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Die Welt · 1897-07-30 · 9 (30.7.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
9 (30.7.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-07-30
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Rr.S, Seite k. Aegypten hinaus haben will, schlechtweg auch noch auf Syrien verzichten würde. Wenn es bei der Theilung keinen anderen Streitpunkt gäbe, dieses bischen Syrien würde hinreichen, um einen gehörigen Weltkrieg zu entzünden. * * * Der „kurze Landweg nach Indien" — das ist das bemerkenswertheste Wort im Aufsatz der „Quarterly Review". England braucht diesen kurzen Weg sozusagen wie einen Bissen Brot. Der Suezcanal ist heute schon ein durch die technischen Möglichkeiten überholter Weg nach Indien. Das ist ja sehr erstaunlich, aber es ist so. Me erdumfassende Politik Englands hat ungeheure Zusammenhänge. Die sibirische Bahn Rußlands ist ein furchtbarer Schlag für die asiatischen Interessen Englands. Me Bahn ist noch nicht fertig, und England zittert schon vor ihr, und mit Recht. Es schreit nach einem „kurzen Landweg nach Indien". Dieser führt — es führt kein anderer nach Indien — quer durch Palästina nach dem persischen Meerbusen. Das weiß aber nicht nur England, das wissen auch andere Mächte. Der Suezcanal wurde anfangs in Europa nicht recht verstanden — welcher Trost für die geschmähten und verspotteten Sucher neuer Wege — namentlich in England sträubte man sich gegen Lesseps' grandioses Werk. Aber heute hat das Colonialverständniß der Europäer eine« anderen Grad der Reife. Heute wird man dem „kurzen Landweg nach Indien", der so harmlos aussieht, eine ganz besondere Aufmerksamkeit schenken. Wir hatten unlängst bei der Betrachtung von Leroy- Beaulieu's Buch Gelegenheit, festzustellen, daß die Franzosen Syrien wünschen, dringend wünschen. Diesen kostbaren „kurzen Weg" kann und wird keine Großmacht der anderen gönnen. Vielleicht werden sie sich aber darauf einigen, einem neutralen kleinen Staatsgebilde, das sich in Palästina etabliren kann und schon aus Schwäche für Niemanden ein Hinderniß wäre, die Function der Herstellung eines kurzen Weges zu überlaffen. Das wäre wirklich eine Lösung der Schwierigkeiten, nicht am wenigsten für die Türkei — und am meisten für die endlich seßhaft gemachten Juden. * * * Eine kurze Notiz lief durch die Blätter: Der deutsche Kaiser will demnächst nach Jerusalem gehen. Sollte diese Reise auf die Anregung des „kurzen Weges" znrückzuführen sein? Ans dem kürzesten Weg nach Indien ist viel für die Menschheit gefunden worden: die Küsten Afrikas wurden erforscht, Amerika wurde entdeckt, die Landenge von Suez wurde durchstochen. Auf dem kürzesten Weg nach Indien liegt vielleicht auch die Lösung der Judenfrage. * -i- * In Herrn v. Suttner's Artikel in unserer vorigen Nummer wurde das Bedenken ausgesprochen, daß eine Einwanderung von Juden in Palästina auch dort den Antisemitismus erwecken könnte. Allerdings — wenn es ohne vorher erlangte Garantien geschähe. Darum sind ja die politischen Zionisten gegen den Versuch der philanthropischen, die armen Juden nur so ohneweiters hinzuschicken. Ohne genügenden völkerrechtlichen Schutz wollen wir den Zug nicht einleiten; wir hielten das für das gefährlichste, das leichtfertigste der Experimente. Die Mächte, die an der Judenfrage betheiligt find, werden mit sich darüber zu Rathe gehen, ob sie zugleich mit der Judenftage ein Stück der orientalischen lösen wollen und sollen. Ob es nicht die innere Ruhe in manchem europäischen Lande und zugleich die Ordnung in einem verwahrlosten Winkel des Orients Herstellen hieße, wenn man den Vorschlag der Zionisten annähme. Das wäre in der That ein kurzer Weg nach manchen guten Dingen. New-Uorker Brief. Bon Michael Singer. Mitte Juli 1897. Dr. Pereira M e n d e s, der Rabbiner der hiesigen portugiesischen Gemeinde, der sich anfänglich mit dem Zionismus identifieirt, sich aber später von der Bewegung ziemlich fern gehalten hat, richtete dieser Tage an mich ein Prwatschreiben, in welchem er mir seine Ansichten über den Zionismus mittheilt. Herr Dr. Mendes, der zweifellos ein bedeutender Kopf und ein warmfühlender Jude ist, scheint, ich folgere dies aus seinem Schreiben, die Befürchtung zu hegen, daß der zu gründende Jndenstaat auf socialistischer Grundlage aufgebaut werden wird. Ansonst huldigt er dem Zionismus, welcher — ich citire seine eigenen Worte — jede Ermuthigung verdient. Allerdings wünscht der fromme Gottesmann, daß die Bewegung mit den Lehren der heiligen Schrift im Einklang bleibe. Wichtig ist ein Passus des erwähnten Briefes, welcher mich geradezu verblüfft hat. Nach jenem Passus wären die Resolutionen des Loarck of Jewish Ministers of the city of New- York, über welche ich Ihnen bereits berichtet habe, von den Gegnern der Bewegung in gefälschter Weise in die Presse lancirt worden. Herr Dr. Mendes theilt mir nämlich mit, daß die Rabbinerconferenz in einer Resolution die Berechtigung zur Bildung eines Judenstaates zugegeben, hieran jedoch die Bemerkung geknüpft hat, daß die Juden stets gute Bürger ihres adoptirten Vaterlandes waren und sind. Eine Bemerkung, die jeder Zionist unterschreibt, denn des Zionisten Klage ist es eben,- daß der Jude guter Bürger ist, als solcher aber nicht anerkannt wird. — Wir Zionisten gehen bekanntlich sogar weiter, wir wünschen nämlich, daß die Juden auch in der Zukunft gute Bürger jenes Landes bleiben mögen, in welchen man den Bürgern auch volle Bürgerrechte gewährt. Es scheint aber, als wären die meisten unserer jüdischen Brüder in Amerika über das Wesen des Zionismus im Unklaren. Besonders gilt dies von unseren englisch sprechenden Brüdern, die nur jene Blätter zu Gesicht bekommen, in welchen gewissenlose rabbinische Hetzapostel den Zionismus entstellen und den Leitern der Bewegung niedrige Motive unterzuschieben suchen. Es thäte aus diesem Grunde wahrlich noth, in englischer Sprache ein zionistisches Organ zu gründen, um einerseits den Hetzaposteln das Handwerk zu legen und andererseits — was wohl die Hauptsache sein muß — den Zionismus in seiner wahren, herrlichen Gestalt zu zeigen. Wir tragen uns auch ernstlich mit der Absicht, neben der „Toleranz" ein englisches Blatt zu gründen. Freilich geht das nicht im Handumdrehen. Unter unseren deutschsprachigen Brüdern wächst die Bewegung in erfreulicher Weise. Die „Chowewe Zion" hatte letzten Sonntag in der Eldridge-Street-Synagoge eine Versammlung, welcher über 2000 Menschen beiwohnten. Die Redner rissen die Zuhörer hin. Für Montag hatte ich im Namen des Centralvereines der amerikanischen Zionisten nach Liberty Hall eine Massenversammlung einberufen, um den mir eingeschickten Auftuf von Dr. Theodor Herzl zur Verlesung zu bringen. Trotz der herrschenden Gluthitze war der Saal gedrückt voll und tiefe Spannung malte sich auf allen Gesichtern, als der Vorsitzende Rabbiner Kopfstein in seiner Eröffnungsrede erklärte, daß zum Schluffe der Versammlung als xisos ätz resistance der Aufruf Dr. Herzl's zur Verlesung kommen werde. Als Redner fungirten die Herren Julius Gotllieb und Jos. Rappaport, begeisterte Zionisten, deren aus dem Herzen kommenden Worte sichtlich in die Herzen der Zuhörer drangen. Nachher erhielt ich das Wort, um nach einer längeren Einleitung den Auftuf zu verlesen. Minutenlanger, tosender Beifall begleitete die Verlesung des Auftufs. Die Begeisterung wollte kein Ende nehmen. Der Auftuf Dr. Herzl's bildet nun im Kreise der Juden das Tagesgespräch und wird dieser Aufruf in wenigen Tagen in deutscher, englischer und Jargonsprache im Druck erscheinen und zur Vertheilung gelangen. . Eine in Brooklyn dieser Tage gegründete zionistische Organisation wird Dienstag den 13. Juli ihre erste Massenversammlung abhalten. Ebenso sind in mehreren Städten des Staates New-Uersey Zionsvereine im Entstehen. Für den Congreß gibt sich ein ungemein lebhaftes Interesse kund. Es werden nicht allein die Vereinigten Staaten vertreten sein, auch Canada wird Repräsentanten nach Basel entsenden und besonders Montreal, wo die amerikanischen Rabbiner gegenwärtig ihre Berachungen abhalten, scheint mit der Entsendung von Delegaten gegen manche Rabbiner demonstrirett zu wollen.

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