Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 9 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- 1 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315719--00806-3379705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MfinAjien Redaction und Administration. Wien II., Rembrandtstraße 11. jlreise der Zeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Welt. Nr. 9. I Jahrgang. Erscheint jeden Freitag. Wien, 30. Juki 1897. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration Wien, II., Rembrandtstraße 11, zu richten. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. , ■=,,:,z===:^.0 Bezugspreise. Jür Hesterr.-Angcrrn: Halbjährig 3 fl. — 6 Kr. Ganzjährig 6 fl. 12 Kr. Jür das Ausland: Halbjährig 4 fl. 8 ßr. Ganzjährig 8 fl. 16 Kr. Einzelne Nummern 15 kr. 0 - - .. :.z=.==Q Deutsche Rabbiner. Von Dr. I. Rülf (Memel). Auch der Herr Prediger Dr. Leimdörfer in Hamburg hat sich bemüssigt gefühlt, in der „Allg. Ztng. des Judenth." eine Kundgebung gegen den Zionismus und das Nationaljndenthum zu veröffentlichen, und zwar in einem Kauderwelsch, das uns ein Lächeln ablocken würde, wenn solch' schauspielerisches, phrasenhaftes, mantelträgerisches Wesen nicht als Eigenthümlichkeit einer entarteten Partei des Judenthums, vorzugsweise jedoch des deutschen Judenthums, betrachtet werden müßte. Da find denn doch die Herren Doctoren May bäum und Vogel st ein ganz andere Kerle; das sind doch wenigstens vernünftige Männer, mit denen sich auch ein vernünftiges Wort reden läßt. „Als ein für die Ehre des Judenthums kämpfender Lehrer in Israel," so beginnt Herr Dr. Leimdörfer sein Gewäsch. Der Mann nennt sich einen Lehrer in Israel, um wenige Zeilen weiter dieses Israel zu verleugnen, zu verschmähen, zu verrathen. Das ist aber die Logik aller dieser Leute; ihr Leben und ihre Lehre, ihr Beten und Predigen wurzelt fest und unausrottbar im Boden des nationalen Judenthums, gilt es aber die nationale Fahne und Farbe hochzuhalten und offen zu tragen, dann schrecken sie zurück und rufen: Wir sind gar kein jüdisches Volk, wir find nur eine jüdische Religionsgemeinschaft. Freilich, fteilich, fie sagen mit den Propheten: „Ich muß doch meinen Freunden nachgehen, die Spender meiner Speise und meines Trankes, meiner Wolle und meines Leinens, meines Oeles und meiner Labung." Allein, Geduld! Geduld! „Ich sehe es aber nicht jetzt, ich schaue es aber nicht nahe," auch das weitere Wort des Propheten (Hos. 2. 7 ff.) wird dereinst Bestätigung finden: „Siehe, ich versperre deinen Weg mit Dornen, verzäune ihn mit einer Mauer, daß Du ihre Pfade nicht findest. Und fie läuft ihren Buhlen nach und erreicht sie nicht, suchet fie und findet fie nicht; und so spricht sie: „Ich will doch gehen und zurückkehren zu meinem ersten Manne, denn damals hatte ich es doch besser als heute." O, der Prophet, hat sein Volk verstanden, wenn fie ihn nur auch verstehen wollten. Das Hauptargument, welches Herr Dr. L. in's Feld führt, lautet folgendermaßen: „Denn unsere Religion hat ihren siegreichen Zug durch die Welt vom Sinai aus angetreten; der flammende Sinai und nicht die Scholle von Kanaan ist die Geburtsstätte des Judenthums." Eine unglücklichere Begründung seiner Angriffe hätte er gar nicht wählen können Die Offenbarung des Sinai beruht auf dem festen und unerschütterlichen Fundamente des einen einzigen Ausspruches: „Ihr aber, so ihr meiner Stimme gehorchet und meinen Bund haltet, so sollt ihr mir ein Eigenthum iein vor allen Nationen, denn mein ist die ganze Erde. Ihr aber sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." Eine Nation, ein Reich, ein Volk! Israel eine Nation, ein Reich, ein Volk, das ist ein Fundamentalsatz von eben solch' unverbrüchlicher Giltigkeit, wie der Ausspruch: „Ich bin der Herr, dein Gott." Das einheitliche Volk Israel ist der Träger des einheitlichen Gottesbewußtseins Ihr Volksthum haben diese Männer verlassen und vergessen, umsomehr betonen sie ihre Religion, die ihnen, wenn man dem Volksmunde Glauben schenken darf, noch gleichgiltiger sein soll. So ruft denn auch unser Held mit Emphase: „Was aber ist den Zionisten die jüdische Religion!" Gemach, mein Freund — schau' sie Dir nur einmal an, diese Zionisten in Deutschland, Oesterreich, Rußland, England und Amerika. Fast sollte man annehmen, sie schätzen ihre jüdische Religion eben so hoch, wie Herr Leimdörfer und Genossen. Kennt Herr Leimdörfer vielleicht den der Wissenschaft geltenden Dichterspruch: Einem ist fie die hohe, die himmlische Göttin, dem Anderen Eine tüchtige Kuh, die chn mit Butter versorgt. Ich glaube, wenn man im vorliegenden Falle den Spruch zur Anwendung bringen und einen Vergleich ziehen wollte, so würde gewiß der bessere Theil des Satzes den Zionisten zufallen. Der Zionismus — ich für meine Person, sage viel lieber, das Nationalitätsbewußtsein, die jüdisch-nationale Idee, das Stammes- und Bolksgefühl — soll dem Glauben und seinen Bekennern in den Augen der Welt geschadet haben. Ich bin der entgegengesetzten Meinung und Ueberzeugung. Dem Glauben hat er keinen Abbruch gethan, denn mitten aus einem ernsten, begeisterungsvollen Glauben heraus hat er seinen Ursprung gewonnen und so viel ist gewiß, daß diese sogenannten Zionisten zehnmal mehr fromme Gesinnung und jüdisch-religiöse Gesetzestreue besitzen als ihre Gegner. Und Wunder hat der Zionismus hervorgebracht — die Religionsgeschichte hat viele Wunder zu verzeichnen, ein solches vielleicht noch gar nicht. Ich habe unter der deutsch-jüdischen, besonders unter der studirenden Jugend Zöglinge getroffen, Söhne, deren Eltern dem Judenthum bereits völlig entfremdet waren, sogar Söhne von Akademikern (Aerzten, Juristen) — was das bedeuten will, weiß der Eingeweihte zu würdigen — die wieder glaubenseifrige, gesetzestreue Juden geworden waren: Das hatte der Zionismus bewirkt. Und da soll der Zionismus der Religion zum Schaden gereichen! — Auch bei den Bekennern anderer Religionen und Zugehörigen anderer Nationen hat unS der Zionismus gewiß nicht schaden können. Ich hatte die Empfindung von Jugend an, daß ein lebendiges ziel- und selbstbewußtes Stammes- und