Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 11 (13.8.1897)
- Article
- Chava Rubin
- Date
- 1897-08-13
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16. Hrtz-Mt Ar 11. der ersten Gelegenheit einen entscheidenden Schritt zu wagen. Eines Tages ging sie an die Weichsel, um einige Aale zu kausen. Als sie sich den Fischern näherte, bemerkte sie eine ungewöhnliche Bewegung unter ihnen. Die Veranlassung bildeten vier frisch gefangene Stöhre. Sofort blitzte in Chavas Hirn der kühne Gedanke auf: Soll ich's kaufen? Mit zitternder Stimme frug sie um den Preis. „Wenn Du Alles nimmst, kostet das Pfund fünf Groschen," antwortete einer der Fischer. „Es werden hundertundfünfzig Pfund sein." Leidenschaftlich fing Chava zu handeln an. „Was gibt's da zu reden," sprach der Fischer, schon einen Monat haben wir keinen Stöhr gefangen. Ihr werdet das Pfund zu Gulden verkaufen." Chava war von der Hoffnung auf den Gewinn so geblendet, daß sie den Preis zugestand und „daweil" drei Rubel gab. Den Rest hoffte sie beim sofortigen Verkaufe auszahlen zu können. Als sie mit den Fischern in die Stadt ging, recapitulirte sie, glühend vor Aufregung, alle Häuser, wo sie ihre Waare absetzen konnte. Der Vicebezirksrichter, der Gemeindeschreiber, der Viceschreiber, der Bürgermeister, der Casfier, der Gerbermeister .... fünfzehn, zwanzig Groschen, einen Gulden per Pfund . . . vielleicht gar . . . Bei dieseni Gedanken erglänzten Chavas Augen in jugendlichem Feuer, ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie setzte sich die Haube zurecht und fing so rasch zu laufen an, daß ihr die Fischer kau>n zu folgen vermochten, „Und wenn ihr Niemand was abkaufen wird? Hundertundfünfzig Pfund Fische für Kazimierz, wo, an einem Wochentage, kaum dreißig Menschen sich so einen Luxus gönnen konnten . . . ." Entsetzt blieb sie stehen, der Athem stockte ihr; rasch gefaßt, zog sie ihr Tuch zurecht und lief weiter. „Geht's in mein Häusel," sagte sie zu den Fischern, indem sie ihnen einen Fisch entriß, „und wartet's dort, ich komme gleich, ich werd' nur das Geld wechseln." Sie wartete die Antwort nicht ab und stürmte durch das enge Gäßchen an das entgegengesetzte Ende der Stadt. Chava war in den Schlichen des Handels zu bewandert, um nicht zu wissen, daß, um so eine Quantität Fische zu verkaufen, sie zu allen Honoratioren der Stadt dem Range nach laufen müsse. Trotzdem auf dem Wege nach Hause einige ihrer Kundinnen wohnten, lief sie doch in entgegengesetzter Richtung zur Vicebezirksrichterin. Die Rechnung stimmte. Die Vicebezirksrichterin kaufte nach verhältnißmäßig kurzem Feilschen einen ganzen Fisch um drei Rubeln, das ist über elf Groschen per Pfund. Von der Hoffnung eines noch größeren Verdienstes berauscht, andererseits um den weiteren Verlauf des Geschäftes beunruhigt, eilte Chava, von den verschiedensten Gefühlen bewegt, nach Hause. „Na, was is's weiter," dachte sie, müde vorwärts hastend, „einmal billig, das andere Mal theuer. Sie hat den ganzen Fisch genommen, hat gleich gezahlt; ich könnt' die anderen zwei verschenken und hätt' noch immer drei Rubel." „Meine drei Rubel," rief sie laut, das Papier in der Tasche zusammendrückend. „Fünf Gulden kommt ihnen — nun werd' ich zuzahlen, — sind zwei Fisch nicht fünf Gulden werth? ..." Von Weitem schon sah Chava ihren Mann, der mit den Fischern verhandelte und mit dem Stock nach den Fischen stieß, die Kinder sahen ängstlich zu. „Was sind das für Fisch'," rief er verächtlich. „Wer ißt das? wer hung'rig ist. Und wer wird's bezahlen? ein Esel. Aj, aj, a Delicatess'! Hat sie keine Angabe gegeben?" „Ja," sagte einer der Fischer, „aber sie kommt nicht mit dem Rest." „Großes Unglück, sie kommt nicht; Hab' ich kein Haus, bin ich kein Hausbesitzer, ist niein Vermögen keine fünf Gulden werth?" Als er seine Frau ankommen sah, ertönte Symches Stimme noch stolzer. „Aus meine Hypothek ist nichts geschrieben, werden die zwei Fisch' Platz finden. „Ich handle nicht mit solchen Kleinigkeiten, ich bin kein Hergelaufener, ich bin Hausherr." Ihren Mann ärgerlich abwehrend, wandte sich Chava an die Fischer. „Drei Gulden Hab' ich zuzuzahlen . . . ." „Fünf!" riefen die Fischer. „Wie so; ein Rubel und ein Gulden das Stück." Der Streit begann. Aus Gewohnheit und um den nach ihrer Meinung billigen Verkauf des ersten Fisches einzubringen, wollte sie durchaus etwas abhandeln. Ihre Bemühungen blieben erfolglos. Nachdem die Fischer weggegangen waren, setzte sie sich auf die Bank vor dem Hause und wischte sich den Schweiß vom Gesichte; die Kinder schrieen und zerrten von allen Seiten an ihr herum, sie jedoch blieb unbeweglich. Endlich nahm sie zwei Birnen aus der Tasche, zerlegte sie in vier Theile und verstopfte damit den vier Kindern den Mund. „Symche," rief sie ihren Mann an, welcher mit auf den Rücken verschränkten Armen in den Anblick seines Hauses versunken dastand. „Trag' die Fische ins Zimmer." „Da wird ihnen auch nicht kalt sein — sollen sie liegen bleiben . . . ." antwortete er phlegmatisch, und machte sich auf den Weg in die Stadt. Chava zitterte vor Wuth, in ihren Augen erglänzten Thränen. Sie haßte ihren Mann für seine Faulheit und Kränklichkeit, so viel ihr die schwere Arbeit dazu Zeit übrig ließ. Wäre Symche gesund gewesen, so hätte sie eine gewisse Anhänglichkeit für ihn empfunden; hätte er seine Zeit nur dem Gesetzesstudium gewidmet, sie würde die Last des Erwerbes gerne getragen haben. Aber Symche ging der geringsten Arbeit, aus Gewohnheit und Kränklichkeit, aus dem Wege. Eine kranke Schmarotzerpflanze, die sich vermehrt — kann es etwas Entsetzlicheres für das arme Weib geben, auf dessen Schultern allein die ganze Last der Familie ruht? Chava schwieg noch immer, sie war in Gedanken niit den Fischen beschäftigt, die man rasch anbringen mußte, sollten sie bei der Julihitze nicht verderben. So blieb sie dem Schreien der Kinder gegenüber taub und lief in ein nahe gelegenes Haus, zu einer ihrer Kundinnen, der Frau Cassier, welche sie im Garten antraf. „Aj, aj, gnädige Frau, Hab' ich was Feines für Sie, Niemanden Hab' ich's noch angetragen .... Ein frischer, schöner — ein sehr schöner Stöhr." „Ein Stöhr," sagte die Frau Cassierin, „das ist kein Fisch, das ist nichts. Voriges Jahr habe ich zwanzig Pfund marinirt, und Hab' die Hälfte herausgeworfen, weil die Kinder es nicht einmal essen wollten." „Was Sie sagen, gnädige Frau . . . der selige Herr Notar hat es lieber gehabt wie gedünstete Schwämme . . . Die Frau Vicebezirksrichterin sagt immer: Symchowa, wann bringst du schon einen Stöhr?" „Na, übrigens wenn er billig ist . . ." „No, für die gnädige Frau, ein Gulden das Pfund." „Aber geh', für den Preis bekomm' ich einen Lachs." „Mich kostet es fünfundzwanzig Groschen das Pfund, ich muß doch was verdienen." „Fünfzehn Groschen geb' ich und nehme dreißig Pfund." „Was mach' ich mit dem Rest? Ach, gnädige Frau, so ein schmackhafter Fisch, 's ist schad', ihn zu essen. Ich lauf' zur Bürgermeisterin, vielleicht nimmt sie die Hälfte." Da kanl sie aber schön an. Als die Bürgermeisterin es erfuhr, daß Chava dies eine Mal die standesgemäße Reihenfolge außer Acht gelassen und früher zur Cassierin gegangen war, warf sie die arme Jüdin zur Thüre hinaus. „Freche Person," rief sie, die Thür zuschlagend, „ich werd' das nehmen, was irgend eine Cassierin übrig läßt. Wart', das werd' ich Dir gedenken!" Herausgeber: Parrl Uascharrev. Verantwortlicher Redakteur: Dr. S. K. Kandare. Druck von Franz Schüler, Wien-Döbling.