Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 9 (30.7.1897)
- Article
- [Ohne Titel] / L.
- Date
- 1897-07-30
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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SB*. 9. iPIt&WC 0eiter7. gamisten, die Assimilanten, die die nationale Idee von sich weisen und nur von Religion und geistigen Begriffen spreche«, weil sie materielle Zwecke verfolgen . . . Diese Leute haben den Entschluß des Headquarters-Tent mit großer Freude begrüßt; sie sahen darin eine Zurückweisung der jüdischnationalen Idee. Sie glaubten, daß unsere Affociation dadurch ihre neu erfundene Differencirung von Zionismus und jüdischem Nationalismus acceptirt hat. Wie ein solches Merkmal, wenn es auch richtig wäre, unsere Association ihrem Gesichtskreise näher bringen könnte, ist schwer zu begreifen. Wieso kann denn der Zionismus unserer Association, der gewiß ein voller, wirklicher, thatsächlicher Zionismus ist, in Zusammenhang gebracht werden mit ihrem allegorischen, oder wie sie sagen, „wahren" Zionismus. Sie sind so weit von unserem Zionismus, wie überhaupt vom Nationalismus. Wir wollen aber jedes Mißverständniß znrückweisen, als ob unsere Association eine ihrer idealsten Aufgaben, nämlich die Pflege des nationalen Gedankens, verleugnen würde." Diese Abfertigung ist wirklich bitter. Der „Jewish Chronicle" ärgert sich. Und seinen Ingrimm läßt er aus am Secretär der Association Herrn Dr. Hirsch, der doch nur die Anschauungen der Führer der Association in eine allerdings schriftstellerisch sehr gelungene Form gebracht hat. Die Parteiblätter unserer Gegner laden wir jedoch ein, zu dem von ihnen veröffentlichten Beschlüsse der Association nunmehr auch die Gründe nachzutragen. Es sind so loyale Gegner, sie werden es gewiß thun. I-. Reise nach der Türkei. (Schluß). Diese Passivität ihres Körpers und ihres Gemüthes ist bewundernswürdig. In ihnen scheint nichts zu leben als das große, schwarze Auge, das fragend und doch dabei unendlich gleichgiltig in die weite Ferne hinausstarrt. Man geht vorbei und sie blicken nicht auf, man fragt sie und sie antworten, ohne von der grauen Wolke am Himmel, der Fliege am Fenster oder dem lichten Punkt draußen im Aether wegzusehe». Und diese füllen Phlegmatiker mit dem melancholischen Anstrich werden im Felde zu Teufeln, die in den Tod tanzen, den Feind zerschmettern und noch im Sterben ihren Schlachtruf ausstoßen? Wunderbare, räthselhafte Menschen! Und ihr fatalistisches Hineinduseln in den Tag, in die Schmerzen und das Schicksal, steckt an — eine psychische Jnfection. Die Hitze macht uns faul und lässig, die schlechte Kost stumpf und überdrüssig. Man muß gerade kein Feinschmecker sein, um vor dem Hammelfleisch und seinem scheußlichen Fettgeruch Ekel zu empfinden. Das beste Gewürz, das wir in der Brühe finden, sind todte Fliegen. Wir verzichten auf das Fleisch und begnügen uns mit ungesalzenem Brote, Käse und Eiern. Wir eröffnen und schließen eine jede Mahlzeit mit schwarzem Kaffee. Und doch überwinden wir dies alles und was uns vor Tagen schrecklich und widerwärtig war, erscheint uns jetzt gewöhnlich und willkommen. Wir duseln in das Essen hinein wie die Soldaten in den Himmel und fixiren fragend die Fliegen in der Suppe wie der Kranke die Wolken draußen im blauen Aether. Wir meinten anfangs den Tod durch Verdursten zu finden. Das Wasser, das auf den Tisch kam, war eine mißfärbige Jauche, die bei längerem Stehen sich in einen festen, erdigen Theil und einen halbwegs flüssigen sonderte. Es war Wasser aus dem klassischen Fluße Peneios, und dort, wo einst im Flußbette die alten Griechen Gold suchten, sieht man schmutzige Jungen und schmutzigere Esel im Wasser waten und Lederschläuche füllen. Und über dem allem lacht der griechische Himmel und im Hintergrund thront der hohe Olymp mit mit seinen schneebedeckten Gipfeln und seiner staubbedeckten Geschichte! Wir schliefen wegen des maffenhaften Ungeziefers jede Nacht in den Kleidern. Und trotzdem ging es uns nicht schlecht. Nicht schlecht, weil wir Menschen gefunden hatten, die uns Achtung einflößten und unsere Sympathie sich gewannen. Wenn wir im Lager streiften, waren wir oft Gäste eines gewöhnlichen Soldaten. Wir hockten uns auf seine Pritsche hin, er reichte uns Cigaretten und machte uns Kaffee und erzählte uns in seiner Sprache in leisem, monotonem Stimmfall vieles^ Wir verstanden ihn, denn wir verstanden den Menschen in ihm. Die Officiere wetteiferten geradezu in dem Bestreben, «ns ihre Liebenswürdigkeit, ihr Entgegenkommen, ja ihre Freundschaft zu beweisen. Sie schickten uns von ihrem Essen, das nicht besser und nicht anders war als das unserige, und schenkten uns von ihrem Tabak und sorgten für unsere Zerstreuung, wenn dieses Wort an einem solchen Orte und unter solchen Verhältnissen überhaupt gebraucht werden darf. Als wir Larissa verließen, gab es einen herzlichen Abschied und wir schieden mit dem Bewußtsein, brave Leute kennen gelernt zu haben. Unter dem Commando Alim Bey's und Chalim Bey's gingen wir mit 535 Verwundeten, dem letzten Blessirtentransport, nach Volo ab und schifften uns auf dem Kriegsschiff „Mek" ein. Wir fuhren dreieinhalb Tage nach Constantinopel. Wir erholten uns dabei merklich, wir redeten schon lauter und schauten schon fröhlicher drein, verloren auch an Umfang, denn von den Moskitostichen waren wir aufgedunsen gewesen, aßen schon und tranken Wein, wie ihn Europäer trinken, das heißt, nicht in der Quantität, sondern in der Qualität. In Thessalien pflegt man nämlich den Wein, um ihn bei der großen Hitze und den mangelnden Gefäßen in den Schläuche» conserviren zu können, mit Terebinthenharz zu versetzen, wovon der Wein einen Geschmack nach Ricinusöl erhält. Die kühle Brise und die salzige Luft wehen die bösen Träume von Hammelfleisch, Peneioswasser und Moskitos fort, und wir genießen das herrliche Schauspiel, durch die Dardanellen und das Marmarameer zu fahren, voll und ganz. Als wir in den Hafen von Constantinopel einfuhren, glaubten wir ein Märchen vor uns zu sehen. Die Stadt gleicht einer Frau, die von weitem betrachtet schön und begehrenswerth erscheint, in der Nähe aber unregelmäßige Züge und eine unregelmäßige Gestalt zeigt. Kaum kehrt man ihr aber den Rücken und sieht sich um nach ihr und sie ist wieder das Prachtweib, zu dem es uns mächtig hinlockt, die Sphinx, die uns mit ihren Glutaugen gewaltig anzieht und mit den gräulichen Tatzen wieder abstößt. Wer Constantinopel vom Meere aus gesehen hat, die majestätische Stadt, die den Hafen eng umgürtet, hinaufsteigt in die Höhe mit den schlanken, thurmartigen Minarets, den gewaltigen Kuppeln und den hohen Palästen und thalabwärts finkt zu eng zusammengezogenen, friedlichen, kleinen Behausungen, wer aber auch die engen, holprigen, bergigen und schmutzigen Straßen hinangeschritten ist und räudigen, müden Hunden ausweichen mußte, wer links von einem Lastträger „sanft" gestreift wurde und rechts in die Gefahr kam, überfahren zu werden, kurzum, wer Constantinopel von außen, aber auch von innen gesehen hat, der wird mich verstehen und wird mir zustimmen. In Constantinopel waren wir der Gegenstand mannigfacher Aufmerksamkeit. Das Regierungsblatt „Jkdam" begrüßte uns in einem Artikel, worin es unsere SeW'osigkeit hervorhob und unsere Verdienste um die verwundeten Soldaten würdigte. In Folge dieser Zeitungsreclame war es uns thatsächlich unmöglich, längere Zeit spazieren zu gehen. Wir wurden überall angehalten, mit Fragen bestürmt und mit kleinen Andenken überhäuft; gar oft mußten wir auf offener Straße ordiniren. Nach den dankbaren Blicken zu schließen, mußten wir die Kranken im Moment gleich geheilt 'haben. Eine Woche lang spielten wir „Popularität". Der Kriegsminister Riza Pascha nahm in einer Privataudienz Gelegenheit, uns für unsere Dienste zu danken. Er bemerkte, daß die Judenzuden bravsten und ruhigsten Unterthanen im türkischen Reiche gehörten, die gerade im griechischen Kriege viele Proben ihres Opfermuthes und ihres Patriotismus gegeben. Er erzählte die bekannte Geschichte des Juden, der bei Larissa die türkische Armee rettete, indem er Grumbkow Pascha warnte, über die unterminirte Brücke zu reiten und deshalb von einem Griechen ermordet wurde. Auf den Kopf des Mörders wurde ein Preis ausgesetzt und der Familie des Ermordeten wird eine Jahrespension vom Staate ausbezahlt. Der Kriegsminister