Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 10 (6.8.1897)
- Article
- Parteitag der deutschen Zionisten in Bingen [Nachricht]
- Date
- 1897-08-06
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315720--00942-3379898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aeite 4. ftr. 10. Auf dem Parteitage der deutschen Zionisten i« Bingen wurden bekanntlich Resolutionen gefaßt, die ein eigener Referent vorlegen wird. * * * Die „Jüdische Presse" veröffentlicht in ihrer letzten Nummer folgende Correspondenz: „Montreal 10. Juli. Man mag über den Zionisten- Congreß des Dr. H e r z l wie immer denken, in der V e ru r t h e i l u n g der Gründe, mit denen die „Central-Conferenz der Rabbiner Nordamerikas" ihren ablehnenden Standpunkt motivirte, dürften wohl Freunde und Gegner übereinstinunen. Die Versammlung, welche am 6. d. M. unter Vorsitz des Herrn Rabbiners W i s e -Cincinnati hier tagte, ertheilte folgender von demselben ausgeführten Begründung ihr Placet: „Der Congreß und der Judenstaat beabsichtigen, verfolgten und bedrückten Juden eine Hciniatsstätte zu schaffen. Wir Juden in Amerika leben so frei, daß auch ein jüdischer Staat keine größere Freiheit gewähren kann, folglich (!) geht uns der Judenstaat nichts an." Na, also! Und die Herren haben ja nichts anderes gcthan, als daß sie uns einmal unvorsichtigerweise ihre wahren, für die meisten ihrer zionsfeindlichen Collegen maßgebenden „Gründe" ihres Verhaltens enthüllten. * * In Folge eines unliebsamen Versehens ist der Name des einen Congreß-Referenten für den Programmpunkt der Colonisation, Herr Dr. A. K a m i n k a, aus dem Programme ausgeblieben. Zuschriften, welche Coloiiisationsfragen betreffen, können auch an den Referenten Herrn Dr. A. K a m i n k a in Prag gerichtet werden. Deutsche und polnische Inden. Von Dr. N. Viril bäum. Daß man immer nur feine eigene, nicht die Art der Anderen begreifen will, ist eine alte Untugend. Ohne dieselbe würden die Antisemiten keine Antisemiten und so viele Inden keine Abwehrleute sein. Der zweite dieser Beispielsfälle ist allerdings der entschuldbarere, denn hier spielt außer der Subjectivität, die jedem Urtheile innewohnt, auch noch die Gemnthsbewegung des Beleidigten eine Rolle. Doch, was soll man sagen, wenn dieselben, die sich über den Antisemitismus entrüsten, den Stammesgenossen anderer Länder verständnißlos gegenüberstehen? Nun, man muß auch das zu begreifen suchen. Einer der stärksten Gegensätze innerhalb der heutigen Jndenheit ist derjenige zwischen den Juden von West- und Mitteleuropa und den Juden aus dein Osten unseres Erdtheiles. Wir wollen ihn mit Rücksicht darauf, daß die große Mehrheit der elfteren deutsche Juden find und die letzteren mit dem Sammelnamen „polnische Juden" bezeichnet zu werden pflegen, kürz den Gegensatz zwischen den deutschen und polnischen Juden nennen. Welcher Natur ist dieser Gegensatz? Es ist geradezu verlockend, ihn als nationalen zu betrachten. Deutsche und polnische Juden — was kann das anderes bedeuten, als Deutschthum gegenüber dem Polenthum? Aber so einfach liegt die Sache denn doch nicht. Es kann zwar nicht geleugnet werden, daß die westlichen Juden Manches von den Völkern des Westens, die östlichen Juden Manches von den Völkern des Ostens ungezogen haben und daß diese anerworbenen Züge den Gegensatz zwischen deutschen und polnischen Juden einigermaßen mitbestimmen. Aber nur einigermaßen! Der Haupttheil des Gegensatzes liegt anderswo. Wenn ein deuscher Jude die Ostgrenze seines Vaterlandes überschreitet, sieht er sich plötzlich in eine neue Welt versetzt. Es ist nun merkwürdig und bezeichnend, daß ihm in dieser neuen Welt eigentlich nichts so auffällt, wie die Juden. Sie sind es hauptsächlich, die ihn zum Kopfschütteln vernnlassen. Nein, so etwas! Da sind wir doch bessere Menschen, denkt e>. Wirkleiden uns und sprechen wie alle Welt, und dann sind wir ja auch artiger und gesitteter. Wir fuchteln nicht so viel mit den Händen herum, wir kreischen nicht so unausstehlich, wir kriechen, hüpfen und laufen nicht so possirlich. Es ist eine wahre Schande für. . . für . . . für — er denkt eine Weile nach, wofür denn eigentlich — für das Judenthum. Und auf der Pferdebahn, die merkwürdigerweise auch durch die Ghettostraßen fährt, rückt er wohl ein wenig von den schwarzen Gesellen ab. Wie sie ihn mit ihrer zudringlichen Neugierde anglotzen! Das thun sie nämlich wirklich, die polnischen Juden. Aber am allerwenigsten aus Neugierde. Vielleicht sind sie dabei recht interessanter Weise von zwei Gefühlen beseelt, die sich sonst nicht sehr gut miteinander vertragen, von Respect und Verachtung. Der „Datsch" weiß was sich schickt, denkt der polnische Jude, und versucht dem deutschen Juden zu gefallen. Gehört er den alleruntersten Volksschichten an, so wird er die allerverkehrtesten Schritte machen, um zu diesem Ziele zu gelangen, so daß der andere noch mehr abgestoßen wird. Ist er intelligenter, so wird er trachten, seinem Aussehen und seiner Haltung etwas mehr Eleganz und Strammheit zu geben. Vielleicht fängt er mich mit einem Freunde ein Gespräch an, das dem deutschen Juden von der Fortgeschrittenheit und dem weit- _ »launischen Wesen des Sprechers eine gute Meinung bei-' bringen soll. Aber alle diese Bemühungen hindern ihn nicht, den deutschen Juden gleichzeitig komisch zu finden. Es kommt ihn, so unglaublich lächerlich vor, einen Juden dasitzen zu sehen, so steifprotzig und würdig, so ganz wie einen Christen und doch nicht so. Sind eigentlich doch Narren, diese deutschen Juden und gar viel mag hinter ihrer Maskerade nicht stecken, denkt er zuletzt. Die Abneigung der deutschen gegen die polnischen Juden und umgekehrt, kann zu den schroffsten Formen ausarten. Auf Seite der polnischen Juden tritt dies dort ein, wo die demüthige Anerkennung der höheren Civilisationsstufe der deutschen Juden fehlt, was am häufigsten gerade bei den kräftigen Naturen der Fall ist. Auf Seite der deutschen Juden wieder zeigt sich die Abneigung besonders stark in jenen Individuen, die von dem inneren Gehalte der europäischen Cultur nur sehr wenig erworben haben, dafür umsomehr mit ein paar äußerlichen Requisiten derselben flunkern. Weil sie einen weißen Hemdkragen anhaben, glauben solche Leute auf die polnischen Juden dermaßen herabsehen zu dürfen, wie etwa Dr. Peters auf seine farbigen Schützlinge. Culturverbohrtheit und Culturprotzenthuin — das find die Ursachen, die dem Widerwillen zwischen deutschen und polnischen Juden in den extremsten Fällen zu Grunde liegen. Und in allen Füllen ist es der Culturgegensatz, der die gegenseitige Abneigung begründet. Wohlgemerkt: Culturgegensatz! Nicht das gibt den Ausschlag, daß die polnischen Juden auf einer niedrigeren Civilisationsstufe stehen, sondern daß sie eine andere Cultur haben, als die deutschen Juden. Sie haben nicht die europäische, sondern die mittelalterlich- oder ghettojüdische Cultur, die dem europäisch gedrillten oder geschulten Auge, als im höchsten Grade unästhetisch und unweltlich, ein Greuel sein muß Wirklich ist sie als die Cultur eines in den verkümmertsten Verhältnissen lebenden Volksstammes eine groteske, und dazu verdammt, keine höheren Civilisationsstufen hervorzubringen. Aber, weil sie der wahre Ausdruck, der Inhalt, die Eigenart des Volksgeistes ist, läßt sie dem Volke seine ursprüngliche Ganzheit, die Geschlossenheit seines Wesens. Die polnischen Juden sind einheitliche Menschen, ohne Zwiespältigkeit, aus einem Stücke. Das sind die deutschen Juden nicht, trotzdem sie in einer Cultur leben, die sich bis zu den schwindelndsten Höhen der Civilisation entfaltet hat und weiter entfalten wird. Denn ihre Stellung zu dieser Cultur ist eine merkwürdige; der heutige Europäisums ist eine internationale Hervorbringung moderner Wirthschaftsverhältnisse, aber er setzt, wie jeder Jnternationalisnms die Nationalität voraus.