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Die Welt · 1897-08-13 · 11 (13.8.1897) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
11 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
1 (sequence 3)
Language
German
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Erscheint jeden FreitNA. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, II., Rembrandstraße 11, zu richten. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. lUPIttllÄttfPtlV* Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. ---- 12 Kr.; Für das Ausland: Deutschland ganz- . jähng 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Ps., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Rußland ganzjährig 3 R. 50 Kop., halbjährig 3 R. 25 Kop^ Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs. halbjährig 8 Frcs. 50. Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Ur. 11. Wien, 13. Anglist 1897. 1. Jahrgang. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Einzelne Uummern 15 kr. KedarLion und Administration Wien II., Rembrandtstraße 11. Telephon Nr. 8805. Anden nnd Christen. Von S. Lublinski. Die christliche Religion ist ganz sicherlich eine feminine Religion. Ihr legitimes Kind ist die Romantik, welche das Weib in einer Weise vergöttlicht und durchseelt hat, wie sie dem gesammten Alterthum, trotz seiner Ruth und Deborah, seiner Penelope und Aspasia, vollkommen fremd war. Aber nicht nur diese Verfeinerung des sinnlichen Triebes unb der Geschlechtsliebe ist dem Christenthum auf Rechnung zu schreiben, sondern auch das gerade Gegentheil davon — die raffinirteste Askese und Fletrirung aller Sinnlichkeit. Das Weib, welches sich so oft die höchste Vergötterung gefallen lassen durfte, wurde nicht minder häufig beschimpft unb geschändet, als Urquell alles Bösen bezeichnet — der Mariencultus und der Hexenaberglaube wuchsen auf der gleichen Wurzel. Natürlich fehlte nicht die Verbindungslinie zwischen diesen beiden Polen, und der ganze Gegensatz erklärt sich nicht minder aus der Entwicklungsgeschichte des Christenthums, als aus dem Wesen der Religionen überhaupt. In ihrem tiefsten Grund beruht alle Religion auf dem menschlichen Unterbewußtsein, auf den dunklen Trieben des Instinkt- und Gefühlslebens, welche den Einzelnen mit der Natur und dem Weltall, dem ganzen Kosmos innig verknüpfen. Eigentlich den direkten Gegensatz dazu bilden die Products des niettschlichen Verstandes, alle Bestrebungen, die nicht einem dunklen Gefühl, sondern einer sehr zweckbewußten, intelligenten Klarheit entspringen. Die höchste Leistung des menschlichen 'Verstandes ist aber der menschliche Staat, soweit seine juristische Construction nnd die diplomatische uud militärische Leitung aller Verhältnisse dabei in Betracht kommen. Das politische Leben im strengsten Sinne des Wortes müßte demnach der Tod aller Religionen sein, und wenigstens für die wechselseitigen Persönlichkeiten trifft diese Folgerung vollkommen zu. Der nüchterne Politiker und Staatsmann wird den fanatischen, religionstrunkenen Schwärmer mit größtem Mißtrauen, wenn nicht mit erbittertem Haß in seine Kreise einbrechen sehen. Aber er kann das nicht verhindern, da er den sonderbaren Schwärmer sehr nothwendig braucht. Das Staatsleben verlangt eben eine Organisation, straffe Unterordnung und mitunter einen eisernen soldatischen Gehorsam. Die materielle Gewalt allein wird der rebellischen Menschennatur solch' weitgehende Zugeständnisse niemals abtrotzen können, und so ist die Aufgabe des Staatsmannes, daß er den Gehorsam, welchen er braucht, zu einem sogenannten „freiwilligen" Gehorsam stempelt. Er muß ihn in das Gemüths- und Jnstinktleben seines Volkes hinüberleiten, er muß Schwärmer und Fanatiker haben, die sich vor seiner Organisation, als wäre sie eine Gottheit, laut anbetend in den Staub werfen. Folglich ruft er die Hilfe der religiösen Naturen und auch der heiligen Kirche an, die ja der große Behälter ist, in welchem alle Jnstinktströme fluthend zusammenschlagen, um von dort aus, je nach Bedarf, in kleineren Canälen wieder abgeleitet zu werden. Der Staat bekommt sein reichliches Theil von diesem Strom, den er besonders aus das Räderwerk seiner Heeresorganisation hinüberlenkt. Nicht nur Tapferkeit wurde vom Landsknecht verlangt, sondern auch „Frumbheit", Frömmigkeit, freiwilliger Gehorsam gegen Gott und die Vorgesetzten. Im Alterthum, bei Griechen und Römern, stützten und nützten sich wechselseitig der Staat und die Kirche. Bei den Juden schien eine Zeit lang ein heftiger Conflict entbrennen zu wollen, bis auch sie schließlich zu einer Vereinigung gelangten und sogar noch viel schärfer, als andere Völker, die politische Theokratie gestalteten. Das Christenthum aber, welches angeblich nur eine Fortbildung des mosaischen Glaubens ist, hat es nicht vermocht, die Staats- und Religionsinteressen zusammenzuklammern, sondern es erfand geradezu die klassische Form für den Kampf der beiden Gewalten — das Papstthum und das Kaiserthum. Schon diese schwerwiegende Thatsache läßt darauf schließen, daß Mutter und Tochter nur ganz äußerlich und durch den Zufall der Geburt mit einander verwandt sind. Der Jnteressenconflict zwischen Staat und Kirche entspringt aus zwei Quellen. Einmal muß der innerliche Gegensatz zwischen dem Jnstinktmenschen und Politiker doch immer wieder, trotz Züchtung eines heiligen Gehorsams, machtvoll Hindurchbrechen, und zum Zweiten sieht sich auch die Kirche oft genug zu einer Organisation genöthigt, die natürlich einen Staat im Staate bildet, so daß Competenzstreitigkeiten und erbitterte Grenzkriege niemals ausbleiben. Der politische Gegner der Kirche wird in solcher Kampfzeit stets auf den auffallenden Widerspruch Hinweisen, daß eine Institution, die sich auf Gefühls- und Gemüthsgründen aufbaut, zugleich eine planmäßige, materielle Machtorganisation anstrebt. Trotzdem aber ist diese Organisation eine Nothwendigkeit, eine logische Folge der doppelseitigen Menschennatur. Der Mensch will eben beides. Er will sich 'einen Gefühlen und Instinkten schrankenlos hingeben und ie zugleich beherrschen, sie fest am Zügel halten. Er will 'chwelgen in aller Süßigkeit der Welt, ohne daß er sich den Magen dabei verdirbt. Darum wird er sich auch nach

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