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Die Welt · 1897-08-13 · 11 (13.8.1897) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
11 (13.8.1897)
Article
Über das antisemitische Berliner Gasthausleben
Date
1897-08-13
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. Nr. 11. hat, „hinausgegrault". Zu Beginn der antisemitischen Bewegung befanden sich an den Thüren rothe Placate folgenden Inhalts: „Juden ist der Eintritt strengstens.untersagt!" Da indessen wiederholt echte „Germanen" oder „Teutonen" irrthümlich hinausgewiesen oder hinausgeworfen wurden, weil sie ein etwas jüdisches Aussehen hatten, ist man von diesen Warnungstafeln abgekommen. Nicht selten entwickelte auch der vermeintliche „Semit" eine verblüffende „urgermanische" Körperkraft. Jetzt ist man toleranter. Verschiedene antisemitische Wirthe, besonders die Inhaber größerer Locale mit Kellnerinnen-Bedienung und Studenverkehr, sehen hauptsächlich darauf, daß sie ihren Stoff loswerden, gleichgiltig ob er einen germanischen oder „semitischen" Gaumen netzt. Daß den eigenen Parteigängern nicht immer zu trauen ist, beweist ein Vers am Buffet einer kleinen antisemitischen Kneipe: „Geborgt wird nicht! Das ist das beste. Man wird sein Geld los. Und nebenbei die Gäste." Freude« eines Jaden lindes. Das 11jährige Söhnchen des Privaten Drellinger in Baden wurde seinerzeit von dem 14jährigen «yerbtntutb Kirchner ans der Böslauer Straße schwer verletzt. Unter dem Rufe „Jud! Jud!" schleuderte Kirchner dem kleinen Drellinger einen großen Kieselstein an den Kops, der Stein zersplitterte den Stirnknochen und das lebensgefährlich verletzte Kind mußte auf die Klinik des Professors Mosetig überführt werden, wo ihm der beschädigte Knochen trepanirt wurde. Am 5. August fand vor dem Strafrichter des Badener- Bezirksgerichtes die Schlußverhandlnng gegen den jugendlichen Angehörigen der antisemitischen Partei statt. Der kleine Drellinger war in Begleitung seines Vaters zur Verhandlung erschienen. Die Stirn zeigt noch die verunstaltenden Narben der furchtbaren Verletzung. Der Angeklagte, der während der ganzer Verhandlung ein frömmelndes Wesen zur Schau trug, gesteht, daß er die That auf dem Wege zur Stadtpfarrkirche, wo er den Abendsegen besuchen wollte, verübt habe. Er wurde zu einer vierzehntägigen Arreststrafe verurtheilt. Die berühmte Vogelsammlung des Naturforschers Alfted Brehm, die bisher in seinen! Geburtsorte Reuthendorf bei Neustadt an der Orla aufbewahrt wurde, ist von Baron Rothschild in London um 15.000 Mark angekauft und im eigenen Museum zu Dring untergebracht worden. Die Sammlung ist größtentheils von Brehms Vater, dern Pfarrer Christian Ludwig Brehm zusammengestellt worden. - Er allein brachte schon mehr als 9000 Stück fast ausschließlich europäische Vögel zusammen. Die Sammlung ist besonders deshalb von großem Werthe, weil sie ein- und dieselben Arten in allen Abweichungen je nach Alter, Geschlecht und Wohnkreis in sich vereinigt. Die Kreuz-Zeituug, der getreue Abklatsch des preußischen Junker - 2.stes, liefert einen deutlichen Beweis, wie judenfeindlich dieser Geist 11 Dieser ritterliche A ntisemitismus tritt in äußerst ästhetischen Formen ^f: Höhnische Freude über das Unglück russischer Juden. Das ist bezeichnend. Die Kreuz-Zeitung schreibt: „Einen wesentlichen Vortheil hat jetzt das Branntwein-Monopol der gesummten (russischen) Bevölkerung denn doch gebracht. Die Juden, welche Zahlreich im Westen vertreten sind, sehen sich eines wichtigen Erlverbszweiges beraubt und beginnen den Staub von ihren Füßen zu Ichütteln. Zahlreiche Hebräer haben mit dem 1./13. Juli, dem Tag der Einführung des Spiritus-Monopols im Westgebiete Rußlands die Auswanderung aus den! Czarenreiche begonnen. Mit dem Uebergange des Spiritushandels in die Hände des Staates ist die lohnendste Erwerbsthätigkeit den Juden entzogen und gleichzeitig sehen sie ihren Einfluß auf die Bevölkerung schwinden. Es braucht nicht näher ausgeführt zu werden, daß die jüdischen Wucherer und Aussauger gerade durch den Branntwein im Stande waren, alles was sie wünschten, bei der Bevölrung zu erreichen. — Wie Meldungen aus dem Westen besagen, macht sich jetzt eine früher nie dagewesene Bewegung unter den Juden bemerkbar, welche vorläufig nur zweifelhaft sind,^ wohin sich wenden. Nach den Aenßerungen der jüdischen Organe scheint man zu hoffen, aus den Mitteln des jüdischen Nationalcomites soviel zu erhalten, um in anderen Gegenden des weiten Reiches, die günstige Bedingungen für die Ausbeutung liefern, sich anzusiedeln. Diese Hoffnungen werden sich aber kaum erfüllen. Das Branntwein-Monopol bringt somit indirect einen Erfolg zu Wege, an den man beim Erlassen des Gesetzes in Petersburg kaum gedacht hat: was die Ausnahmsgesetze gegen die Juden in nur unvollkommenem Maße zu Wege gebracht haben, das wird das Branntwein-Monopol rasch und ohne Gewaltthat bewirken. Schon aus diesem Grunde wird man in weiten Kreisen Rußlands mit der Einführung des Branntwein-Monopols nicht unzufrieden sein." Der Jude in bulgarischen Bolkssagen. Im „Neuen Pester Journal" erzählt I. Peisner in einem Feuilleton: „Aus den Tiefen der Volksseele": Wir wollen hier nur uuf die höchst interessante Rolle Hinweisen, welche der Jude (zsid) im Volksglauben der Bulgaren spielt — eineRolle, wie wir sie sonst nirgends, höchstens bei einigen Nachbarvölkern der Bulgaren finden, die jedenfalls aus der nämlichen Quelle geschöpft haben. Der „28iöl" ist der Riese der bulgarischen Sage, welche von seiner Hünengestalt, seiner furchtbaren Kraft und seinem sympathischen Aeußern nicht genug zu erzählen weiß. In der Nähe von Tirnovo befindet sich ein zsidov-grob (Judengrab), welches 6 Meter lang und ll/% mietet breit ist. In diesem Grabe ruht ein zsid, der Tirnovo in die Hände der Türken lieferte. Nach.der Einnahme der Stadt wollte sich der zsid bei Soliman Pascha seinen Lohn holen; statt dessen ließ ihn der Pascha enthaupten. Der zsid faßte sein abgeschnittenes Haupt und begann zu laufen. An einem Hügel stolperte er und sank todt zu Boden. Auf Befehl Soliman's wurde er an jener Stelle begraben und jeder Bulgare, der an dem Grabe vorüberging, warf einen Stein darauf. So wurde mit der Zeit ein riesiger Steinhaufe aufgethürmt, der bis zum heutigen Tage zsidovgrob heißt. In den Sagen vom Königssohn Marko begegnen wird dem zsid häufig, ja selbst eine zsidovina — Jüdin — kommt vor, die nach hartem Kämpfe von dem heldenmüthigen Marko natürlich besiegt wird. Die christlichen Bulgaren sind der Ueberzeugung, daß der erste Glaube der jüdische war; noch heute heißt das ungetanste Kind „Evreice", und nach der Taufe übergibt der Taufpathe das Kind der Mutter mit den Worten : Du hast mir ein Judlein übergeben, ich habe Dir einen Christen zurückgebracht. Der zsid als Riese ist eine der häufigsten Gestalten der bulgarischen Sagen, welche unter Anderem auch das von Chamisso so herrlich bearbeitete „Riesenspielzeug" in mancherlei Formen enthält; die Juden, heißt es in dieser auch bei den Serben und Griechen, ja selbst bei den Russen vorhandenen Sage, waren so groß, daß sie sie mit ihren! Fuße von einem Berge auf den anderen schreiten konnten. Gleich den Juden galten auch die Tartaren als Riesen, und Juden und Tartaren find in den bulgarischen Sagen fast gleichbedeutend. Dies gibt den Schlüssel zur Erklärung der merkwürdigen Rolle des zsid in dem bulgarischen Märchen ab. Die Frage ist nämlich einfach die, ob es je ein Volk gegeben, welches tartarisch und jüdisch zugleich war? Ein solches Volk existirte in der That: dasjenige der Chazaren, die im südlichen Rußland hausend und zu großer Macht gelangt, im VIII. Jahrhundert den jüdischen Glauben annahmen. (Bekanntlich soll es auch unter den landnehmenden Magyaren solche jüdische Chazaren gegeben haben.) Die Chazaren erstreckten ihre Eroberungszüge bis an die östlichen Küsten des Mittelmeeres, überall, wohin sie kamen, Schrecken verursachend. Als ihre Macht gebrochen war, verschmolzen sie mit anderen tartarischen Stämmen; aber ihr Andenken blieb in den Sagen des bulgarischen Volkes bis auf den heutigen Tag erhalten. Daher kommt es, daß die Riesen bald Juden, bald Tartaren sind und daß Juden und Tartaren in der Sprache jener Sagen eine und dieselbe Bedeutung haben. Zur Lage der Jirden in Preußen. Die wirthschaftlichen Verhältnisse in Preußen werden zusehends immer schlechter. Die letzte Berufsstatistik hat das ziffernmäßig nachgelviesen. Während noch im Jahre 1882 von je 10.000 weiblichen jüdischen Personen 2594 erwerbsthätig waren, mußten im Jahre 1895 2197 erwerbsthätig sein. Es wurden also un! mehr als 600 jüdische Frauen auf 10.000 durch die Nothwendigkeit des Verdienens ihren häuslichen und familiären Pflichten entrissen. Bei den anderen Confeisionen hingegen ist die Zahl der erwerbsthätigen Frauen zurückgegangen. Auch die Zahl der Familienangehörigen, die selbst nicht zu verdienen brauchen, ist bei den Juden seit 1882 eine geringere gelvorden, während sie sich bei den anderen Confessionen vergrößerte. Es beweisen dies folgende Ziffern: Angehörige ohne Beruf: Evangelische Katholiken Juden 1882 1895 1882 1895 1882 1895 10,042.048 11,112.121 5,282.703 6,041.414 220.416 201.146 Hiezu bemerkt die amtliche statistsche Correspondenz: „Vielleicht sind nach irgend einer Seite hin der jüdischen Bevölkerung wirthschaftliche Nachtheile erwachsen, welche durch die gesteigerte Erwerbsthätigkeit der Angehörigen ausgeglichen werden sollen." Als ein Commentar hiezu dürfte vielleicht folgende Notiz der Warschauer Wochenschrift „Niwa" dienen: „Die Juden verlieren im Herzogthum Posen immer mehr den Boden unter den Füßen. Die letzte Volkszählung zeigte eine bedeutende Abnahme der jüdischen Bevölkerung. Das christliche Element verdrängt die Juden auch vom Handel, insbesondere vom Kleinhandel, der immer ein jüdisches Monopol war.... Möchte es auch bei uns möglichst schnell dazu kommen." Was sagen die „Seelsorger" von Berlin, Stettin, Frankfurt a. M. u. s. f. zu diesen Erfolgen der „Mission"? Freilich, sie sind weit vom Schuß! Judenausweisungeil aus Sibirien. Der General Gouverneur von Westsibirien trug den Militärbehörden auf, den jüdischen Unterthanen mitzutheilen, daß sie laut einem Ukas des Czaren ihre Wohnsitze verlassen und in das Innere Rußlands auswandern müssen. Es ist den Gubernatoren nur anheinigestellt, den Juden eine Frist zur Verfügung über ihren Besitz, zur Beschaffung von Pässen und Herausfindung von neuen Wohnsitzen zu gewähren. Die stehen nun voll Verzweiflung wieder vor der beängstigenden Frage: Wohin? Viele beschlossen, sick nach dem Kaukasus zu wenden. Wird man sie aber dort oulden? . .. .

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