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Die Welt · 1897-08-13 · 11 (13.8.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
11 (13.8.1897)
Article
Die Stimmung in Russland
Date
1897-08-13
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 11. Seite 5. leugnen, wo er es für gut hält. Der Jude in den slavischen Ländern bleibt Jude, selbst unter den Einflüssen der modernen socialen Erscheinungen. Dies zeigte sich besonders in den letzten Jahren, als die Socialdemokraten auch jüdische Arbeiter in ihre Organisation aufnehmen wollten. Sie überzeugten sich bald, daß der jüdische Arbeiter sich doch nicht so leicht unter einen Hut bringen lasse mit dem christlichen, daß der Jude trotz aller Mühe dieser Herren „Kosmopoliten" denn doch einer eigenen Nation angehöre und — sie mußten besondere jüdische Vereine gründen. Der Mann aus dem Volke nimmt — bewußt oder unbewußt — stets den wärmsten Antheil an dem Leid und der Freude seiner Brüder. Irgend ein jüdischer Professor, der zu Weltruf gelangt, interessirt ihn mehr, als die größten Berühmtheiten seiner nichtjüdischen Mitbürger; ihn freut „jüdische Ehre", wenn sie auch nicht seine Person betrifft, wenn sie auch, wie es oft der Fall ist, ihm, dem Armen, Nachtheile bringt.... Zu allen Zeiten hat der Jude auf Hilfe, auf Erlösung gehofft; er fühlte sich nie anders, als im Golus, in abnormalen Lebensverhältnissen; der Gedanke der Erlösung mit allen ihren Attributen war ihm stets theurer denn Alles, stand ihm in den großen Nöthen bei. Wer das jüdische Volkslied, sei es im jüdischen Jargon oder in kleinrussischer Sprache kennt, weiß, welche heißen lyrischen Ergüsse darin enthalten sind — von Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft, auf Hilfe und Erlösung in Zion. So oft nur Männer auftraten, die von der „Erlösung" sprachen, von einer wunderbaren oder auch natürlichen Erlösung, wurden sie vom jüdischen Volke mit Freude und Jubel begrüßt. Vor wenigen Jahren noch wußten manche Greise von dem Enthusiasmus zu erzählen, mit welchem die Juden dem ersten Napoleon in Polen begegneten — weil es eben hieß, daß er „die Zerstreuten Israels sammeln wolle". Wahrscheinlich galt dieser Ruf der Nachricht, daß Napoleon, wie bekannt, die Juden des Orients aufforderte, Jerusalem zu erobern. Auch Montef i o r e hatte seine Popularität unter dem jüdischen Volke besonders seiner Liebe zum heiligen Lande zu verdanken. In der Blüthezeit des Liberalismus der Sechziger- und Siebziger-Jahre traten Rab. Hirsch Kalischer von Thorn und Redacteur D. G o r d o n als Prediger der Zionsidee auf. Wie groß war damals die Begeisterung unter dem Volke, welches den Assimilationspriestern nur Hohn entgegenbrachte, und wie schön malte es sich die bevorstehende Erlösung aus! Als bald nachher die Verfolgungen viele Tausende zwangen, den Wanderstab zu ergreifen und nach Amerika und anderen Ländern auszuwandern, erinnerten sich die Elenden zwar wieder ihrer alten Heimat; leider aber brachte es die niedrige culturelle und ökonomische Lage der östlichen Juden mit sich, daß sie keine Kraft zur Selbsthilfe hatten. Sie konnten nichts als Luftschlösser bauen, papierene Brücken — wie einst ihre Vorfahren es thaten. Sie wußten ja, daß es im Westen viele jüdische Papiere gab und erhofften deshalb ihre Hilfe von den dortigen Reichen. So begann eine überstürzte Massenauswanderung — nach Palästina; wenn die Unglücklichen nicht zurückgehalten worden wären, wenn sie sich in der Hoffnung aus die Hilfe der Reichen nicht getäuscht hätten — sie wären alle nach Zion gegangen! Die Armen! Sie trugen Fesseln, fühlten aber wohl sehr richtig, daß sie unter den Völkern keine Ruhe finden könnten.... Diesem ersten Andrange folgte in den Jahren 1890 bis 189 l ein zweiter, der aber nur ein Einwanderungsverbot zur Folge hatte, und so wurde ihre heiße Sehnsucht wieder gedämpft. Viele wollten verzweifeln. Es bemächtigte sich des Volkes eine schreckliche Rathlosigkeit, es suchte nach einem zweiten Moses, der es über das Meer der Leiden und des Golus hinübergeleite. Plötzlich entstand eine neue Bewegung: Baron Hirsch wollte ine große Masse von Juden nach Argentinien überführen, einen Judenstaat gründen. Einen Judenstaat, aber in der Fremde! Das Volk erwachte, aber schmerzlich empfand es die Zurücksetzung seiner uralten Heimat. Es konnte sich leider nicht anders helfen. Auch in Argentinien konnte es ja besser sein als hier! Allein in kürzester Zeit überzeugte man sich von der Fruchtlosigkeit dieser Idee, das jüdische Volk war wieder enttäuscht.... Und doch gab eS die Hoffnung nicht auf. Fühlt doch der Jude so schwer und bitter die Last des Golus; weiß er doch aus tausendjähriger Erfahrung, wie kümmerlich es sich von fremder Gnade lebe! Dr. H e r z l's Plan hat viele, viele aus dem scheinbaren Schlummer geweckt; Alles befindet sich in sehnsüchtigem Bangen und Hoffen auf den großen Tag, wo über die Tage der Juden ernst und aufrichtig verhandelt, wo eine ernste Lösung der Judenfrage in Angriff genommen werden soll. Die große Volksmasse erwartet den Tag, wo sie den Zionisten zurufen kann! „Führet uns, wir wollen gehen!" Indessen ist das Elend unbeschreiblich. Fast alle Erwerbsquellen sind abgeschnitten; Krämer, Makler u. dgl. sind an den Bettelstab gekommen, und erst int letzten Monate sind gegen hunderttausend Leute infolge des neueingeführten Branntwein-Monopols um das tägliche Brot gebracht worden. Schaarenweise ziehen die Juden aus den Städten, um Feldarbeit zu suchen und finden keine Arbeit, erstens, weil es ein großes Angebot von russischen Arbeitern gibt und zweitens — weil s i e Juden sind. Und die letzten Excesse haben, wie es auch die russische Presse zugibt, zur Genüge gezeigt, daß die Juden nur deshalb verfolgt werden, weil sie dem russischen arbeitenden Volke Concurrenz bieten. Das russische Volk will sich eben sein Brot nicht nehmen lassen. Sollte dies nicht eine Lehre sein für diejenigen, die da meinen, der Judenhaß würde aufhören, wenn wir aushören, ein Volk des Handels zu sein und uns der Arbeit zuwenden sollten? In Wahrheit haßt man uns überall, auch wenn wir uns noch so rein waschen, wenn wir tausendmal besser sind.... So unglücklich und elend ist hier die Lage des jüdischen Volkes — es hofft noch, es erwartet bessere Tage an einem Orte, der ihm gehören wird. Es ist ja nicht wahr, was man zu behaupten pflegt, daß unser Volk nie mehr ein politisches Leben würde führen können. Unser Volk ist nicht schlechter als alle andere». Schaffet die abnormalen Bedingungen seines Lebens ab, bringet es in eine gesündere Umgebung, in eine freiheitlichere Welt, und ihr werdet sehen, was es noch vermag. Wer, wie ich, in der Mitte des Volkes lebt, kennt dessen Geist und Bestrebungen, weiß wie sehr es seine Lage zu ändern und ein neues Leben zw beginnen wünscht. Allein es trägt schwere Fesseln an Körper und Geist. Dieses Volk ruft Euch Allen zu, all' denjenigen Edlen, Gelehrten und Gebildeten, seien es Juden oder Nichtjuden, die noch freie Hände haben, die sich nicht dem Goldenen Kalbe ergeben: „Gehet vorwärts in Euerer heiligen Arbeit Ihr werdet siegen, trotz der Feiglinge, die die Schmach der' Sklaverei nicht empfinden!" Auf Euerer Seite stehen auch die Ueberreste der alten unverderbten jüdischen Beth-Hamidrasch, denen die jüdische Lehre von der Zukunftsidee noch Ernst ist. Euch gehören hunderttausende jüdische Arbeiter und Handwerker; Euch wollen sich alle C h o w e w i m anschließen, die Thaten und keine schöne Reden lieben. In Eurem Lager werden sich all die Millionen trostloser, erbitterter Brüder einfinden, die den Grundstock der jüdischen Nation bilden, die sich nicht mit jener Missionslüge abspeisen lassen, welche von einigen gutsituirten Phrasenhelden zum Hohne des ganzen Volkes erfunden wurde. Euere Anhänger sind all' die wahren Märtyrer, welche für das Judenthum leiden, auf dessen Sieg hoffen und seine Erlösung sehnlichst wünschen. Odessa. N. Sl.

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