Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 10 (6.8.1897)
- Article
- Nationaltrauer
- Date
- 1897-08-06
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. io. Seite 3, llrttionaltnutcr. „Ich war immer der Ansicht, daß die Wiederauftichtung Zions eine geschichtliche Nothwendigkeit ist, welche sich als solche zn geeigneter. Zeit Herausstellen werde. Die Zeit ist jetzt gekommen. Auf Hindernisse und Schwierigkeiten war ich von vornherein gefaßt. Darum bin ich auch jetzt nicht mmhlos geworden." D. Gordon an Perez Sniolensky. Zu den schrecklichsten und unvergeßlichsten Tagen in der jüdischen Geschichte gehört der neunte Ab. An diesem Tage verlor der jüdische Staat seine Unabhängigkeit und das jüdische Volk seine Freiheit; die Tochter Zions wurde zur Witwe und die Sohnes Juda zu heimathslosen Flüchtlingen. An diesem Tage ist das Golus zur Welt gekommen. Warum ich nicht ein modernes Wort gebrauche? Warum ich nicht sage: Zerstreuung, Exil, Diaspora? Weil sonst kein Volk aus Erden diesen Begriff kennt und dafür in seiner Sprache einen Ausdruck zu schaffen brauchte. Nicht die Polen, nicht die Iren, und auch nicht die 20 Millionen Ruthenen, die sich nach einer freien Ukraine sehnen. Kein Volk weiß, was das heißt, von der Scholle vertrieben werden, wo seinelohnen lebten und begraben wurden; dort recht- und schutzlos dastehen, wo man alle Bürgerpflichten treu und hingebungsvoll erfüllt; kein Volk weiß, was das heißt, heimatslos sein, stets zur Wanderschaft bereit, voll banger Angst vor der Frage: Wohin? Das wissen nur die Juden. Denn sie sind im Golus. Am 9. Ab. werden alle diese nationalen Gefühle in uns wach. Alle diese historischen Erwägungen drängen sich uns auf» Wir eilen mit unserer Phantasie an allen Leidenstationen unserer Geschichte vorüber und wissen nicht, wann sie ihr Ende erreichen, was wohl der nächste Morgen bringen wird. Und gleich dem Kinde in deni berühmten Gedichte Frug's schleudern wir gen Himmel die Frage: „Wann wird der Becher schon voll sein?" Wann wird das Golus enden? Darum ist der neunte?,b für uns mehr als ei» bloßer kalendermäßiger Erinnerungstag, an dem gedankenlos die „Klagelieder" recitirt werden. Denn wir leben nicht blos in der Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft. Der neunte Ab ist für uns der Inbegriff der Trauer um die nationale Vergangenheit und der innersten Sehnsucht nach einer nationalen Erlösung; er ist ein Beweis, daß unser Volk noch immer an eine Zukunft denkt, wenn es auch von der Freiheit und Selbstständigkeit in die Abhängigkeit und Knechtschaft geschleudert wurde, daß es wohl gefallen, aber nicht untergegangen ist. Unsere Nationaltrauer hat sich vom neunten Ab losgelöst. Wir brauchen nicht ein ganzes Jahr zu warten, um seiner zu gedenken, um uns in dieses schwarze Blatt unserer Geschichte zu vertiefen. Denn es ist nicht das Einzige. Aber wir erinnern uns seiner sehr oft, vielleicht gar täglich. Bald in Rußland oder Galizien, bald in Persien oder Marocco mahnen uns stets neue Leidensstationen an den neunten Ab, an den Verlust unserer Freiheit und Selbstständigkeit, an das Golus. Und wir erkennen, was uns am neunten Ab genommen wurde. Wir dürfen klagen — nicht blos am neunten Ab ... . Aber wir wollen nicht mehr klagen über die Vergangenheit, sondern wirken für die Zukunft, für unsere Zukunft. Die Mutter Erde, der unsere Nationaltrauer gilt, wollen wir wieder erlangen und unsere Thränen sollen der Freude darüber gelten. Fort mit dem Golus — heimwärts sei die Losung! Und ich darf wohl gerade in dieser Zeit einen Mann citiren, der nichts weniger als national, nichts weniger als strenggläubig war, und der doch, als ihm einmal das Goluselend das Herz zusammenpreßte, die Worte niederschrieb: „Und wer dennoch im Namen des Judenthumes aus kleinlicher Sorge um dessen Bestand und Fortdauer, aus Furcht, es könnte der kräftige Odem der Freiheit irgend ein welkes Blatt wegwehen für das Golus schwärmt, dafür daß die Völker frei sein mögen, wir aber das Opferlamm bleiben und das Joch der Knechtschaft forttragen müssen, dessen Judenthum ist nimmer das am Sinai geoffenbarte, ist nicht unter dem Schall der Posaune, unter dem Donner und Blitz, sondern unter Klagen, Seufzen und Jammer verkündet worden, ist nicht Gottesgeist sondern Menschenwerk, nicht Wahrheit sondern Selbsttäuschung." Dieser Mann hieß — Dr. Jellinek. S. R. Landau. Gegen die „Vrotestrabbrner". Die „National-Jüdische Vereinigung für Deutschland" hat auch Dr. Max N o r d a u eingeladen, die von ihr in die deutschen Tagespresse veröffentlichte Gegenerklärung mitzuunterfertigen. Derselbe erwiderte jedoch darauf, wie die „Correspondenz" Nr. 3 der genannten Vereinigung mittheilt. Folgendes: „Niemals würde ich es den jesuitischen Rabbinern gestatten, das Werk der jüdischen Besiedelung Palästinas mit Ausschluß von uns für sich in Anspruch zn nehmen. Hätte ich an der Gegenerklärung mitzuarbeiten gehabt, ich hätte den Rabbinern niemals den Gefallen gethan, auf ihre verlogene Anführung des Messianismus, an den diese Komödianten selbst nicht glauben,, ernstlich einzugehen." X>cv Cottgre^. Der Einzelverein „Krakau" des Verbandes „Zion" bestimmte zu Delegirten für den Baseler Congreß die Herren Dr. Rudolf Frühling, Ahron Marcus, Julius Schön weiter und Benjamin S p i r a. * * * Die zionistische Finkenschafl der Wiener Hochschulen hat als Delegirten für den Baseler Congreß die Herren Siegfried Rosen bäum stuck, teclm., und Theodor Meist stuck, meck., nominirt. * * * Die „Hebrew Colonization Palestine Society" in Leeds hat unseren Gesinnungsgenossen Dr. F a r b st e i n als Delegirten zum Congreß gewählt. * * * Eine interessante Anregung für die Congreßarbeiten gibt unser Gesinnungsgenosse Don P. I v i o in Sofia, der Congreßdelegirte der Gemeinde von Varna. Don Jvio beantragt die Einsetzung einer Commission von Gelehrten, welche ein neuhebräisches Lexikon für die Bedürfnisse der Gegenwart, natürlich unter Conservirung und Entwicklung der alten Sprache anzulegen hätte. * * Herr Professor Belkovsky in Sofia ersucht uns, die unwürdigen Bemerkungen eines hiesigen Wochenblattes zurückzuweisen, welches den vom bulgarischen Landescomit« erlassenen Aufruf hämisch glossirte. Der „Appell an das Judenthum" kan» nicht als eine anonyme Schrift bezeichnet werden, da die Comitemitglieder aller Welt bekannt sind. * * * Aus London wird uns gemeldet: „Das hiesige Congreßcomite erhält Zustimmungskundgebungen von allen Seiten. Der Enthusiasmns ist im Wachsen begriffen. Manchester wird einen besonderen Delegirten entsenden " * * * Die Resolutionen, welche von den Delegirten der Vereine, Körperschaften und Versamlnlungen an den Congreß mitgebracht werden, sollen beim Programmpunkte „Die Lage der Juden" ihre Erörterung finden.