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Die Welt · 1897-07-30 · 9 (30.7.1897) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
9 (30.7.1897)
Article
Uriel Acosta
Date
1897-07-30
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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Seite 1|S. fwpwe M.S. Urtel Acosta Erzählung von I. Zaugwill. II. Theil: Uriel «eosta. (8. Fortsetzung.) Auf der Halbinsel hatten sich die Juden unter den Christen verstellt; er würde sich unter den Juden verstellen, die alten Affen uachäffen. In dem Widerruf sah er keine Schwierigkeiten .und welch' prächtiger Gedanke — sein Bruder Josef, der arme, liebe Narr, sollte die Sache in der Illusion, daß er das Werkzeug der Vorsehung sei, zu Stande bringen! Denn wenn er Dom Diego als Vermittler benützen wollte, würde er sich der Gefahr aussetzen, daß man seinem wirklichen Bewegrund auf die Spur käme. Dann, wenn die Synagoge ihn in chre geheiligten Arme ausgenommen haben würde, konnte Janthe — o, überwältigender Gedanke! — sein Weib werden, daran zweifelte er wenig; der Blick, den sie ihm, nachdem ihr Vater den Rücken gekehrt hatte, zum Abschied zugeworfen, war voll süßer Verheißungen und ein kurzes Briefchen, das sie ihm früh am nächsten Morgen sandte, verscheuchten seine letzten Zweifel. „Mein armer Senor da Costa", schrieb sie. „Ich war die ganze Nacht wach und dachte an Dich. Warum willst Du Dein Leben einer bloßen Idee wegen zu Grunde richten? Kannst Du nicht Friede» schließen? Deine Freundin Janthe." Er küßte das Briefchen und machte sich dann mit übernatürlich geschärftem Geiste daran, einen Plan zu entwerfen, wie er mit seinem Bruder wieder Zusammentreffen könne. Selbst während er darüber nachsann, wie er ihn belügen könne, war sein Herz voll Zärtlichkeit für seinen lieben Bidal. Armer Vidal, wie mußte er gelitten haben, als er sein schönes Weib verlor! Es gab Tage, da Josef von seinen Geschäften und seinen Vergnügungen am Hause seines Bruders vorbeigeführt wurde, obwohl er stets auf der anderen Seite ging; nun begann Uriel von früh bis abends an seinem Studirzimmerfenster Wache zu halten. Nach drei Tagen wurde seine Geduld durch den Anblick der behäbigen Säule der Synagoge und seines ihn begleitenden sechsjährigen Sohnes belohnt. Er lief auf die Straße hinab und hob den Knaben in seinen Armen in die Höhe. „O, Vidal!" rief er, während eine wirkliche Zärtlichkeit seine Stimme erstickte. „Du?" sagte Josef, vor Schrecken taumelnd und beim Klange des unterdrückten Namens erzitternd. Dann faßte er sich wieder und sagte zornig: „Beflecke meinen Daniel nicht mit Deiner Berührung!" „Er ist mein Neffe, ich liebe ihn auch! Wie schön er ist!" Und er küßte den verwunderten, kleinen Knaben, wollte ihn nicht niedersetzen, lief mit ihm seiner eigenen Thür zu und bat Vidal, ihm aus Mitleid mit seiner Einsamkeit ein freundliches Wort zu gönnen. Josef schaute furchtsam die Straße auf und nieder; kein Jude war in Sicht. Dann schlüpfte er hastig durch die Thür. Von diesem Augenblick an schob Uriel seinen behäbigen Bruder wie eine Schachfigur umher, die complicirte Bewegungen machen, aber denken soll, daß sie dies ans eigenem Willen thut. Josef, von Begeisterung und Visionen des Ruhmes, der ihn in der Gemeinde umgeben würde — denn er candidirte jetzt um die Würde eines Schatzmeisters — angefeuert, gewann Uriel allmählich durch heimliche, täglich erneuerte Gespräche dem Judenthnm zurück. Als der Glaube des Neubekehrten ganz fest war, machte Josef ein großes Gerede davon, und vermittelte mit den Rabbis. Uriel Acosta ward ein schriftliches Sündenbekenntniß zum Unterzeichnen vorgelegt; er ver prach fortan als guter Jude zu leben und der Bann war von ihm genommen. Am Sabbath ging er zur Synagoge und ward zur Thora aufgerufen. Die Aeltesten traten herzu, um chm die Hände zu schütteln, eine Woge der Erregung fuhr über die Gemeinde. Uriel, der im Geiste über all diesen neuen Sonnenschein blinzelte, vergaß in manchen Augenblicken ganz an seine sardonische Heuchelei, freute sich, mit der Menschheit wieder in Berührung zu stehen und ward durch ihre Versöhnlichkeit und ihren guten Willen gerührt. Als Janthes glückliche Augen ihn von der Gallerte herab anlächelten, klangen die Worte des Propheten Joel in sein Ohr: „Und ich will Euch die Jahre erstatten, welche die Heuschrecken gefreffen haben". Es war eine ftohe Nacht für ihn, als Dom Diego und Janthe wieder an seinem diesmal fromm bestellten Tische saßen und mit ihnen zugleich sein geliebter Bruder Josef, der über die Versöhnung mit Uriel und die nahe Aussicht auf die Schatzmeisterstelle nicht der mindest glücklichste der Gesellschaft war. „Was für ein schöner Mensch", dachte Uriel zärtlich. „Wie würdevoll in seinem Benehmen und doch wie lebhaft in der Unterhaltung!" Auf seiner Stirn lagen keine ernste» Leidenslinien, in seinem Haar war kein Grau zu sehen! Der alte Wein floß, die alten Erinnerungen blühten auf. Josef wurde in das Geheimniß der Verlobung, die erst in einigen Monaten veröffentlicht werden sollte, eingeweiht, war aber der Rolle, die er gespielt hatte, zu sicher, um zu argwöhnen, daß man mit ihm gespielt habe. Nach dem Mahle sang er jubilirend das Hebräische Dankgebiet und Janthes süße Stimme fiel selig ein. Ehe die Brüder sich trennten, hatte Uriel Josef das Versprechen abgezwungen, ihm den kleinen Daniel für ein paar Tage zu leihen, um sein Glück zu krönen und das große, einsame HauS für die kommeiche Braut aufzuheitern. xrl. Uriel Acosta saß mit dem kleinen Daniel beim Mttagessen und ergötzte sein Auge an der frischen Schönheit des Knabens, dessen Geplauder ihm die zwei letzten Tage versüßt hatte. Daniel war sehr erstaunt gewesen, als er fand, daß sein großer Oheim nicht holländisch sprechen konnte, und daß er, um sich ihm verständlich zu machen, portugiesisch reden mußte, welche Sprache in den Familien noch immer geübt wurde. Er hatte bisher geglaubt, daß erwachsene Leute alles wüßten. Pedro, dessen schwarzes Gesicht vor Entzücken grinste, wartete dem kleinen Jungen eifrig auf. Nun wechselte er seinen Fleischteller und legte ihm freigebig Torte auf. „Sahne?" ftagte Uriel, ihm den Krug hinhaltend. „Nein, nein!" rief Daniel mit einem Ausdruck des Entsetzens, und einer heftigen Bewegung des Widerwillens. Uriel lachte. „Wie? Kleine Knaben mögen keine Sahne? Nächstens werden gar die Katzen vor Milch zurückschaudern." Und den Inhalt des Kruges freigebig über sein eigenes, dreieckiges Stück Torte gießend, setzte er sein Mahl fort. Aber der kleine Daniel starrte ihn mit entsetzten Augen an; er vergaß an das Essen. „Oheim", rief er endlich, „Du bist kein Jude". Uriel lächelte verlegen. „Kleine Knaben sollen essen und nicht viel reden." „Aber Oheim, wir dürfen nicht Milch nach Fleisch essen." „Also, gut, gut, kleiner Rabbi!" Und Uriel schob seinen Teller hinweg, indem er das Kind zärtlich ins Ohr kniff. Aber als das Kind heimkam, plauderte es die Uebertretung seines Oheims aus und Josef stürzte herbei, über die Verführung seines Knaben und den Bruch des der Synagoge gegebenen Versprechens tobend. Uriel gerieth in Zorn, mit der ihm angeborenen Offenherzigkeit, machte es ihm unmöglich, lange Zeit eine Rolle zu spielen. „Ich bin nur ein Affe unter Affen", sagte er, seinen Lieblingssophismus gebrauchend. „Sage lieber, ein Affe unter Lüchsen, die Dich bald herausspüren werden", erwiderte Josef noch hitziger. „Deine Zweideutigkeit wird entdeckt werden und dann bin ich der Spott der Geimeinde." Das war der Beginn eines noch wilderen und bitteren Streites, als der erste es gewesen. Josef verklagte Uriel heimlich bei Dom Diego, der nun ebenfalls den Ketzer andonnerte. (Fortsetzung folgt.'» Herausgeber: Paul Naschauer. — Verantwortlicher Redakteur Dr. S. R. Landau — Druck der „Gesellschaft für graphifche Industrie."

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