Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 9 (30.7.1897)
- Article
- Antisemitismus in Deutschland [Nachricht]
- Date
- 1897-07-30
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315719--00863-3379717- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sk. fl. Seite II. mit den undeutschen Börsianern, den jüdischen Zeitungsschreibern und ihren Nachbetern." Reise des Kaisers Wilhelm nach Jerusalem. Kaiser Wilhelm will im Herbste Jerusalem besuchen. Die Kunde davon hat unter den Juden Jerusalems eine lebhafte Bewegung hervorgerufen, und bei den dortigen jüdischen Behörden den Gedanken angeregt, dem Kaiser einen besonders feierlichen Empfang zu bereiten. Christlichsociale in Ungarn. Ein Wiener antisemitisches Blatt bringt mit sichtlicher Wonne folgende Notiz: „Christlichsociale Handlungsgehilfen in Budapest." Man schreibt uns aus Budapest: In den jüngsten Tagen ist hier eine lithographirte „Arbeiter Correspondenz" erschienen, welche der ehemalige Reichstags-Abgeordnete Ferdinand Szederkenyi redigirt. In ihrer dritten Nummer bringt nun die besagte Correspondenz folgende Notiz: „Die hauptstädtischen Handlungsgehilfen können sich in allernächster Zeit einer weiteren Fraction rühmen, der christlichsocialen, welche bereits seit längerer Zeit organisirt wird und unter deren Fahne für den nächsten Sonntag eine Versammlung einberufen ist. Dem Vernehmen nach werden die christlichsocialen Handlungsgehilfen von Wien aus organifirt und sind schon in stattlicher Anzahl beisammen." Hierzu wird uns aus Budapest des Weiteren berichtet: Die christlich-socialen Handlungsgehilfen setzen ihre Organisation zwar geräuschlos, aber zielbewußt fort. Sie haben sich auch bereits mit den Angehörigen ihres Standes in der Provinz in's Einvernehmen gesetzt. Auch sind bereits aus der Provinz zahlreiche Zustimmungs- und Anschlußerklärungen eingelangt; das OrganisationscomitS, welches aus fünfzehn Mitgliedern besteht, hielt Samstag eine vertrauliche Sitzung ab, in welcher der Text des seitens der christlich-socialen Handlungsgehilfen zu veröffentlichenden Austufes festgestellt worden ist. Das Organisationscomits hat gleichzeitig beschlossen, vorläufig nur in den Kreisen der Handlungsgehilfen, für die christlich-socialen Ideen Propaganda zu machen und in die Action erst zu einem späteren Zeitpunkte auch die Arbeiter einzubeziehen. Die hiesigen Judenblätter schweigen sich vorläufig über die ganze Action aus. Wir unserseits Wunen es nur mit Genugthnung feststellen, daß endlich auch in der ungarischen Hauptstadt das Eis gebrochen ist und wünschen den Bahnbrechern auf ihrem ficherlich dornenvollen Pfade Muth und Ausdauer. Wo fie besteht, hat sich die christlich-sociale Bewegung aus kleinen Anfängen zur Größe emporgeschwungen, vielleicht gelingt es auch in Judapest." Fünf Procent. In dem neugegründeten Institute für medicinische Frauencurse in Petersburg werden die Frauen jüdischen Bekenntnisses nur dann zu den Vorlesungen zugelassen, wenn ihre Zahl fünf Procent der Gesammtzahl aller Theilnehmerinnen nicht übersteigt. Ei» neues antisemitisches Organ. In Königsberg haben die Antisemiten ein eigenes Organ begründet, die „Königsberger Volkszeitung." Sie enthält die bekannten Schlagworte: „Die Juden beuten ihre christlichen Gastgeber auf das Schonungsloseste aus; ihnen gehört bereits weit über die Hälfte des Nationalvermögens rc. Ein Hoffnungsschimmer für die persischen Inden. Aus Perfien erfahren die „Berl. N. Nachr." Die politische Lage daselbst sei trostlos, der Schah habe die Erwartungen nicht erfüllt. Die Regierung sei machtlos und unfähig, die Kassen seien leer, die Verarmung mache riesige Fortschritte, und die Zustände für den Einmarsch der Russen reif. Die Juden haben also Aussicht unter das Scepter Rußlands zu kommen. Der Bund der Landwirthe marschirt mit fliegenden Fahnen in das antisemitische Lager. Er gedenkt in Gemeinschaft mit der antisemitischen Resormpartei eine „eigene Agrarpartei" oder „Deutsche Partei" zu bilden. Die Antisemiten haben bereits eine ganze Anzahl conservativer Wahlkreise Brandenburgs in Angriff genommen und ihr Hafer gedeiht sehr gut. Antisemitisums in Baden. Die Antisemiten in Heidelberg-Land haben einen Candidaten für den Landtagsfitz aufgestellt, den Landwirth Mampel. Eine besonders lebhafte Agitation entwickeln die Antisemiten schon seit dem vorigen Jahre im Hanauer-Land. Das Heinedeukmal ans Cors«. Unsere Kaiserin besitzt bekanntlich auf den luftigen Höhen von Gasturi ein wundervolles Lustschloß „Achilleion". Dort befindet sich in einem eigenen Tempel ein Denkmal Heinrich Heine's, ein Marmorbild, das den Dichter in seiner „Matratzengruft" zu Paris darstellt. In Deutschland fand sich keine Stadt, die ein Fleckchen Erde für ein Heinedenkmal bewilligte. Eine Kaiserin hat gut gemacht, was das Volk, in dessen Sprache der unsterbliche Sänger dichtete, wegen seiner jüdischen Abstammung an ihm verbrach. Neuesten Berichten zufolge soll das „Achilleion" sammt dem Heinedenkmal in nächster Zeit, wenn sich ein geeigneter Käufer findet, in ftemden Besitz übergehen. Die Kaiserin wird nämlich Corfu nicht mehr besuchen, nachdem die Aerzte ihr das Reisen zur See dringend abgerathen haben. Eine antike Landkarte Palästinas. Wohl die interessanteste und werthvollste Landkarte aus dem hohen Alterthum ist in letzter Zeit zu Madaba in Palästina entdeckt worden. Einem Bericht des Herrn Jnspectors Gatt zu Gaza entnehmen wir nachfolgenden Thatbestand: Gelegentlich des Baues einer Kirche fanden die Griechen einen Mosaikboden, der ursprünglich wohl 280 Quadratmeter umfaßte, wovon heute nur noch 18 übrig sind. Dieser Mosaikboden bildet eine geographische Karte von Palästina, vom Berge Libanon bis nach Aegypten, vom Mittelmeer bis Mesepotamien. Die Zeichnung ist sehr genau, die Farben natürlich. Hochinteressant sind die einzelnen Partien. Man sieht noch ein Stück des Jordanflusses, in dem Fische schwimmen. Nordöstlich von Jericho führt eine Brücke über den Fluß. In der Jordansau verfolgt ein Löwe eine Gazelle. Auf dem toten Meere erblickt man Segelschiffe. Auf einer weiten Strecke Landes neben dem toten Meere find zahlreiche Städte, darunter Jerusalem verzeichnet. Der historische Werth dieser historischen Karte besteht hauptsächlich darin, daß neben jeder Stadt der alte und der neue Name — der Urname und die gräcisirte Bezeichnung — steht, und daß wir Kenntniß von ganz unbekannten Städten erhalten. Außerdem sieht man die Berge von Moab, das Arenthal, das Thal von Kerak, einen Theil von Aegypten mit mehreren Städten, darunter Janis, einige Mlmündungen, das Sinaigebirge und einen Theil der Wüste Tih. Im allgemeinen gibt die Karte eine Darstellung von Palästina zur Zeit der Römer und dürste etwa 350 nach Christi angefertigt worden sein. In den Kreisen der Palästinaforscher wird der Entdeckung ein großes Interesse entgegengebracht. Judenausweisnngen aus Deutschland. Eine in Leipzig erschienene und Herrn von Miquel gewidmete Broschüre hat dem preußischen Minister des Innern Mangel an Nationalbewußtsein vorgeworfen, und diesen Mangel durch die angebliche milde Behandlung, die der Minister jüdischen Einwanderern angedeihen lasse, beweisen wollen. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gibt sich nun die sehr überflüssige Mühe, den preußischen Minister des Innern gegen den Vorwurf in Schutz zu nehmen, daß er fich den Wünschen der Antisemiten gegenüber nicht genügend entgegenkommend erweise. In treuherzigem Tone erzählt das Blatt, wie ungemein „national", das heißt, wie wenig judenfreundlich das Verhalten des Ministers gewesen sei, und dabei erfahren wir sehr interessante Sachen. Die „Nordd. Mg. Ztg." schreibt: „Der jüdischen Einwanderung wird unseres Wissens mit allen zulässigen Mitteln seit Jahren entgegengewirkt: das beweisen schon die Ausweisungen, über die in „gewissen Zeitungen ja oft genug Beschwerde geführt wird." Die Broschüre wirft dem Ministerium vor, daß es die „nationalen" Verfügungen antisemitischer Behörden wieder annullire: „Und hat man einmal vernommen, daß der oder jener Provinzial- oder Polizeipräsident in der Anwandlung nationaler Regungen die ausländischen Juden mit Ausweisung bedrohe, so berichten gleich darauf die liberalen Zeitungen mit Befriedigung, daß das Ministerium des Innern die Ausweisungsmaßregel aufgehoben oder bedeutend gemildert habe." Die „Nordd. Allg. Ztg." sucht nun den Minister von diesem „Vorwurf" der Judenfreundlichkeit rein zu waschen und schreibt, es sei dazu lediglich zu bemerken, „daß die liberalen Zeitungen alsdann wohl falsch berichtet haben werden." Die Broschüre meint, dem Grundsätze der russischen Juden udi bene ibi patria könne man nicht beikommen, wenn