Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-07-30 · 9 (30.7.1897) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
9 (30.7.1897)
Article
New-Yorker Brief
Date
1897-07-30
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315719-3379616--00825-3379712
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 6. Nr. S. Es ist außer Zweifel, daß die Judenheit von Amerika, wenn sie erst mit dem Zionismus genau bekannt werden wird, der Bewegung von großem, ich möchte sagen, ausschlaggebend m Nutzen sein wird. Allerdings müssen vorerst die falschen Propheten entlarvt werden, die mit erheuchelter Begeisterung Amerika als das gelobte Land der Inden hinstellen. Manche Leute reiben sich schon jetzt den Schlaf aus den Augen und besonders ein Geschehniß der letzten Tage hat manche Juden, die in das Geschrei der Would be Americaner wacker einstimmten, zum Nachdenken angeregt. Der bekannte jüdische Pianohändler Albert Steinert kam nämlich dieser Tage nach Providance R. I. und wollte dort in dem Hotel der „Oakland Brach Hotel Company" absteigen. Es wurde ihm aber bedeutet, daß mehrere Actionäre der Company in dem Hotel keine Inden zu sehen wünschen. Das vielgelobte „gelobte Land" der amerikanischen Juden wird also nach und nach ebenfalls von der modernen Krankheit ergriffen und eine antisemitische Bewegung in Amerika würde für die Juden weit verhängnißvoller sein, als eine solche in Europa zu sein im Stande ist'. Michael Singer. Der Congreß. Die vorbereitende Commission des Zionisten- Congresses theilt mit, daß besondere Anzeigen und Einladungen nicht mehr verschickt werden. Personen, welche am Congreß theilzunehmen wünschen, mögen sich ehestens melden. Im Sinne des § 9 der Geschäftsordnung werden die numerirten Plätze in der Reihenfolge der Anmeldung vergeben. Diese ist, wie alle auf den Congreß bezüglichen Zuschriften, zu adressiren an den Schriftführer der Commission: Herrn Dr. O. K o k e s ch, Hof» und Gerichtsadvocat in Wien, I. Singerstraße Nr. 25. * * * Ans mehrfache Anfragen wird ferner bekannt gegeben, daß die Herren Dr. Ehrenpreis. Dr. Kaminka und Dr. Thon als Dolmetsche für die hebräische Sprache fungiren werden. * * * Am 27. August findet in Basel eine Vorbesprechung aller Referenten statt. In dieser Vorbesprechung sollen die wichtigsten Vorfragen und Formalitäten ins Reine gebracht werden, damit der Congreß ohne Zeitverlust seine Arbeiten beginnen könne, * * * Die Referate über die Lage der Juden in den einzelnen Ländern müssen innerhalb der nächsten vierzehn Tage Herrn Dr. Max Nord au nach Paris, 34 Avenue de Villiers, geschickt werden. Bei dieser Gelegenheit wird vielleicht die Mittheilnng interessiren, in welcher Weise die Referate erstattet werden sollen. Dr. Nord au wird die Diskussion einleiten. Hierauf erhalten die Landesreferenten der Reihe nach das Wort zur Verlesung ihrer Berichte, welche die Grundlage von Dr. Nordau's Conclusionen bilden. Wie wir erfahren, sind folgende Referate schon fertig oder sollen in den nächsten Tagen fertig werden. Oesterreich-Ungarn (mit Ausnahme von Galizien): Referent Dr. Alexander Mintz; Galizien: Referenten Dr. A. Salz und A. Stand; Rumänien: Referenten: S. Pi neles und Dr. Lippe; Bulgarien: Referent Prof. Belkovsky; England: Referent I. de Haas. * * * Wie uns aus London mitgetheilt wird, sind vorläufig schon die Herren Mayer, Jsh-Kishor und I. de Haas als Vertreter des Eastend, wo die größte Anzahl von Juden wohnt, als Delegirte für den Baseler Congreß nominirt. Die Juden von Leeds und Manche st er werden ebenfalls durch Delegirte vertreten sein. Auf den Mitgliedskarten für den Congreß findet sich folgende Angabe: „Das schwarze Festkleid und die weiße Halsbinde find nur für die feierliche Eröffnungssitzung vorgeschrieben." * * * Auf einer kürzlich in Baltimore stattgehabten Generalversammlung des Zionoereines wurde die Beschickung des Zionisten- Congresses einstimmig beschlossen. Zum Delegaten wurde der Präsident des Vereines, Dr. S. Schaffer, gewählt. * * * Als anfangs Juni in den englisch-jüdischen Blättern die Nachricht erschien, daß der Headquarters-Tent (Central-Vorstand) der Choveve-Zion-Association den Congreß nicht beschicke, da entstand begreiflicherweise sofort die Frage nach den Gründen. Es fragte die Oeffentlichkeit, es fragten die Tausende von englischen Juden, die in den 36 Tents organisirt sind. Die Gründe blieben verborgen. Aber dieser Beschluß der Association, den Congreß nicht zu beschicken, brachte sie in eine recht nette Gesellschaft. Die „Prolestrabbiner", die Berliner „Philantropen" und alles assimilatorische Volk biederte sich ihr an, geschmeichelt an der Seite der Association zu kämpfen. Um ihr diese Gesellschaft recht leicht zu machen, wurde sogar der Zionismus und das Nationaljudenthum in einen Gegensatz gebracht. Der Erfolg war für uns der denkbar günstigste. In der englischen Judenschaft entstand ein Sturm der Entrüstung, die jüdische Bolkspreffe griff die „Führer" so scharf an, daß wir unseren Lesern nur das Allermildeste davon mittheilen wollten. Ob diese öffentliche Meinung und die Gesellschaft auf die Herren vom Headquarters-Tent direct von Einfluß waren, wollen wir nicht entscheiden. Aber die Association hat sich endlich dazu entschlossen, ihre „Gründe" bekannt zu geben. Im letzten Heft (Nr. 20) der Revue „Palefiine", des offiziellen Organs der Association, finden wir sie. Die Führer der englischen Zionisten erklären, daß sie mit Dr. Herzl im Princip, in den Zielen vollkommen übereinstimmen, daß sie jedoch nur in der „Methode" von ihm abweichen. Und „darum" kommen sie nicht zum Congresse, der ja für Alle bestimmt ist, die in ihren Zielen einig sind, der ja dazu da ist, um über die Methode, über die Mittel zur Erreichung dieses Ziels zu entscheiden . . . Das ist wohl aufrichtig, aber logisch ist es nicht. Im betreffenden Leitartikel heißt es: „Wir bedauern es, daß die Kräfte, die durch Einigkeit unwiderstehlich geworden wären, zersplittert sind, daß innerhalb der Zionisten eine Meinungsverschiedenheit entstanden ist, die um so beklagenswerther ist, als ja in Bezug auf das Princip, auf das in Aussicht genommene letzte Ziel ein Gegensatz der Anschauungen nicht besteht. Der Unterschied der Anschauungen besteht lediglich und ausschließlich in Bezug auf die Methode. Der Eine will diese, der Andere will jene Methode, ohne daß auch nur für einen Augenblick die gemeinsame Basis, auf der von beiden das Gebäude errichtet werden soll, verlassen wird. Leider kommt es oft vor, daß Fragen der Methode das eigentliche Hauptwerk verdunkeln und daß Fragen zweiten Ranges von den Führern auf Kosten der höheren Bestrebungen in den Vordergrund geschoben werden. Für Dr. Herzl hegen wir Bewunderung. Ja, noch mehr. Wie Leffing sagte, ist die Bewunderung im besten Falle nur eine kühle Empfindung. Wir hegen für seine Ideale und Bestrebungen viel wärmere Gefühle. Und wir nehmen keinen Anstand, offen zu erklären, daß seine Ideale auch die uuserigen sind, daß seine Hoffnungen auf einer Regeneration unser Rasse, auf eine Wiedergeburt unserer nationalen Existenz, auf eine Renaissance Israels in seiner alten Heimat, daß dieselben Hoffnungen auch uns in der langsamen, geduldigen Colonisationsarbeit ermuchigen. Unsere Methode ist — vorläufig — eine andere, aber auch unsere Augen richten sich nach demselben Ziel." Nach diesen „Gründen" fühlt diese Association das lebhafte Bedürfnis ihre „Freunde" von den Rockschössen gehörig abzuschütteln. Sie betont ihren nationalen, unentwegt jüdischnationalen Standpunkt. „Biel Mißverständniß wurde auch von jenen verbreitet, die auf einem ganz andern Standtpunkte stehen: die Amal-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.