Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 11 (13.8.1897)
- Article
- Berliner Judenhass
- Date
- 1897-08-13
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 11. Aber neben dieser Analogie wachsen eine ganze Menge von Verschiedenheiten empor. Die bedeutenste ist die Armuth an Phantasie bei den Preußen und der Reichthum an solcher bei oen Inden. Darum ist der Preuße Verstandesmensch en gros und en. detail, der Jude nur en detail, und auch da kommt manchnial die Einbildungskraft dazwischen. Dieser Unterschied drückt sich im Erwerbsleben aus. Der Preuße ist ein nüchterner, vorsichtiger Kaufmann, der Jude ein zagender, wagender Unternehmer. Daraus folgt, daß der Preuße dem Juden mindestens gewachsen ist. Die paar jüdischen Millionäre, denen der Wurf gelungen ist, bedeuten wenig. Der jüdische Mittelstand ist nicht besser gestellt, als der preußische und kann sich nicht über ihn erheben wie anderwärts. Das preußische Bürgerthum hat also gar keinen Grunds sich vor oen Juden zu fürchten, und da in den niederen Schichten der Bourgeoisie wieder infolge des rationalistischen Zuges der Preußen, die Socialdemokratie dominirt, ist für eine politische antisemitische Bewegung, wie die Wiener, von vornherein wenig Aussicht vorhanden. Das wäre aber erst das halbe Geheimniß des Berliner Ex-Antisemitismus. Denn, wenn man von Antisemitismus spricht, muß man auch vom Judenhasse sprechen. Die beiden Dinge sind nicht dasselbe, aber sie bedingen einander. Der erste ist eine Offenbarung des zweiten. Der nichtgeoffenbarte Judenhaß heißt mit eineni uralten hebräischen Worte: Rischus. Eine selbstverständliche Proportion lautet nun: Je weniger Rischus, desto mehr Antisemitismus und umgekehrt. Oder concreter: die Wiener Antisemiten sind weniger Reschoim als die Berliner Nichtantisemiten. Darin zeigt sich nämlich das Verstandesmenschenthum der Berliner besonders leuchtend, daß sie ihre Gefühle, von denen eines der stärksten der Widerwille gegen alles Fremde ist, so gut meistern. Nur oberflächliche Beobachter sind es, welche diese Ruhe ernst nehnien und den Fremdenhaß im Verkehre der modernen Weltstadt untergegangen wähnen. Nein, er lebt unter einer dünnen Hülle weiter. Jeder Fremde, der nach Berlin kommt, weiß von der Unliebenswürdigkeit des Berliners zu erzählen. Der Fremdeste der Fremden ist aber auch hier der Jude. Es kommt wohl fast nie vor, daß der Berliner den ihm unbekannten Juden beschimpft; selbst eine Geberde, die eine empfindliche Natur als höhnend auslegen könnte, erlaubt er sich verhältnißmäßig selten. Aber er hat den starren, unfaßbaren Blick der Fremdheit, der sich zwischen ihn und den Angesehenen wie ein eisiger Gletscher schiebt. Es ist eine Selbstverständlichkeit des Nichtverkehrs zwischen Juden und Nichtjuden in Berlin, wie sie selbst in Wien nicht besteht. Wenn sie aber denn doch irgendwie mit einander verkehren müssen, sei es geschäftlich, sei es nachbarlich, dann nimmt sich der Berliner seine Fremdheitsatmosphäre mit. Mildere, vornehmere Naturen wandeln sie dann wohl in urbane Höflichkeit um. Der Pöbel ist einfach brummig und schließt oft die Bekanntschaft mit einem antisemitischen Ausbruch, der die berühmtesten Wiener Muster beschämt. Mit diesem, ihrem relativ ruhigen Rischus kommen nun die Berliner weiter als die Wiener mit ihrem temperamentvollen Antisemitismus. Ohne daß es die kurzsichtigen und schwerhörigen Juden, deren Sinne nur auf antistzmitischen Feuerbrand und Kanonendonner reagiren, merken, macht man sie mit preußischer Gründlichkeit — und die ist unglaublich — zu Staatsbürgern zweiter Classe, die überall hintanstehen und namentlich in der Beamtenhierarchie hübsch weit hinten gelassen werden. Die Zurücksetzung der Juden im Staatsdienste möchte ich nämlich auch ganz und gar nicht dem Antisemitismus und seinen wicthschaftlichen Anlässen zuschreiben. Ich bin überzeugt, daß hier die materialistischen Momente ganz verschwinden gegenüber dem idealistischen Momente einer patriotisch-nationalen Fürsorge und Abwehr. Auch hier Rischus, nicht Antisemitismus. Ob aber auch der Antisemitismus noch irgend welche Aussichten in Berlin hat, das ist eine Frage, die nach dem Vorausgegangenen im Grunde wenig Interesse bietet. Ich glaube übrigens, daß er vor der Wiedergeburt steht. Es sind Anzeichen dafür vorhanden. Die politischen Verhältnisse werden ihn neuschaffen. Vielleicht wird er dann insoferne von nachhaltigerer Bedeutung, als er die deutschen Juden dem Zionismus näher bringen dürfte. Denn von den deutschen Juden in ihrer heutigen Verfassung zu erwarten, daß sie sich ohne die Ruthenstreiche des Antisemitismus, rein aus Empfindlichkeit für das Rischus, aus stolzem nationalen Individualismus der zionistischen Bewegung anschließen, das wäre thörichter Optimismus. Vielleicht ginge es noch, wenn sie nicht so traurige Führer hätten!. . .. Die Stimmung in Rußland. Sie wünschen die Volkesstimme in Rußland kennen zu lernen.... Bei Euch im Westen wird jetzt viel für und wider den Zionisten-Congreß discutirt. Ob es auch hier, im äußersten Osten Europas, im Aegypten der Neuzeit, wo der bei weitem größere Theil der jüdischen Volksmasse wohnt, Gegner des Zionisten-Congresses gibt? Tritt man auch hier gegen Euch mit Protestkundgebungen auf? Diese Frage, glaube ich, dürfte die Zionisten des Westens vor Allem interessiren. Ich will mich im Folgenden bestreben, die Antwort darauf zu geben. Wird diese Antwort aber Euch auch frommen? Ich bin überzeugt, daß sie nur im Stande sein wird, Euren Muth zu heben. Euch neue Kraft und Ausdauer einzuflößen im Kampfe für die heilige und gerechte Sache unseres Volkes. Denn sie birgt in sich die Versicherung, daß das Volk, die ganze große Masse des jüdischen Volkes auf Eurer Seite steht. Euch angehört, wo immer und in welchen Lebensstellungen es sich immer befindet. Das Volk ist für Euch, ganz bedingungslos, ohne viel Reflexion und Klügelei, weil es ja unmöglich gegen Euch sein kann, weil es seit den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört hat, sich als Ein Volk, ein besonderes, eigenartiges Volk zu fühlen. Das Volk ist für Euch, weil es sich überhaupt noch nicht jenem Pseudoliberalismus in die Arme geworfen hat, der seine Assimilation voraussetzte, weil das Volk noch lange nicht daran denkt, sich zu assimiliren. Man frage einmal einen armen Arbeiter auf dem flachen Lande, einen Lastträger in Odessa, einen Hausierer, kleinen Krämer, Schneider oder Schuster in irgend einer anderen Stadt, wer und was er sei? „Ein Jude bin ich!" wird die verblüffte Antwort des nicht wenig Erstaunten lauten. „Ich bin ein Jude und hoffe, daß es auch meine Kinder bleiben werden." Auf die Frage, ob er nicht etwa Slave sei und blos der „m o s a i s ch e n C on f e s s i o n" angehöre, ob nicht das Land, in welchem er wohne, ihm gehöre, wird die Antwort verschieden ausfallen, je nach dem Grade der Gläubigkeit des Gefragten. Der Strenggläubige — und solche sind die meisten hiesigen Juden — wird entschieden erklären: „Ich bin ein Jude, wie es meine Eltern waren; ich bin wie sie im Golus, bis sich Gott einst unser erbarmen und uns abermals erlösen wird Dagegen wird die Antwort desjenigen, der weniger gläubig, in dessen Herzen die Skepsis bereits Eingang gefunden, lauten: „Ich bin Jude, gehöre einem unglücklichen Volke an, den: von jeher Leid und Verfolgungen beschieden sind." Er wird sich aber auch nie «inreden lassen, daß er, der sich von Anderen im Denken, Fühlen nnd seinem ganzen Leben sehr unterscheidet, plötzlich ein „Slave" werden könnte. Das innere Gefühl der Angehörigkeit zur jüdischen Nationalität lebt in seinem Fleisch nnd Blut, manifestirt sich in seinem ganzen Leben. Denn nur der Mensch einer höheren Cultur kann seine inneren Gefühle nach Außen hin ver-