Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-08-06 · 10 (6.8.1897) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
10 (6.8.1897)
Article
Präzionistische Gestalten
Date
1897-08-06
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315720-3379767--00920-3379896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2. Ar. lö. Er ist aber doch nun einmal grüdlich zeronnen. Und . jetzt, nach der bitteren Erfahrung, daß auch, was uns eine Weile nur vorgetäuscht war, uns wieder genommen ist hat, der ans dem latenten Zustande organisatorisch erneuerte i Zionismus mindestens den Vorzug des Wirklichen an sich.: Elisa ben Abuja kehrt reuig zum Grabe seines frommen Lehrers Rabbi Meir zurück, und aus dem Grabe steigt die Feuersäule des jüdischen Selbstbewustseins auf, das nicht mehr durch hellenische Lieder sich selbst untreu gemacht sein will. Der wiedererstandene Zionismus ist der Protest gegen das Acherthnm. Die das nicht verstehen unter uns, sondern spöttisch lächeln oder scheinheilig poltern, spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Denn nicht mehr zu den,.nniversalia ante rem“, sondern zu den „universalia in re“ gehört der Zionismus; auch wer sich zu ihm nicht bekennt, hat die Pflicht, sich ernst und achtungsvoll mit ihm aus- , einanderzusetzen. Und das Letztere ist es, um deßwillen der Schreiber dieser Zeilen sich die präzionitischen Gestalten aus seiner Jugendzeit in die Erinnerung zurückruft. An dem intuitiven Zionismus von damals möchte er den zur Thal fortgeschrittenen Zionismus von heute ermessen. Vielleicht geht ihm so die Wahrheit auf, daß nur, wer sich selbst seine Hütte erbaut, sagen darf: „Mußt mir meine Hütte doch lassen stahn, die du nicht gebaut!" Vielleicht — vielleicht auch nicht. Den Versuch in Pietät und unbeugsamem Selbstbewußtsein zu unternehmen, darf keiner von uns sich entschlagen; der Zionismus zwingt uns dazu. Poscimus. Ich unternehme ihn auf meine Art, für mich und möglicherweise auch für Andere, indem ich vor meiner Erinnerung die präzionitischen Gestalten meiner Jugend wieder aufleben lasse Ich suhle mich im Zusammenhang mit ihnen und auch im Zusammenhang mit dem, was sie mir einst als den wahren Lehrgehalt des Judenthums in die junge Seele senkten. Trotz der Herren Maybaum und Vogelstein. — „Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude." Die XDodje. Es ist eine dunkle Woche. Die Vergangenheit steigt hervor aus kalten Grüften und pocht mit mahnendem Finger an unser Herz. Und wir fahren auf aus unserm Alltagstreiben und blicken ihr erschrocken in's Antlitz. Sie hat ein müdes, gramgefurchtes Antlitz, und wie aus dem Abgrund verschollener Jahrtausende blickt ein unsagbares Leid aus ihrem Auge. Sie spricht nicht. Der ungemessene Schmerz hat keine Sprache. Aber der stumme leidenstiefe Blick macht uns bis in's Innerste erbeben. Sie spricht nicht, aber ihr Auge weckt auf dem Grunde unserer Seele ein Echo, ein zitterndes Klingen, wie es zn dem athemlos lauschenden Schiffer vom Meeresgrund emportönt, wenn der Kahn in stiller Nacht über die dunkle Wellenbahn dahingleitet — das klagende, sehnsüchtige Glockenklingen einer begrabenen Stadt. Eine begrabene Stadt Jahrhunderte und Jahrhunderte zogen mit monotonem Flügelschlage über ihre traurigen Reste dahin, aber noch immer tönt in unserer Seele das Echo mit seiner klagenden Melodie. — „An den Wassern Babels saßen wir und weinten, unsere Harfen lehnten an den Trauerweiden." * * -st „An den Wassern Babels saßen wir und weinten. Unsere Harfen lehnten an den Trauerweiden.". Es ist eine erschütternde Melodie, Thränen in Noten gesetzt, ein rythmisches Weh, das einem schneidend durchs Mark zieht. „An den Wassern Babels saßen wir und weinten." Es ist ein Wehruf, der sich langgezogen durch finstere Jahrtausende hindurchzieht, das Eia Popeia des Golus, das zum Lebens lied und Grabgesang ungezählter unglücklicher Generationen wurde. Man muß die Augen schließen, wenn einem diese Melodie durch die Seele zieht, man muß dabei im schwarzbehangenen Tempel sitzen, wenn die geheimnißvollen Schatten der Nacht durch die hohen Hallen ziehen, und die niedergebrannten Kerzen unruhig flackern — am 9. Ab. Dann sieht man eine öde Wildniß vor sich, gebrochene Säulen, die einen trostlos anstarren, und wüste graue Trümmerhaufen; — Zion! Und man möchte sich in wilder Verzweiflung auf die kalten Trümmer werfen und weinen. * * Die Kerzen int Tempel flackern unruhig hin und her. Voit Zeit zu Zeit kommt ein kurzer Windstoß durchs offene Fenster. Die Wachstropfen fallen auf den braunen Pult gleich heißen Thränen. Sie erstarren rasch, wie in stumpfer müder Resignation. An den Wänden bewegen sich abenteuerlich die Schatten. Eintönig schallen vom Altäre die Klagelieder. Das rollt dahin wie ein schweres Rad, das einem in gleichmäßigen, dtimpfen Umdrehungen die Seele zermalmt. Der Nachbar zur Linken starrt mit trüben Augen in die Flamme. Von Zeit zu Zeit nickt er. So sitzt er an diesem Abend schon seit einem halben Jahrhundert und fühlt schmerzhaft die dumpfen Umdrehungen, und sein Vater saß auch so da, und sein Großvater, und sein Urgroßvater, und alle die Früheren, imnter weiter zurück — eine lange, lange Reihe, die mit trüben Angen in die flackernde Flamnte blickt, während die heißen Tropfen auf den braunen Pult fallen — Tropfen auf Tropfen. -st -st * „An den Wassern Babels saßen wir und weinten". Wo sind die Wasser Babels? Ueberall wo ein gedrücktes Volk um seine Freiheit weint. In Afrika und Persien, in Rußland, in Amerika, in Runtänieit — die Wasser Babels sind überall, wo Jttden sind. ' -st -st -st Die Wasser Babels rauschen unaufhörlich dahin, die Wellen verschlingen spurlos all die Thränen und tragen sie in's weite Meer. Auch die Harfen hängen noch an den Trauerweiden; aber viele Saiten sind gesprungen. Der Rost fraß sie und die stumpfe Resignation. Sie klingen kaum, wenn des Geschickes feindliche Stürme durch die Wipfel brausen. — Hie und da ein paar müde Dissonanzen. -st -st -st Jüngst war ein Pilger bei den grauen Trümmerhaufen und den geborstenen Säulen. Er brachte gar seltsame Kunde in die Heintat. Es regt sich sonderbar unter den alten Steinen. Es ist als ob ein pulsirender Schauer die zertrümmerten Säulen durchrieselte. So zuckt die kalte Scholle, wenn der erste Kuß der Frühlingssonne sie streift. Lebensahnung und Blütenträume. Keimende Wärme strebt gegen die Oberfläche, keimende Wärme, die in wilder, farbenschimnternder Blumenpracht emporschießen möchte. — Es stößt und drängt gegen die grauen Blöcke, es hebt sie, bewegt sie . . . Und die gebrochenen Säulen erzittern im belebten Grunde. -st -st -st Und die Trauerweiden? Sie werden begraben in farbenleuchtenden Blumengewinden, die sich in üppiger Fülle um Stamm und Zweige schlingen, und die Harfen ertönen rein und voll mit hellen jubelnden. Saiten — Freudenlieder, Dankeshymnen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.