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Die Welt · 1897-08-06 · 10 (6.8.1897) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
10 (6.8.1897)
Article
Uriel Acosta
Date
1897-08-06
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16. in<&m Nr. iö. einer neuen Generation. Und endlich trat das, was er immer gefürchtet hatte, ein. Sein Bruder, der sich unter verschiedenen Ausflüchten geweigert hatte, sein Capital frei zu mache», riß sein Vermögen allmählig an sich. Uriel wagte nicht, sich beini Magistrat der Stadt zu beklagen, denn er war diesem bereits als Atheist verdächtig; außerdem konnte er «acht holländisch und war in weltlichen Dingen wie ein Kind. Nur seine Liebe zu seinen« Bruder verrvandelte sich in tödtlichen Haß, der kaum gesteigert ward, als Josef Janthe unter den Trauhimmel geleitete. So verstrichen sieben schreckliche Jahre, und Uriel, der Einsame, vorzeitig Gealterte, versank in tiefe Schwermuth. Er sehnte sich nach menschlicher Gesellschaft uub der Gedanke, daß er sie auch außerhalb der Judenheit finden könne, kam ihm nie in den Sinn. Zuletzt demüthigte er sich und suchte «nieder die Verzeihung der Synagoge. Aber diesmal «vard er nicht so leicht in ihren Schoß wieder ausgenommen. Die Aeltesten, die düstere Form der Inquisition nachahmend, von der sie so viel gelitten hatten, vereinigten sich mit den Rabbis, um eine Buße zu ersinnen, die die Erinnerung an die Reue des Ketzers dem Geiste seiner Generation für ewig einbrennen «vürde. Uriel ivilligte ii« die Buße, beinahe ohne zu wissen, was man von ihm verlangte. Alles «var ihm lieber als noch ein Tag der Einsamkeit. So «vard denn der ii« ein schivarzes Trauergemand gekleidete und eine schwarze Kerze haltende Bußfertige in die dicht mit Männern und Frauen gefüllte große Synagoge geführt. Er, der die Beschämung vor den Menschen von Jugend auf gefürchtet hatte, mußte die Emporbühne betreten, von der er einen lange«« Widerruf verlas, alle seine rituellen Sünden und alle seine geistigen Jrrthümer beichtete und versprach, bis zum Tode als treuer Jude zu leben. Dann stimmte der neben den« Todtengräber stehende C h a ch a n« feierlich den achtundsiebzigstei« Psalm an : „Er aber «var barmherzig und vergab die Missethat und vertilgte sie nicht und «vendete oft seinen Zorn ab und ließ nicht seinen ganzen Zorn gehen. Denn er gedachte, daß sie Fleisch sind, ein Wind, der dahin fährt und nicht «viederkoinlnt." Er flüsterte Uriel ctivas zu und dieser schritt in eine Ecke der Synagoge, entblößte sich bis zum Gürtel und empfing stumiuen Mundes nerlnunddreißig Geißelhiebe. Dann setzte er sich blutend auf den Boden nieder, «nährend der Bann von ihm genomnien «vard. Zuletzt legte er seine Kleider «nieder an, streckte sich auf der Schwelle aus und die Genieiude schritt über feinen Körper hinweg, wobei einige im frouimen Abscheu nach ihm stießen, andere wüthend auf ihn« heruuitraten. Der Büßende blieb starr liegen und drückte das Gesicht mtf den Bode». Nur als sein Bruder Josef auf ihm herunitrat, erkannte er an dem Tritt und den Athenizügen, «ver der Feigling «var. Als der letzte der Gemeinde über seiner« Körper hin- «veggeschritten «var, erhob sich Uriel und entfernte sich «vortlos. Die Gemeindemitglieder, welche, die schreckliche Scene noch immer besprechend, in Gruppen auf der Canalbrücke standen, «vichen erschauernd «md verstummend beiseite, als die seltsame Gestalt «vie ein Nachtwandler vorüberschritt: hochaufgerichtet, den Kopf stolz zurückgeworsen, mit zuckenden Nasenflügeln, aber den« Gesichte eines Todten. Und die Menschen sahen ihi« nie «nieder. In seinem Studierzimmer eingeschlossen. arbeitete er fieberisch, Tag und stacht, an seiner Lebensbeschreibung: „Exempla Hunianae Vitae“, ein Beispiel des menschlichen Lebens nannte er es mit tragischen« Nachdruck. Das Werk enthielt kau««« ein Wort von dem, «vas die Welt eine Lebensbeschreibung nennt,— es «vor nur der trockene Bericht seines abstracten Denkens, seines Fortschrittes z>« einem «veiteren Standpunkt, zu jener großen Entdeckung, daß alles Nebel vom Nichtbefolgcn der ivahren Vernunft und des Naturgesetzes komine. Außerdem «var es eine giftige Denunciation des J«ldenthun«s und der Rabbiner: „Sie würden Jesuu« selbst jetzt kreuzigen, wenn er wieder känie." Die Weisheit seiner Lebenserfahrungen zusammenfassend, hieß er die Menschen ihre Nächsten lieben, nicht weil Gott es ihnen gebietet, sondern weil sie Menschen sind. Was das Judenthum, was das Christenthum in Wahrheiten enthält, gehört nicht der Offenbarung, sondern der natürlichen Religion an. Die Liebe ist älter als Moses, sie verknüpft die Menschen miteinander; das Gesetz Moses' trennt sie: die erstere bringt Harmonie, das zweite Zivietracht in die menschliche Gesellschaft. Seine Aufgabe näherte sich ihrem Ende; auch sein langer Kampf mit den Rabbis «var dem Ende nahe. „Meine Sache steht so hoch über der ihren, wie die Wahrheit trefflicher ist als die Lüge: denn während sie Sachverivalter eines Betruges sind, da«««it sie die Menschei« zur Beute «md zu Sclaven machen können, kämpfe ich edel für die Sache der Wahrheit und behaupte die natürlichen Rechte der Menschheit, der es geziemt, der Würde, ihrer Natur gemäß zu leben, frei von der Bürde des Aberglaubens und eitler Ceremonien." Es «var geschehen! Er legte den Kiel nieder und lud seine silberbeschlageneu Pistolen. Dann stellte er sich, wie einst, ans Fenster, um das Vorübergehen seines Bruders Josef abzuivarte». Er «vußte, daß seine Hand nicht fehlen «vürde. Die Tage verstrichen, aber jeder Sonnenaufgang fand ihn auf seinen Posten. Eines Nachmittags erschien Josef, aber Daniel begleitete ihn. Uriel legte die Pistole nieder und wartete, denn er liebte den Knaben noch immer. Ein andermal ging Joses mit Janthe vorbei. Und Uriel wartete. Aber bei««« dritteirmal kan« Joses allein. Uriels Herz schlug vor Wonne hoch auf. Er zielte sorgsam und feuerte. Der Schuß knallte und erschreckte die Nachbarschaft; aber Josef floh entsetzt, unbeschädigt und schreiend. Halb überrascht über den Fehlschuß, halb in verzweifelter Ergebung, ließ Uriel die Pistole fallen. „Es gibt keine Gerechtigkeit!" n«ur«««elte er. Wie grau der Himmel «var! Wie kalt, i««ie finster die Welt! Er ging zur Thür und verriegelte sie. Da«««« nahm er die zweite Pistole hervor. Flüchtig bemerkt er das G, das dar««« eingegraben «var. Gabriel! Gabriel! Was für Erinnerungen zariberte der alte Name hervor! Thränen traten ihm in die Augen. Warum hatte er ihn in Uriel verwandelt? Gabriel! Gabriel! War das die Stiiume seiner Mrrtter, die ihn rief, «vie einst im sonirigen Portugal unter den Reben und den Oelbäumen? Erschöpft, weltmüde, über seine Jahre hinausgealtert, geschlagen in dem langen Kampfe, verziveifelnd an der Gerechtigkeit auf Erden und ohne Hoffnung auf Gerechtigkeit im Himmel, lehnte sich Uriel Acosta matt an sein geliebtes P««lt, legte den kalten Sauf der Pistole an seine Stirn, drückte auf den Hahn und fiel todt über die offenen Seite» seines „Exenipla Humanae Vitae“. Das dünne, bläuliche Rauchwölkchen zögerte ein wenig, ehe es sich «vie der nichtige Geist eines vergänglichen Wesens verfllichtete — „ein Wind, der dahinfährt und nicht wiederkoinmt". 2 ti t unfere jCefer! I«» der nächste« Rümmer beginne« wir mit der Veröffentlichnng der Novelle Ghana R«l»in von W. Okonski. Diese reizende Novelle ist der vom bekannten Warschauer Schriftsteller AdamSwietochowskt psendonym veröffentlichten Novellentrilogie „Vom Leben" entnommen. In derselben wird das Schicksal eines Deutsche«, eines Nnthene« nnd einer Jüdin geschildert, die ans polnischen Boden als Fremde leiden «nd zn Grunde gehe». Die arme Jüdin Chava Rnbin ist die erschütterndste Gestalt der ganzen Trilogie. Die Redaetion. Herausgeber: $)ituJ itafd/rttm*. Verantwortlicher Nedacteur: Dr. S. R Karr-air. Druck von Franz Schäler, Wien-Döbling.

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