Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 11 (13.8.1897)
- Article
- Schönerer als Führer der Juden [Nachricht]
- Date
- 1897-08-13
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr, 11. Seite 9. kommen Schönerer's gegenüber den Juden ist die Heeresfolge der Juden erklärlich. Wer z. B. den nachstehenden Herzenserguß Schönerer's in der jüngsten Nummer der „Unverfälschten deutschen Worten" gelesen hat, wird über die moralische Berechtigung einer solchen Heeresfolge keinen Augenblick im Zweifel sein. Da heißt es: „Einst war der Liberalismus, wenn man von der verwaschenen Betonung des völkischen (nationalen) Standpunktes absehen wollte, eine an und ftir sich edle Richtung. Als sich jedoch dieser Richtung das Judenthmn bemächtigte, sie also verjudete, gingen die edelen reinen Grundsätze im Schmutze jüdischer Moral verloren und kein unverfälscht deutsch und anständig politisch gesinnter Mensch konnte es mehr mit einer Partei halten, die die verkörperte Zersetzung, die moralische Fäulnis; (Corruption) in ihrem Gefolge hatte und sich davon nicht trennen zu können vermeinte, obgleich das Deutschthum durch solchen Liberalisnins zusehends an Ansehen und Macht verlor. Der Liberalismus hatte eben abgewirthschaftet, als er auf den — Juden kam! Dieses Schicksal drohte nun, durch Hervorkehrung des religiösen oder Taufwasserstandpunktes, auch den Antisemitismus zu ereilen, wenn nicht glücklicher Weise die Partei der Deutschvölkischen unabänderlich den Raffen-Antisemitismus auf ihre Fahne geschrieben hätte. Nur der Rassenstandpunkt ist es, der dein Semitenthum den Garaus machen könnte, und das weiß das internationale getaufte und ungetanste Judenthum gar wohl! Deshalb ist auch das Bestreben des Judenthums seit jeher darauf gerichtet gewesen, diesen Standpunkt verwischen zu wollen, beziehnugsweise daß einzelne stille Vertreter es unternehmen, den Antisemitismus auf den H—d, Verzeihung! auf den Juden zu bringen, um ihn so für das auserwählte Volk ungefährlich zu machen. Mittelst des Eindringens getaufter Juden ist es nun dein Semitismus thalsächlich gelungen, den Antisemitismus zu verjuden und znm Theile in Bahnen zu lenken, die den zugehörigen Antiseuütismus als ein reines Gaukelspiel erscheinen lassen müssen." Export nach Palästina. Der deutsche Consulatsbericht, der im Handelsarchiv zur Veröffentlichung gelangt, bringt die nachstehenden Daten: Palästina wurde im Jahre 1896 besucht von 29 deutschen, 18 österreichisch-ungarischen, 13 französischen, 4 englischen, 3 schweizerischen, 2 italienischen und l belgischen Geschäftsreisenden. Von fremden Marmfacturwaaren werden in Palästina etwa dieselben Sorten wie in anderen Gebieten der Türkei gebraucht. Der Antheil an der gesammten Einfuhr stellt sich für England, Frankreich und Deutschland folgendermaßen: im Jahre 1894 1895 1896 Britischer Antheil 15'6 °/0, 10 5 %, 10-8 °/„. Französischer „ 17 %, 16.3 “/«, 16 6 °/0. Deutscher .. 7.3 °/«, 8'5°/«, 89°/«. Die Zunahme des deutschen Antheils soll ihren Grund darin haben, daß die deutschen Kaufleute von den Reisenden, die mit Mustern nach Palästina geschickt werden, die Bedürnisse der Einwohner und die Marktpreise gründlich studiren lassen und für den Export auf Grund der eingehenden Informationen sich ergiebige Absatzquellen schaffen. Antisemitische Pariser Journale. Einem Artikel der „Köln. Ztg." über die Pariser politische Tagespresse entnehinen wir Folgendes: „XIX. Sifecle“, Morgenblatt, 1871 gegründet, seit 1887 Soublatt, fortschrittlich-republicanisch, leicht radikal, stark antisemitisch rc. — „La France“, Abendblatt. Abwechselnd fortschrittlichrepublicanisch, ausgesprochen antisemitisch, halb socialistisch, wiederum etwas gemäßigter rc. „L’Intrausigeant“. Ausgesprochen chauvinistisch, hauptsächlich deutschfeindlich. Morgenblatt zu 5 Cts. Ultrasocialistisch, speciell „Rochefortistisch", auch antisemitisch rc. „Libre Parole“, 1892 von ihrem jetzigen Chefredakteur Edouard Drumond als Centralorgan des französischen Antisemitismus gegründet — fand gleich nach ihrer Gründung rasenden stets im Steigen begriffenen Absatz, namentlich auch in der Provinz und in Algerien. Wird gegenwärtig in ganz Frankreich gelesen, nicht wenig auch in Arbeiter¬ und Kleinbürgerkreisen. Zeichnet sich durch Maßlosigkeit der Form, durch überaus rohe Ausfälle gegen alle gemäßigten Ministerien, gegen Juden und Judengenossen aus, wobei hier unter „Judengenossen" alle die zu verstehen sind, welche nicht ausgesprochene Antisemiten sind — Auch die bekannte Schriftstellerin Gräfin Märtel, die unter dem Namen „Gyp" schreibt und unter der Bezeichnung „Bob" abscheuliche und geradezu kindisch witzlose Carricaturen jüdischer Physiognomiken liefert, gehört zu den ständigen „Kräften" oes Schmähblattes rc. Der »iederösterrcichische Turngau unterimmt in nächster Zeit eine Turnfahrt nach Feldbach. Er war der erste,, der aus seinem Reihen die jüdischen Turner entfernte und den Anlaß zur Gründung des Turnbundes auf antisemitischdeutschnationaler Basis gab. Der Alpenturnverein, dem diese Maßregel ungemein sympatisch ist, trifft bereits Vorkehrungen zunl feierlichen Empfang der niederösterreichischen antisemitischen Stammesgenossen. Nach Wien wird ein Vertretertag aller antisemitischen Turnvereine und Turngaue einberufen werden, der die Ausschließung der Juden aus deutschen Turnerkörperschaften definitiv zum Beschlüsse erheben soll. Antisemitische Eisenbahner - Organisation. Unter der Aegide der antisemitischen Abgeordneten Axmann und Bielohlawek fand «m 6. August in Wien die letzte Versammlung der Vertrauensmänner sämmtlicher Eisenbahnen statt, in welcher die letzten Beschlüsse für die constituirende Generalversammlung gefaßt wurden. Die Organisation soll unter dem Namen „Verein der Eisenbahner und sonstiger Verkehrsbeamter" ins Leben treten, und sich über ganz Oesterreich erstrecken. Seine feindliche Haltung gegen Juden, getaufte und ungetaufte, hat der Verein in seinen letzten Versammlungen in erschöpfender Weise an den Tag gelegt. Diese Eisenbahnerorganisation, die mit entschiedener Negierung aller socialdemokratischen Parteiprincipien sich dem christlich-social antisemitischen Programm in die Arme wirft, ist eine gute Lehre für die Juden. Diese Neigung zur antisemitischen „Weltanschauung" beweist uns, imwelcher Weise sich die Lösung der Judenfrage vollziehen würde, wenn wir sie den obgenannten Händen gläubig anvertrauen wollten. Die Zukunft, die das socialdemokratische Parteiprogramm den Proletariern in Aussicht stellt, ist ein halbes Paradies im Vergleich zur trüben Gegenwart. Aber der Proletarier verzichtet auf diese sonnige Zukunft, nur um seiner Lieblingsneigung, dem Judenhasse, fröhnen zu können. Er kehrt der Socialdemokratie den Rücken und eilt an Axmanns wahlverwandte Brust. Die Sorgcn der Christlichsorialcu. Ein Wiener antisemitisches Hetzblatt schreibt: „Kauft nur beiGesinnungsgenossen! Man schreibt uns aus Neulengbach: Seit dem 2. Juni dieses Jahres wird hierorts an jedem Mittwoch ein Spanferkel- und Jungschweinemarkt abgehalten. Da kommen nun die biederen Bauern und Bäuerinnen niit Kisten voll lebender Waare, um dieselbe den Kauflustigen feilzubieten. Dort nun scheint die hiesige Judenschaft ein neues Absatzgebiet für ihre todte Waare gefunden zu haben, denn man kann jedesmal dahin eine Anzahl Juden wandern sehen, welche bei einem etwaigen Kaufabschlüsse sofort zur Stelle sind, um die Verkäufer zu veranlassen, ihre sonstigen Bedürfnisse, wie Zucker, Kaffee, Leinwand rc., bei ihnen zu decken. Leider erreichen auf-diese Weise die Juden vielfach ihren Zweck. Wir rufen allen christlichen Mitbürgern zu: Kauft nur bei Gesinnungsgenossen! Heber das ailtisemitische Berliner Gasthausleben berichtet die „Köln. Volksztg." Die Wirthshäuser kennzeichnen sich schon äußerlich durch jüdische Carricaturen und antisemitische Spottverse an den Fenstern und durch zum Trunk einladende mächtige Humpen. Allabendlich gibt es große „Antisemitica". Die Gäste vereinigen sich zu einer Art gemeinsamen Kneiptafel nach studentischem 'Illuster; unter dem Vorsitz des Wirthes, der zugleich Vorsänger ist, werden nach Clavierbegleitung antisemitische, studentische und „patriotische" Lieder gesungen, worauf man sich „kräftig stärkt", kritisirt, raisonirt und hier und da auch einen vermeintlichen oder wirklichen Juden, der sich in das Local verirrt oder gewagt