Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 9 (30.7.1897)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1897-07-30
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 14. Nr. 9. sowie eine Polemik zwischen Wolf Josefson und Mathias Acher über den von letzterem in der vorigen Nummer gegen die „Praktischen" gerichteten Angriff. In einem französischen Artikel: „TTn Programme sioniste“ verlangt A. Roköach vom Congreß die Verfassung eines klaren und praktischen Parteiprogramms. In einem Aufsatz: „Les Juifs et la Palestine ä travers Thistoire“ wird die Geschichte der Juden in Palästina vom XI. bis zum XVI. Jahrhundert behandelt. Bereinsnachrichten. Brünn. Die jüdisch-nationale Verbindung „Berit as" veranstaltete am 15. d. M. den Schlußcommers des Sommersemesters. Die Tendenzrede hielt der Präses cand. ing. Hajek, welcher seine Ausführungen mit einem begeisterten Apell an die zahlreichen, anwesenden Abiturienten schloß und sie aufforderte, der Fahne des Zionismus treu zu bleiben und auszuharren in dem schweren Kampfe für Juda's Volk und dessen ärmste Söhne. Den größten Beifall fand stad. ing. Robert Stricker, welcher im Namen der zu Burschen ernannten Mitglieder in zündenden, von wahrhafter Begeisterung getragenen Worten gelobte, rastlos und zielbewußt weiterzuschreiten auf der betretenen Bahn; I. Ü. C. Feiwel feierte die Verdienste des ersten alten Herrn des Veritas, des Gründungspräses Ing. Lintner, der um die zionistische Sache in Brünn als ihr erster Verfechter sich die größten Verdienste erworben. Ungern nur sieht ihn seine Verbindung scheiden. Daß der Zionismus auch in der Brünner Bürgerschaft treue Anhänger habe, das bewiesen die Reden des Herrn Dr. Max Grünfeld, Dr. Weigl und Straßer, welche sich mit Stolz Zionisten nannten. Wir schloffen das Semester mit dem Bewußtsein, daß die zionistische Sache Brünn im ersten Sturmlauf erobert habe, mit dem Wunsche, sie möge immer tiefere Wurzeln fassen in den Herzen unserer Stammesgenossen! — Am 16. d. M. versammelten sich in Brünn die jüdisch-nationalen Studenten Mährens, um über die in den Ferien einzuleitende zionistische Propaganda zu berathen. Es wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die jüdisch-nationale Studentenschaft Mährens begrüßt den Weltkongreß der Zionisten mit aufrichtigster Freude und wünscht ihm bestes Gedeihen. Sie schließt sich vollinhaltlich der von den zionistischen Studenten Wiens beschlossenen Sympathiekundgebung an." Als Delegirte der mährischen Studenten werden nominirt: I. U. C. Berthold Feiwel, cand. med. Albin Oppenheim, stud. jur. Rudolf Nassau. — Der „jüdische Verein" veranstaltete am 17. d. M. einen Vortragsabend, der einen glänzenden Verlauf nahm. Es sprach Herr Dr. Nathan Birnbaum über das Thema: „Die Geschichte des jüdischen Volkes — ein Kampf zweier Weltanschauungen." Der Vortrag fand bei den überaus zahlreichen Zuhörern lebhaften Beifall. Dem Vortrag schloß sich eine Vollversammlung des jüdischen Vereines an, in welcher nach dem Referate des Herrn I. U. C. Feiwel im Einverständnisse mit dem vorbereitenden Comite des Einzelnverbandes Zion die Fusionirung der beiden Vereine einstimmig beschlossen wurde." — — Die jüdisch-nationalen Abiturienten der schlesischen Mittelschulen haben am 27. d. M. in Teschen einen Abiturienten-Commers veranstaltet. — Herr Louis Pabor ski, i. a. B. der Verbindung „Jvria" und Chordirigent der Musiksection der jüdisch-akademischen Lesehalle, promovirte Dienstag, den 27. Juli, zum Doctor der gesummten Heilkunde. Feuilleton Kaugedanken für Palästina. Vom Architekten Oskar Marmore! in Men. n. Das Wauernhaus. Die Wiederherstellung des Tempels als fichtbarer Ausdruck der Wiedergeburt der Nation und der wiedererrungenen Selbstständigkeit ist vorläufig nur ein Problem der Sehnsucht und der Hoffnung. Die kühne Phantasie darf dabei uneingeschränkt und ungebunden im Reiche der Formen und der Farben wühlen und hat beneidenswertherweise keine Rücksicht zu nehmen auf die Schwerkräfte, welche beim realen Schaffen den Flug der Ideen zur Erde zu ziehen, ihm Zügel und Grenzen auferlegen: auf Raum und Material und Kosten. Im Reiche der Phantasie gibt es nur einen in Betracht kommenden Factor: das Können. Wird die Zeit kommen, welche die herrliche Aufgabe stellen wird, dann wird sie aber auch unzweifelhaft den Künstler Hervorbringen, der ihr gestaltend und bildend ebenbürtig sein wird. Doch schon in der Gegenwart stellt die zionistische Idee Bauaufgaben, aktuelle, praktische Bauaufgaben, die mit der Verbreitung dem Wachsthum und der Verwirklichung derselben sich noch verbreiten und vertiefen dürften. Die Colonisation in Palästina ist ja schon im Zuge. Die Zahl der stillen, muthigen Pionniere der großen Idee, durch deren Vorarbeit und mit deren Hilfe allein erst den wohlhabenderen anspruchsvollen Bevölkerungsclaffen die Möglichkeit zur Anfiedlung geschaffen werden kann — die Zahl dieser Colonisten ist bereits eine ganz ansehnliche. Sie nimmt in rapider Weise zu. Ihnen Heimstätten zu schaffen ist eine, wenn auch nicht prunkvolle und ins Gebiet der hohen Kunst reichende, aber gewiß nicht minder wichtige Aufgabe für die Baukunst in Palästina. Ein italienisches Sprichwort sagt: „Wie das Haus, so der Bauer." Es ist aber die äußere Gestaltung des Hauses nicht blos charakteristisch für den Erbauer und Insassen, sondern umgekehrt ist die Bauart, selbst ein Product von Erfahrung, Sitte und Tradition, wieder mitbestimmend für die Lebensgewohnheiten der Bewohner. Tief absichtsvoll war das aus dem Mittelalter stammende und, wenn auch formell meist aufgehobene, in der Praxis doch bis auf die Gegenwart zu Recht bestchende Verbot des Ackerbaues durch die Juden. Sie sollten nicht den Boden lieben lernen, sie sollten ihm immer fremd bleiben. Die jüdischen Auswanderer, die daran gehen, sich als Bauern in dem Lande ihrer Väter seßhaft zu machen, bringen für das Haus, das sie sich erbauen müssen, keine Tradition und Erfahrung mit, und nur traurige Erinnerungen sind es, die die Wohnstätten, die sie verlaflen, ihnen bieten. Wer die sogenannten Wohnungen der Maffe des jüdischen Volkes in den Städten Ost-Europas und von Emigranten in Whitechapel in London nicht gesehen, der hat überhaupt die größte menschliche Noth, das tiefste Elend nicht gesehen ... Diese Leute stellen keine Ansprüche. Sie sind glücklich, wenn man fie nur leben läßt, sie nicht jagt und hetzt wie wilde Thiere... Für diese Armen und Bedrückten wäre selbst das orientalische Bauernhaus schon ein Luxus, die verfallene Hütte aus Lehm zusammengeflickt, in der Erde. steckend, kaum bemerkbar aus derselben hinausreichend. Aber die Colonisation soll ja für die Juden nicht blos eine sittliche Erlösung, sondern auch eine Verbesserung ihrer materiellen Lage sein. Der Ausspruch, den der gegenwärtige preußische Minister Miguel zu einer Zeit that, da er erst mit Hilfe des Volkes die Leiter des Erfolges hinaufklomm: „Die Wohnungsfrage, das ist die sociale Frage", dieser Ausspruch, er muß der oberste Grundsatz der Leiter der Regenerirung eines Volkes sein, deren religiös-sociale Gesetzgebung heute — nach tausenden von Jahren — noch mustergiltig und unübertroffen dasteht. Bringen darum die Juden keine Vorbilder und keine Erinnerung mit für die Gestaltung ihres Wohnhauses in ihrem eigenen Lande, so haben sie doch etwas, das ihnen, wie auf allen Gebieten des Lebens, so auch hier, ein trefflicher und unfehlbarer Wegweiser ist: die Bibel. Die Bibel mit ihren wunderbaren Ansichten und Aussprüchen über Familie und Haus, über die Beziehungen der Eltern zu den Kindern und der Kinder zu den Eltern, der Familienmitglieder unter einander, mit ihren Weisungen über die Haltung der Knechte und Mägde, über die Aufnahme von Gästen, über die Behandlung des Viehes — all' das zusammengenommen gibt ein Bild des jüdischen Bauernhauses, wie es wahrscheinlich war, und wie es sein soll. Die Familie als solche war im alten Judäa ein politischer Begriff, ein Factor der verfassungsmäßigen Gliederung und Verwaltung des Landes. Die patriarchalische Regierung des ganzen Landes war eine erweiterte Ausbildung der Familie. Die hohe Bedeutung des Familienbegriffes und dazu der, wohl nicht gesetzmäßig, wie in den benachbarten gleichzeitigen Staaten durch Kastengliederung erzwungene, sondern aus dem Wesen des Ackerbaues sich ergebende — gemeinsame Beruf der ganzen Bauernfamilie, schloß alle Mitglieder des Hauses viel enger zusammen als in der modernen Stadt. Der biblische Bauer bildete mit Weib und Kindern und Knechten und Mägden eine große Gemeinschaft, in welcher selbst dem Bich sein gebührender Platz eingeräumt war.