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Die Welt · 1897-07-30 · 9 (30.7.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
9 (30.7.1897)
Article
Baugedanken für Palästina
Date
1897-07-30
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr d. MLM7 Sette iS. Darum ist auch der Raum, wo die ganze Gemeinde sich versammelt, der Hauptraum des Hauses. Bei den alten Römern, die wieder griechische Vorbilder nachahmten, war das Atrium, ein offener, von einem Säulengange umgebener Hof, von dem aus alle anderen Räume des Hauses Zugang und Licht hatten, der wahre Centralraum des Hauses. Das wechselreiche, zeitweilig rauhe, zu anderen Zeiten sehr warme Klima Palästinas und die gesteigerte Empfindlichkeit der modernen Menschen gegen die Witterungsverhältniffe läßt solch' einen offenen Centralraum nicht zu. Der Mittelpunkt des jüdischen Bauernhauses in Palästina wird die Küche sein, der Sitz des Herdes, das Symbol des Heims. Bon der Straße tritt man ins Haus durch einen Flur, gleichsam den Vorhof zu dem durch Sitte und Gesetz zum unantastbaren Heiligthume geweihten Hause. Das Haus soll nach außen möglichst abgeschloffen, und nach innen gekehrt, sich um einen Hof gruppiren, in dessen Mitte der Brunnen oder die Cisterne steht, im wasierarmen Morgenlande eine der Kostbarkeiten des Grundbesitzes. Im Alterthum war überall und nicht blos im Oriente die Abschließung der Frauen des Hauses von der Oeffentlichkeit üblich und noch die Römer in der ersten Zeit, die Griechen aber selbst in ihrer glänzendsten Culturepoche hielten an diesem Gebrauche fest. Diese Abschließung ist bekanntlich bis in unsere Tage hinein bei den Mohammedanern strenge geführt — selbst dort, wo die Vielweiberei praktisch nicht durchgeführt ist. Das jüdische Gesetz gebot auch die Abschiebung der Frau, allein dieses Gesetz ist wohl längst überwunden, selbst bei den starrsten Orthodoxen. Man hat also beim jüdischen Bauernhause nicht an eine Frauen- und Männerabtheilung zu denken. Die jüdische Frau, deren Treue und Hingebung von jeher gerühmt wird, wird auch in dem neuen Berufe der Bewirtschaftung des Bodens ihrem Gatten eine treue Stütze und Helferin sein. Ein fast vergeffener deutscher Schriftsteller, Justus Möser, zeichnet das plastische Bild der deutschen Bauernfrau, die in der patriarchalischen Würde längst verklungener Zeiten von ihrem Sitze hinter dem Herde das ganze Haus beherrscht. „Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, überfteht fie zu gleicher Zeit drei Thüren, dankt denen, die hereinkommen, heißt solche bei sich niedersetzen, behält ihre Kinder und ihr Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, hütet Keller, Boden und Kammer, spinnet immerfort und kochet dabei. Ihre Schlafftelle ist gleichfalls hinter dem Herde und sie behält aus derselben eben diese große Aussicht, sieht ihr Gesinde zur Arbeit aufstehen und sich niederlegen, das Feuer anbrennen und verlöschen und alle Thüren auf und zuschlagen, höret ihr Vieh fressen, die Weberin schlagen, und beobachtet wiederum Keller, Boden und Kammer. Wenn sie im Kindbett liegt, kann fie noch einen Theil dieser häuslichen Pflichten aus dieser ihrer Schlafstelle wahrnehmen. Jede zufällige Arbeit bleibt ebenfalls i« der Kette der übrigen. Sowie das Vieh gefüttert und die Dresche gewandt ist, kann fie hinter ihrem Spinnrade ausruhen, anstatt daß in anderen Orten, wo die Leute in Stuben fitzen, so oft die Hausthür aufgehl, Jemand aus der Stube dem Fremden entgegengehen, ihn aus dem Hause führen und seine Arbeit so lange versäumen muß ..." Dieselbe Cultur, welche die noch im vorigen Jahrhundert gerühmte patriarchalische Lebensweise der Juden modernisirt hat, hat auch die oben geschilderte Bauersfrau in das Reich der Geschichte verdrängt und nur bei den stammverwandten Angelsachsen des Jnselreiches hat sich die altväterliche Familienfitte, freilich in veränderter Form, erhalten bis auf unsere Tage. Alles Gute, was sie in der Diaspora gelernt, sollten die Juden in das eigene Heim mitnehmen. Die ihrem eigenen Familiensinn entsprechende anheimelnde Schilderung Möser's möge dort zur Wahrheit werden. Wie im altsächsischen Stamme müßte sich an die Küche der Stall anschließen, der die theuersten und treuesten Hilfsarbeiter des Bauers enthält, das Arbeitsvieh und die Scheuer zur Aufnahme des Getreides. Im reicheren Hause wird der Schlafraum des Bauernpaares separirt werden, und in ihm das Ehebett seine fast monumentale Ausgestaltung durch Baldachin und Vorhänge zur Abhaltung der Fliegen, wie im Orient üblich. In jedem Falle aber müffen noch einige Kammern zu Seiten des Cmtralraumes angeordnet werden, für die Kinder, für die Knechte und Mägde. Die Gruppirung all' dieser Räume müßte den Hof umschließen. Noch eine gedeckte Laube heischt das morgenländische, warme Klima mit seinem Ueberfluß an Licht und Wärme und der Sehnsucht nach Schatten. Daß auch das alte jüdische Bauernhaus von einer solchen umgeben war — darauf weist ja das Laubhüttenfest hin, da man im heißen Sommer, zur Zeit als die Ernte eingeholt wurde, die Mahlzeiten im Freien in der mit Laub gedeckten Veranda nahm. Die zum Ausdruck gebrachte Bestimmung der einzelnen Gebäudetheile wäre die schönste Gliederung und Ausgestaltung des Gehöftes. Dazu wirken freilich in bedeutender Weise die znr Anwendung kommenden Materialien mit. Bei einem Monumentalbaue, wie dem Tempel, spielt die Materialfrage in der Zeit der Eisenbahnen keine Rolle. Selbst Salomon hatte unter ganz anderen Transportverhältniffen die Baumaterialien für seinen Tempel aus Ophir-Jndien sich geholt. Ganz anders bei dem Bauernhause, bei dem die Kostenfrage von Bedeutung ist, und zu dem das Material leicht beschafft werden muß, womöglich aus nächster Nähe. Ziegel find heute in Palästina wie im ganzen Oriente wohl bekannt, aber ziemlich theuer — fie kommen gegenwärtig nur in den Städten zur Anwendung. ES müßte die Industrie der Backstetnbereitung eiue der ersten zu gründenden sein. Sie würde unter dm erhofften Umständen unendlich viel zu liefern haben. Aber selbst das bisherige Material aus dem der türkische Bauer sein Haus aufführt, ließe fich, freilich in verbefferter Weise gut zur Anwendung bringen. ES wird ein Gerippe auS Holz hergestellt und dieses mit Lehm (welchem Kuhhaare und Stroh beigemischt find, um ihn zusammenzuhalten) ausgefüllt. Durch Beimischung von Cement erhält man nach der Erhärtung kräftiges, starres Baumaterial, das in Europa viel angewendet werden wird. ES müffen ferner noch eine Menge Steinbrüche in Palästina jahrtausendelang brach liegen, fie wieder zu eröffnen ist ja ein Leichtes. Biel schwieriger ist die Beschaffung des Holzes. Es ist viel gesündigt worden, hier wie in allen türkischen Ländern, in der Ausrottung der Wälder. Die viel besungenen Cedern des Libanon sind verschwunden und die Beforstung der Berge gibt erst nach Jahren Resultate. Die Frage der Holzbeschaffung ist im heiligen Lande eine der schwierigsten und wichtigsten. Es wird und soll auch nicht alles wie Athene aus dem Haupte des Zeus fertig vorhanden sein. Nur das stetig gewachsene hat Dauer und Werth. In Amerika gibt es Geschäfte, in welchen Häuser zum Verkaufe aufliegen. Der Colonist bestellt sich die gewünschte Nummer des Musterbuches dort und dorthin. Nein, das ist nicht das Richtige. Es soll auch kein Architekt dem Bauer sein Haus erbauen, sondern er selbst. Die Nothwendigkeit wird ihn die Hilfsmittel finden lehren und das Bcdürfniß ihm Gestaltungskraft verleihen. Anfangs wird es schwer gehen und plump ausfallen. Das Gedeihen und die Entwicklung wird ihn dazu führen auf den anfänglichen Nutzbau, Schmuck und Verzierung anzubringen. Das Haus muß mit ihm wachsen, wie er mit dem Boden zusammenwachsen muß. Denn das ist die Aufgabe, die dem Bauer zufällt, eigentlich die bedeutsamste von allcu. Er muß den sicheren Grundpfeiler bilden, auf dem sich alles Andere anfbaut. . . An unsere Leser! Rach Beendigung der Erzählung „Uriel Acosta" von I. Zangwill dringen wir die ausgezeichnete Novelle Chawir R-idm von I. DkonSki. Die Red action.

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