Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 24 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit«: LM „Die Weltertönte und tiber all. wo Juden wohnen. Wiederhall erweckte'.' Waruni nun sollte nicht dieser selbe Congress die Heilmittel gegen das Uebel prüfen können, selbst wenn es sich um eine mehr loeale Angelegenheit handelt? Kann denn das jüdische Volk es vertragen, seine Energie zu zersplittern, indem es neue „internationale" Vereinigungen schafft, wenn doch schon ein jüdischer Congress, eine Vertretung von ganz Israel existiert? Dort sind alle Meinungen vertreten, unter den Vertretern sind nicht nur Aerzte, sondern auch Kranke, nicht nur Berather, sondern auch Rathsuchende. Leidende! Und ohne die Zustimmung dieser letzteren sind ja alle Heilmittel umsonst!" Im Februarheft der .Republique de demain" spricht Henri Gaillard über die Judenfrage. Sein letztes Capitel ist dem Zionismus gewidmet, den er als die einzige Rettung des jüdischen Volkes bezeichnet. Im „New-Yorker Journal" nimmt Rev. Dr. Gustav G o 11heil das Wort in der Judenfrage und bemerkt unter anderem: „Es ist zweifellos, dass die zionistische Bewegung eine Antwort auf" den Versuch der Antisemiten ist. die den Fortschritt aufhalten und die Volksmeinungen vergiften wollen. Ebenso kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die grösste Action, die jemals die Juden der ganzen Welt beschäftigt hat, der Zionismus ist." In Nr. U. des Mainzer »Israelit" tritt Herr Ahron Eliasberg einem Artikel dieses Blattes entgegen, in welchem der Zionismus vom orthodoxen Standpunkte aus bekämpft wird. Namentlich gegen die so oft widerlegte Behauptung wendet sich Herr Eliasberg, als würde der Zionismus das religiöse Gefühl der Massen untergraben. Die leitenden amerikanischen Tagesblatter befleissen sich, ihre Leser über die zionistische Bewegung auf dem Laufenden zu halten. So finden wir in einer Nummer der „Chicago Tribüne" eine Notiz aus der Feder unseres wackeren Gesinnungsgenossen Leon Zolotkoff, in der sieh derselbe über die palästinensischen Colonien und den Zionismus ausspricht. In dem letzten Hefte einer der bedeutendsten und ein flussreichsten Monatsschriften Russlands, der ..Russkaja Mislj". ist ein umfangreicher Artikel über den III. Congress veröffentlich worden, der mit dem Signum L. J—e versehen ist. Dieser Artikel veranlasst den politischen Chroniqneur der Monatsschrift, zum erstenmal« über den Zionismus in objectiver, sympathischer Weise zu snreehen. In den St. Petersburger ..Nowosti' erschien vor kurzer Zeit eine Artikelserie von L. J. über den Zionismus. Zwei Artikel berichten über das Wesen des Zionismus, über die zionistische Agitations-. Organisatons- und Culturarbeit, über die Colonialbank und deren Aufgaben, über die politischen Erfolge des Zionismus und das Verhalten der christlichen öffentlichen Meinung zu ihm. Die übrigen vier Artikel beschäftigen sich ausführlich mit dem III. Congress. In der sehr verbreiteten und angesehenen Zeitung „Birscbewija Wjedomosti" erschien ein Bericht über den III. Congress in zwei Fortsetzungen von dem Baseler Correspondenten dieser Zeitung L. Borissoff. Die antisemitische ..Nowoje Wremja' bespricht den Zionismus in einem redactionellen Artikel. Hauptsächlich werden der III. Congress, die Colonialbank und der Empfang der zionistischen Deputation beim deutschen Kaiser erörtert. Der Artikel ist selbstverständlich antisemitissh gehalten, aber für diese Zeitung immerhin in bemerkenswert anständiger Weise. Das Blatt kümmert sich wenig um die ideelle Seite des Zionismus. „Für die europäischen Nationen*, bemerkt es am Schlüsse des Artikels, „ist die praktische Seite des Zionismus viel wichtiger und interessanter. Wenn es dieser jüdischen Bewegung gelingen wird, die europäischen Länder und besonders Russland von dem Ueberflusse an Juden zu befreien, dann wird der .Zionismus jenes moralischen Beistandes wert sein, von dem Dr. Her/1 spricht." Bücherwelt. Rom und Jerusalem. Vorwort von Dr. Bodenheime r. Zur Neuausgabe des Hess'schen Werkes. Lange vor dem Untergange seines nationalen Staates ertönte Jahrhunderte hindurch die warnende Stimme begeisterter Propheten dem jüdischen Volke. In göttlichen Visionen, die sie in eine wuchtige dichterische Sprache hüllten, sahen sie die Geschichte des Volkes Israel sich entfalten. Nichts in der Literatur aller Völker gleicht an dämonischer Grossartigkeit und poetischer Schönheit den Reden, in denen sie dem Volke den Weg zur Rettung, zur Wahrheit wiesen. Was ist es aber, das uns mit noch grösserer Gewalt heim Lesen dieser Dichtungen eines Jesaia und Jeremia erschüttert, das immer und immer wieder uns in tiefster Domuth beugen lässt.'vor dem erhabenen Genie jener gottbegnadeten Männer? Es ist der Gedanke, dass ihre Prophetieen nicht nur damals bald darauf zur traurigen Wahrheit wurden, sondern dass sie wie ein Herold der Geschichte mit den Posaunenstössen ihrer gewaltigen Worte der Welt das tausendjährige Schicksal des jüdischen Volkes kundgegeben. Wenn wir heute die Jahrzehnte fast verschollene Schrill des ersten Vorkämpfers der modernen zionistischen Idee in Deutschland wiederum der öffentlichen Meinung unterbreiten, da klingen uns seine Worte fast wie die eines in die Zukunft blickenden Propheten der alten Zeit. Wenn auch die äusseren Verhältnisse der Völker in dem Zeitraum von fast 10 Jahren, der seit dem Erscheinen dieser Schrift verflossen, sich verschoben haben, wenn auch neue Factoren in der europäischen Politik Geltung und Einfluss erlangt haben, der Kinheitstraum des deutschen Volkes zur kraftvollen Wirklichkeit geworden ist, so ist doch seine Schilderung des traurigen Zustandes der jüdischen Nation noch ebenso wahr und treffend wie vor mehr als einem Menschenalter. In knappen Sätzen, die in ihrer Kürze und Klarheit Axiomen gleichen, zeigt er uns den VViederaiiferstehungsgedanken der jüdischen Natur als notwendiges Glied in der Entwicklung der geschichtlichen Culturvölker. Derb trifft sein Spott jene Juden, welche ohne Glauben an irgend eine Religion ihr Volksthum verleugnen und das Heiligthum ihrer Väter verschachern, wenn er uns den Sohn eines getauften Juden vorführt, der sich unablässig vergebens müht, sein krauses Haar vor dem Spiegel in schlichtes zu verwandeln. Wie Geisseihiebe treffen seine logisch entwickelten Schlüsse das christianisierende Reformjudenthum, welches das jüdische Volk unterTdem Mantel der Aufklärung an das Taufbecken führte. Aber auch Hess, mit dem scharfen Blick eines Realpolitikers, konnte nicht voraussehen, dass gerade das moderne Rabbinerthum, welches berufen wäre, die jüdische Nation zu führen, dem mühsam ringenden Israel in dem Augenblick in die Parade fallen würde, wo es sich aufrafft, den Todesstoss von seinem aus tausend Wunden blutenden Leibe abzuwehren. Ist es jedoch nicht eingetroffen, wenn er ankündig, dass die politische Richtung, welche den deutschnationale,,' Gedanken zum Zerrbilde der Deutschthümelei verwandelte, de,, Nährboden des schlummernden Judenhasses abgeben würde Ferne lagjes einem Moses Hess, der vor wie nach den Gedanken der deutschenjDemokratie mit patriotischer Hingabe vertrat, dem deutschen Volke zuzutrauen, dass es in seiner Gesammtheit oder überwiegenden Majorität die Gedanken der" Freiheit in irgend einer Form auch den Juden gegenüber preisgeben könnte. Stellt er doch das deutsche Volk so hoch, darr er ihm eine vorzügliche Rolle in der Herbeiführung des Gesehichtssabbaths der Culturvölker zutheilt, Aber mit Recht legte er den Finger auf die Wunde, welche unter den freien Völkern Europas stets die noch ungelöste Judenfrage bildet. Die Lösung dieser Frage erblickte er in der nationalen Wiedergeburt, welche alle anderen Geschichtsvölker beim^Beginn und in der Mitte dieses Jahrhunderts erlebten. JenerTMissionstheorie, welche vorgibt, dass die Zerstreuung und Knechtung des jüdischen Volkes ein von Gott gewolltes*Mittel sei. um seine Religion unter den Völkern zu verbreiten, die der geschichtlichen Wahrheit geradezu Hohn spricht, stellt er jene hohe Mission gegenüber, welche das jüdische Volk erfüllen könnte, wenn es wieder auf eigenem Boden eine nationale Cultur entwickelte. An Grösse stehtT-seinef Auffassung der jüdischen Mission keineswegs hinter derjenigen der Apostel des „Goluth" zurück, wenn er den"""geschichtlichen Werdegang der Culturvölker mit der Freiheit des Volkes, der Religion und der socialen Gerechtigkeit eine neue Aera der Humanität eröffnen lässt, an Überzeugungskraft und innerer Wahrheit überragt sie dieselbe, weil sie nichts von der Gegenwart, alles von der Zukunft erwartet; weil sie. ohne den mystischen Hoffnungen gläubiger [Frömmigeit nahe zu treten, die Rettung des jüdischen" Volkes mit der göttlichen Hilfe dem eigenen Willen^undfseiner sittlichen Kraft anvertraut. Dem'Kenner seiner Zeit dürfte auch die Hoffnungsfreudigkeitlhegreifiich sein, mit der er die Freiheit seiner Nation aus den Händen des französischen Volkes zu * empfangen dachte, welches ja auch den Freiheitsgedanken des griechischen und italienischen Volkes mit Begeisterung unterstützt hatte, und das sich dem Gedanken nicht verschlissen konnte, dass das jüdische Volk auf dem Boden