Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 11 (13.8.1897)
- Article
- Monastir [Nachricht]
- Date
- 1897-08-13
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315721--01143-3380087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3h:. 11. Seite 1». der Juden, so daß kein jüdischer Hof unversehrt blieb. Diese Katastrophe gleicht an Intensität dem Brande, von dem Monastir vor 34 Jahren heimgesucht wurde. Die meisten jüdischen Familien find durch das Unglück in die bitterste Armuth gestürzt. Vom Bürgermeisteramte wurden sie vorläufig in den Hans (öffentliche Bazare) untergebracht und denselben Brot gereicht. Was später erfolgen wird, weiß man nicht. Mehr als tausend Familien liegen in den Gärten herum mit ihren Kindern gleich Zigeunern. Diese vielen armen Leute kann die Stadt unmöglich aushalten. Auch ein jüdischer Tempel ist eingeäschert. Hilfe ist dringend nothwendig. Lransvaal. Johannesburg. (Orig.-Corr.) In unserem jungen Staate, der noch keine 100 Jahre besteht, gibt es auch eine Judenfrage. Allerdings nicht im Sinne des europäischen Antisemitismus, wohl aber in politischer Hinsicht. Die Boers mit dem breiten aber steifen Nacken haben eine Republik gegründet und zu wiederholtenmalen hatten sie Gelegenheit, Proben ihrer Tapferkeit und ihrer Freiheilsliebe zu geben. Diese Holländer waren und sind die Freiheitsapostel im schwarzen Erdtheile. Und trotzdem ist ihnen der Jude nicht gleichwerthig. Die Juden dürfen keine amtliche Stellung bekeiden, noch können sie in den Volksrath gewählt werden. Und das in einem Lande der Freiheit, das weder den wirthschastlichen, noch nationalen, noch religiösen Antisemitismus kennt. Nichts anderes als der alte Rischus. Unsere Juden nun beginnen sich zu regen. Am 30. Juni fand eine große jüdische Volksversammlung statt, welche eins zu dem Zwecke gewählte Commission beauftragte, bei den obersten Regierungsbehörden das Nothwendige zu veranlassen. Veäeremo! chcru. — -»Der Jude im moderne« Roman" heißt ein Aufsatz von Dr. Charpin im Juniheft der „Monatsschrift für neue Literatur und K u n st". Man begegnet so häufig jüdischen Romanfiguren, meint der Verfasser, daß es sich verlohnt, die besondere Eignung des Juden als Darstellungsobject zu untersuchen. Schon in her ersten Hälfte des Jahrhunderts hat man ihn dafür angesehen und ihn theils gehässig und spöttisch als komische Episodenfigür, theils in Erkenntniß seines tragischen Geschickes ernsthaft als Romanhelden verwendet. In vereinzelten Fällen wurde der historische Jude aus der Zeit des Untergangs seiner Nation oder der babylonischen Gefangenschaft beschrieben, die meistenSchriststeller aber zögen es vor, ihn als Paria der modernen Gesellschaft zu schildern und hie inneren Conflicte darzustellen, die dadurch in dem gebildeten, auf der'Höhe der Zeit stehenden Juden entstehen mußten. Ausgestoßen aus der gesammten culturellen Menschheit, einer politisch todten, aller äußerem Macht beraubten Nation angehörend und doch erfüllt von dem Bewußtsein, ein Mitglied des auserkorenen Volkes zu sein, in ungebrochener Kraft und Treue an einer verlorenen Sache festhaltend und alle Leiden und Demüthigungen dafür in Kauf nehmend, war der Jude aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts eine Gestalt von gebietender Größe und gewauiger innerer Tragik. Auch der Conflict zwischen glaubensstarken Vätern und abtrünnigen Söhnen bot dem Schriftsteller jener Epoche ein interessantes psychologisches Problem. Mit ihrer Emancipation aber, die ihre Stellung so gründlich umgestaltete, verloren die Juden den romantischen Nimbus, und statt der heroischen Eigenschaften machten sich zahlreiche Fehler und Schwächen geltend. Der Jndifferenttsmus gegen den altehrwürdigen Glauben, die Verleugnung der Abstammung, die Sucht, sich in andere, namentlich adelige Kreise zu drängen, forderten zu Spott und Geringschätzung heraus, und dienen heute vielfach zum Gegenstand der Darstellung. Mehr noch als der Jude, der meist ziemlich nüchtern uni» uninteressant sei, bietet die moderne Jüdin "einen dankbaren Borwurf. Empfänglich und müssig, nach allen GKrsationen lüstern, leidenschaftlich und kühl erwägend zugleich, bildet das moderne Weib aus den Finanzkreisen thatsächlich einen dankbaren Stoff fstr den Cultur-Schilderer und Psychologen. Sie ohne Gehässigkeit aber gÄreu zu charakterisiren, wäre nach Dr. Charpin die dankbarste Aufgabe für den Romancier von heute, welcher trotz mehrfacher Anläufe noch keiner annähernd gerecht geworden ist. .,B. B. C." Wir haben bereits erwähnt, daß sich in einem Artikel des „Jewiali Express“ Herk M. Segel bemüht hat, den polittschen Zionismus als ein specifisch österreichisches, aus den eigenartigen nationalen Verhältnissen Oesterreichs hervorgegangenes Product darzustellen. Da er aber einsieht)' daß diese phantasiereiche Construction nicht genügt, um die Zionistey Oesterreichs zu denen anderer Länder in einen Gegensatz zu bringen/ so kommt' er wieder zurück auf die „Methode" und meint, die Zionisten anderer Länder wollen die Juden langsam intellektuell heben und in Palästtna ansiedeln, die Zionisten Oesterreichs möchten hingegen „plötzlich" einen Staat gründen. Der Ärtikelschreiber anerkennt ztvar selbst die Nothwendigkeit „Palästtna zum Centrum unseres Volkes, zum Heim jüdischen Lebens und jüdischer Cultur zu machen", aber er verräth uns leider nicht die „Methode" durch die man dies „langsam" erreichen könnte. Dieser Artikel, der ohne jede Kenntniß der zionistischen Geschichte und Entwicklung verfaßt ist, wurde in einer späteren Nummer von Doctor Färb stein gehörig widerlegt. Er brauchte einfach zu verweisen auf die Vorläufer des jetzigen Zionismus: Moses Heß aus Deutschland, Doctor Pinsker''aus Rußland, Smolenski, Zederbaum u. A., um die Quelle der polittschen Grundidee des Zionismus klar zu machen. Gegenüber der „Langsamkeitsidee" fragt Dr. Farbstein, was denn durch dieseMethode im Lause der 15 Jahre erreicht wurde. Schließlich fordert Dr. Farbstein den „Jewish Express" und seinen Ärtikelschreiber auf, wenn sie schon dem Congreß sympathisch gegenüberstehen — und dies versicherte soeben der „Jewish Express" in einem polemischen Artikel gegen eine Bemerkung in der „Welt" %c. 8 neuerlich — den Congreß abzuwarten, und erst dann ein endgilttges Urtheil über den politischen Zionismus zu fällen. X>eveirtg>na<äividitert. Bietttz. Die jüdisch-akademische Ferial -- Verbindung „E m un a h" hat am 11. d. M. im Hotel Käiserhof einen Eröffnungs-Commers veranstaltet. By-cpwitz, (Mähren), 24. Juli. Die zionisttscheFerialverbindung „Zephirah" in Brünn veranstaltete unter energischer Mithilfe der Verbandsmitglieder Herren Mesner und Richard Fasset am Samstag, den 24. d. M. einen Discussionsabend. Die Discussion eröffnete I. U. C. Berth. Feiwel, der auf erfolgte Anfrage das Wesen der modernen zionistischen Bewegung klarlegte. Interessant waren die Einwände eines gerade anwesenden „Protesttheologen" aus Deutschland, der sich nach mehreren sophistischen Auseinandersetzungen über die Assimilation der Juden zu der Behauptung verstteg, ein deutscher Katholik stünde seinem Herzen bei weitent näher als ein polnischer Jude, und man brauche sich um die; armen östlichen Juden nicht zu kümmern, die mögen sich nur selbst Helsen. „Denn", sagte er salbungsvoll: „Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott". Es fiel unserem Referenten nicht schwer die Hohlheit dieses engherzigen, protestrabbinistischen Standpunktes bloßzulegen. Mit großem Beifalle wurde schließlich eine Sympathiekundgebung für den Ziönisten- Congreß ausgenommen. ' R. 91 Lrmdenbrtrg. Die jüdisch - akademische Ferial - Verbindung „G a m a l a" in, Lundenburg veranstaltete am Sonntag, den 25. Juli einen Commers, zu dem Vertteter der Verbindungen „Veritas" und „Zephira" aus Brünn erschienen waren. Die Eröffnungsrede hielt stuä. jur, Altba ch, die Tendenzrede J. U. C, Berthold Feiwel, worauf noch sinck. ing. A. Stricker (/Veritas" und „Zephira") in längerer Ansprache^ÄW^Samala" beglückwWffsMe; Eine Kundgebung für den Zionisten-Congkeß wurde von den anwesenden Bürgern mit stürmischem Beifalle ausgenommen. Lewberg. Die Buchhalter und Handelsgehilfen Lembergs organisirten sich zu einem jüdischnationalen Verbände J v r i a. In der am 7. August stattgehabten constttuirenden Versammlungen besprachen die Herren S. S chorr und stuck, jur. I. Spinner den kommenden Congreß und seine Bedeutung. Schließlich würde eine Sympathiekundgebung an die Veranstalter des Congresses beschlössen. £ cxtxXX et oxt* Rlk-Lrmbrrg. Von Nathan Samuely. I. Mitten im hastigen Getriebe utiserer Großstadt, wo die Erscheinungen wellenartig kommen und verschwindengibt es hier einen Men, abgesonderten, weltvergessenen Winkel, in welchM die früheren Jahrhunderte noch immer eine Art von schattenhafter Existenz fortführen. Wer Gelegenheit hat, diese Stelle zu besuchen, fühlt sich unheimlich wie vom modrigen Hauch einer versunkenen Welt berührt, ja er glaubt die Schemen jener Jahrhunderte vor sich auf-