auch die Nachfrage beginnt sich in jüdischen Kreisen immer mehr zn regen. Man erkennt, was sofort auffallen muß, daß es einerseits unsere Würde und unser Ehrgefühl verbieten, Csrogim, durch dereri Gebrauch ein religiöses Gebot erfüllt werden soll, bei unseren Feinden, deren Hände mit unserem Blute befleckt sind, zu kaufen, und daß anderseits durch Anschaffung von Palästinenser Csrogim unsere eigenen Brüder finanziell unterstützt und ihre landwirthschaftlichen Arbeiten gefördert werden. In der ganzen Frage handelt es sich heute nur um einen organisirten Zwischenhandel. Die Gewohnheit, der Schlendrian ist für die Csrogim von Korfu, darum beziehen die Händler nur diese. Wenn die Käufer wie ein Mann diese Csrogim ablehnen, werden sich auch die Händler darnach richten müssen. Allein der erste Schritt auf diesem Wege ist bereits gethan. In Budapest hat sich unter dem Vorsitze des orthodoxen Rabbiners Kopel Reich ein eigenes Counts gebildet, daß sich zur Aufgabe gemacht hat, ganz selbstlos und nur im Interesse unserer Briider in Palästina den Ankauf dortiger Csrogim zu vermitteln. Das hin- und herpeitvelrrde Verhalten der Juden, die sich selbst nicht finden können, gibt der antisemitischen Presse erwünschten Anlaß zn gehässigen Angriffen. Da sind es besonders die böhmischen und mährischen Juden, die Deutschen von gestern und Tschechen von heute, die Tschechen von heute und Deutschen von morgen. Ein antisemitisches Blatt glossirt die „Thätigkeit der Närodni jednota cesko-zidovskä v Praze. Dieser Verein, der aus „ursprünglich" deutschen Juden bestehe, habe im letzten Jahre allein nenn deutsche Schulen aufgelöst, lvozu aus den früheren Jahren noch vierzehn deutsche Schulen kommen. Außerdem habe eine ganze Reihe jüdischer Gemeinden statt der deutschen die tschechische Geschäftssprache eingeführt." Das Blatt moquirt sich dann über die „Stützen des Deutschthums". Die christlich-sociale Bewegung in Ungarn. Die Wiener antisemitische Presse berichtet mit großer Befriedigung über das stetige Anwachsen des Judenhasses in Ungarn. Ein antisemitisches Organ schreibt: „Die eingeleitete Bewegung, welche sich vorläufig auf die ungarische .Hauptstadt beschränkt, hat in Anbetracht der totalen Verjndnng der Metropole bereits einen ganz hübschen Erfolg auszuweisen, indem der neue Verein schon heute, über tausend Mitglieder zahlt. Bei der Kürze der Zeit, welche seit der Einleitung der Bewegung bis heute verstrichen ist, bedeutet diese Thatsache eine deutliche Austnnnternng für die kühnen jungen teilte, welche trotz der Ungunst der Verhältnisse gewagt haben, sich an die Spitze einer tiefeinschneidenden socialen Reformbewegung zu stellen. Wird die Action mit der nöthigen Energie fortgesetzt, so kann der Erfolg ein heute noch ganz ungeahnter sein, umsomehr als es ia zuin überwiegend größten Theile junge Männer sind, die in den Reihen der Streiter stehen, Männer in voller Frische, arbeits- und leistungsfähig zufolge ihrer Jugend. Es verlautet übrigens, daß schon demnächst ein christlich-sociales Wochenblatt in Budapest erscheinen werde, welches hauptsächlich die In--