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Die Welt · 1897-08-13 · 11 (13.8.1897) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
11 (13.8.1897)
Article
Die neueste Frage: Existiert der Antisemitismus in Ungarn?
Date
1897-08-13
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8. j5k$wde Nr. 11. werden? — Geehrte Herren Abgeordneten, seien Sie behutsam mit solchem Spiel! Seien Sie überzeugt, daß, wenn es Ihnen gelingt, Bie Habsucht und die Leidenschaft der Besitzlosen in einem solchen Maße aufzustacheln, daß sich dies in einzelnen Thaten zu äußern beginnt, dieses Streben zwischen jenen Grenzen nicht Halt machen wird, in welche Sie es bannen wollen; daß di e s e s Streben zwischen den Grenzen des A n t i s e m i t i s m u s n i ch t Halt machen, sondern auf solche Gebiete hinübergreisen wird, wo Sie es vielleicht nicht fiir wünschenswerth halten werden; daß es sich gegen jenes Capital wenden wird, welches Sie für berechtigt und patriotisch erklären: gegen den mittleren Großgrundbesitz, gegen den Fideicommißbesitz, gegen jenes Capital, welches frommen Stiftungen gewidmet ist." Während der Finanzminister diese gewichtigen Sätze gesprochen, unterbrach ihn die Opposition fortwährend mit den stürmischen Rufen: „Sie thun es!" „Nicht wir thun es!" — In Wirklichkeit thun es Alte! die Einen heute und die Anderen morgen, wann es Ihnen gerade in den Kraut paßt. Gleich wie die jüdischen Weisen ausrufen: „Ihr Klugen seid vorsichtig in euren Worten!", so mahnte der Minister die Landesväter, „behutsam mit solchem Spiel" zit sein. Seine Ercellenz selbst hat jedoch aus Unachtsamkeit ein wichtiges Moment anzufi'chren vergessen. Es geniigt nicht, ja es ist sogar unter Umständen verwerflich, dem Capital zu huldigen, tveil man „capitalsann" ist. Es ist nicht hinreichend, die verderblichen Lehren des Hasses deshalb zu perhorresciren, tveil dadurch „die Saat der gefährlichsten socialen Revolution ausgestreut" wird. Eine alte, durch die Erfahrung erhärtete Thalsache ist es, daß die aufgereizten Leidenschaften des Pöbels sich in letzter Consequenz gegen Jene kehren, die sie aufgestachelt haben, daß man die Geister nicht bannen kann, die man heraufbeschworen. Aber nicht deshalb allein soll ein Staat, zumal der ungarische Staat, diese verderbliche Saat im Keime ausrotten, sonderw in erster und oberster Reihe aus denl Grunde, tveil sie sich mit seiner Verfassung nicht vertrügt, dem edlen, ritterlichen Wesen der ungarischen Nation tviderspricht und geeignet ist, sie aus der hohen Stellung zu verdrängen, die sie sich unter den civilisirten Völkern errungen hat. Gibt es einer: A n t i s e m i t s m u s i n Ungarn? - Einen Tag, nachdenr Finanzminister Lukacs in offerier Parlamenssitzung obige Sätze gesprochen hatte, tvurde diese F-rage in derselben legislatorischen Körperschaft von einen: anderen Redner berührt, r:nd sie fand daselbst eine verschiedenartige Beantwortung. B6la B a r a b a s war es, der auf die Aeußerungen Sr. Excellenz reflectirte. Er sagte: „Der Finanzminister hat gestern hier ein solches Wort ausgesprochen, welches tvir in: Parlament seit Jahren nicht gehört haben. Er sprach vom A n t i s e m i t i s m u s. Damit will er sagen, daß der Antisemitismus bei uns existirt." Stefan R a k o v ß k y : Er ist auch vorhanden. (Heiterkeit.) N. L e p s d u y i: Wie denn nicht! Gewiß gibt es einen solchen! Bela Barabns: Es scheint, daß der Minister hierin mit der Bolkspartei übereinstimmt. Ich kann die Berechtigung des Antisemitismus nicht anerkennen: es gibt auch im Abgeordnetenhause keine Antisemiten mehr. (Stürmische Rufe in den Bänken der Volkspartei: „Ja, Einen, Franz Komlüssy!") Wenn der Finanzminister vom Antisemitisnms spricht, dann kann er nur die Absicht haben, diesem neue Nahrung zuzuführen. („Rufe: „Er will die Juden melken!") Ich als liberaler Mann tvill keinen Unterschied kennen zwischen den: einen und dem anderen, in: Ebenbilde Gottes geschaffenen Menschen. Bela B a r a b a s konnte also dem Antisemitismus, nur die B er e ch t i g u n g absprechen, nicht aber auch das Dasein in Ungarn. Und wenn auch im Parlanumte kein einziger Antisemit säße, was ivürde dies nützen, wenn man sonst dem Judenhasse officiell einen weiten Spielraun: gewährt! Es ist traurig aber wahr, daß die böse Krankheit des Antisemitismus gerade das edle Herz Ungarns, die herrliche Hauptstadt, erfaßt hat. Hinzufügen wollen tvir gleich, daß nicht die Bewohner Budapests in: Großen und Ganzen, ja, nicht einmal ein in Betracht kornmen könnender Theil derselben, sondern ein bestimmter, eng begrenzter hauptstädtischer Kreis antisemitischen Gegensätzen Hinzuneigen scheint. Unter den: Schlagworte „Antisemitismus in der hauptstädtischen Schule" haben tvir, und mit uns die meisten hauptstädtischen Blätter, davon Notiz genommen, daß in einer im 7. Bezirke Budapests (Kazinczhgasse) bestehenden Schule zwei Lehrer antisemitische Belleitäten bekundeten. Wir haben damals hierüber nichts Näheres berichtet, weil die Schulbehörde versichert hat, sie tverde eine strenge Untersuchung cinleiten und die Schuldigen bestrafen. Wie wir nun in einer Nummer des lesen, ist die Untersuchung in dieser Angelegenheit beendet, das Resultat derselben tvird jedoch verschwiegen. Gleichzeitig berichtet erwähntes Blatt, daß der jüdische Lehrer, der das antisemitische Vorgehen seiner beiden College:: aufgedeckt und die Eltern der von ihnen mißhandelten jüdischen Kinder zur Beschwerdeführung veranlaßt hat, mit der Versetzung in die Schule eines entlegenen Bezirkes bestraft wurde. Ist dies nicht officielter Antisemitismus? Gebi'chrt demjenigen Lehrer, der den Schandfleck des crassesten Judenhasses von der Schule wegwischen will, Strafe? Und warun: hat man weder die mallrätirten Kinder, noch ihre Elten: gehört, bevor man das Urtheil — wenn von einem solchen hier die Rede sein kann — gefällt? Weil es Juden, jüdische Kinder sind, uu: die es sich handelt? Wenn den: so ist, wenn die Lehrerschaft der Hauptstadt nüt so intolerantem Beispiel vorangeht und darin von der Vorgesetzten Behörde unterstützt wird, dann ist die Frage, ob es einen Antisemitismus in Ungar:: * gebe, überflüssig, dann ist es nur ein Obstructionskniff, wenn man über diese Frage im Parlamente akademisch discutirt. Ben I a a m. TV eitdjr ortif. Handel und Gewerbe in Palästina. Eine zeitgemäße und hochinteressante Schilderung der Handels- und gewerbepolitischen Verhältnisse in Palästina finden wir in einer Publikation des Herrn Dr. Salvendi, der sich Mangels jeder staatlichen Statistik über Ein- und Ausfuhr, über Landwirthschaft und Handwerk der nicht geringen Mühe unterzogen hat, dieses wichtige Gebiet durch eigene Forschungen kennen zu lernen. Wir können hier natürlich nur einige wesentliche Hauptmomente vorführen, die den Leser in den Stand setzen, sich über die Wirthschaftsverhältnisse in Palästina ein eigenes Urtheil zu bilden. Im Allgemeinen hat sich der Handel in den jüngsten zehn Jahren bedeutend gehoben; die Araber haben an Geschicklichkeit und Erfahrung zugenommen und vielfach Verbindungen mit Europa und Amerika angeknüpft. Durch öffentliche Fürsorge für Landbau und Handel könnte natürlich der ausländische Verkehr noch bedeutend erweitert werden. Den meisten Gewinn bringt die Ausfuhr von Weizen und Sesam, welch' letzterer ein Oelsorte ist, ähnlich unserem Mohn Oliven- und Sesamöl wird vielfach nach Frankreich exportirt, um dort gereinigt und als — „Französisches Del" wieder nach Palästina eingeführt zu werden. Der Wein-Export ist bislang nur sehr mäßig und das Unternehmen fleißiger jüdischer Colonisten Hingegen werden Pomeranzen, Zitronen und Rosinen massenhaft nach Duropa ausgeführt; ebenso werden die Esrogim, eine Frucht, die sich in der heißen Jahreszeit gut erhält, immer mehr beachtet. Gewinnbringend ist ferner die Ausfuhr von Seife arinenischer Provenienz, ebenso von Mais und Feigbohnen, während die Gerste weniger vortheilhaft gedeiht. Geflochtene Rohrmatten gehen etwa für 35,090 Frs. jährlich nach der Türkei und Egypten. Rach Italien, Frankreich und England gehen viele Knochen, Lumpen und Glasstücke und bis in die fernsten Länder wird die bittere, lange unbeachtete Frucht der Coloquinten, die als Farbstoff und Arzneimittel verwendet wird, in ganzen Schifisladungen exportirt Mel bearbeitet wird das Olivenholz, das Material für die verschiedensten Gebrauchs- und Luxusgegenstände. Die einheimischen Handwerker verfügen zumeist über eine erstaunliche Fertigkeit und Genauigkeit. Im häuslichen Handwerksbetrieb werden Leuchter, Kämme, Salzfässer, Becher, Blumenvasen, Schachspiele, Serviettenringe, Schreibzeuge, Lineale u. s. w. angefertigt, von Reisenden und Pilgern sodann aufgekauft und in fast alle europäischen Länder verchickt. Jüdische Drechsler haben auf den Ausstellungen in Zürich, Paris, New-Uork, Philadelphia und Berlin ausgestellt und Ehrenpreise davongetragen. (M. N. N.) Gesammtzahl der Juden. Nach den Berechnungen des Professors Lexis von der Göttinger Universitätbeträgt die Gesamnuzahl der Juden 7,403.000. Ihr Percentsatz stellt sich aus 10.000 Einwohner: in Rumänien 794 Juden, in Oesterrich 478 (?), in Ungarn 418, in Rußland 317, in den Niederlanden 216, in der Türkei 143, im Deutschen Reiche 112, in Bulgarien 76, in Frankreich 16, in Italien 13, in England 12. Diese Berechnung bedarf jedenfalls noch einer Controlle. Schöuerer als Führer der Juden. Das Organ der Volkspartei in Budapest veröffentlicht ein Interview seines Wiener Correspondenten mit Lueger. Der Bürgermeister von Wien versichert dem Interviewer, die Lage in Oesterreich sei gegenwärtig sehr ernst und aus der Krise ziehe nur Schönerer Nutzen. Schönerer sei heute der anerkannte Führer nicht nur der Deutschnationalen, sondern auch der Liberalen und, was noch mehr zu verwundern sei, — auch der Juden. Dies habe sich der Herr von Rosenau niemals träumen lassen. — Lueger wundert sich in dieser Unterredung über die treue Heeresfolge, die die Juden dem Herrn von Rosenau leisten. In seiner Mißgunst gegen Schönerer übersieht eben Lueger die unzähligen Beweise einer brüderlichen Zuneigung, die Schönerer den Juden entgegenbringt. Nur aus dem zarten Entgegen-

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